Fluchtversuche von Markus Orths, 2006, Schöffling

Fluchtversuche.
Erzählungen von Markus Orths  (2006,
Schöffling&Co.).
Besprechung von Helmut Haberkamm aus den Nürnberger Nachrichten vom 6.11.2006:

Bloß weg von hier
Markus Orths’ neuer Roman „Fluchtversuche“

Der Schriftsteller Markus Orths liest heute ab 20 Uhr im Rahmen der „LesArt“ im Kulturforum Fürth, aus seinem Roman „Fluchtversuche“.

Keine Frage, Markus Orths mag merkwürdige Gestalten und ihre Fluchtversuche. Der Autor des satirischen Bestsellers „Lehrerzimmer“ erzählt in seinem neuen Buch einige Geschichten, die urkomisch und doppelbödig, aber oft auch gleichnishaft und philosophisch daherkommen. Ungemein witzig präsentiert er etwa einen von Prüfungsangst geplagten Studenten, der nach einer Horrornacht verschläft, um dann gerädert und verspätet zur Examensklausur in Philosophie hetzen zu müssen. Statt des erhofften Heidegger-Themas wartet dort jedoch eine schier unlösbare Aufgabe zu Leibniz’ Monadenlehre auf ihn: Er hat die Arschkarte gezogen. In seiner Verzweiflung malt er eine obszöne Zeichnung aufs Papier, die am Ende eine überraschende Wende seines Schicksals herbeiführt.

Weitaus ernster wirkt „Das Diktat“, eine Geschichte, in der sich die Achtklässlerin Mona, ein Einzelkind, auf der Flucht vor den streitenden Eltern befindet, aber auch vor dem Englischdiktat beim Lehrer Fritsche, dessen Unterrichtsstil ebenso streng ist wie sein Mundgeruch. Sie läuft zur 97-jährigen Tante Christine, die nach einer Brustoperation in der Klinik liegt und von Hund Bobby halluziniert, der ihr einst entlief, vor 86 Jahren. Auf sehr berührende Weise werden Fantasien und Gefühle eines Mädchens mit dem Lebensende einer alten Frau verschränkt, formal wie inhaltlich äußerst stimmig und packend.

Die Spannweite dieser Erzählungen reicht vom bloß Kauzig-Skurrilen bis zum Surrealen und Kafkaesken. Dabei taucht das Motiv der Fluchtversuche immer wieder neu auf. „Gentechnik, Klonen, neueste Erkenntnisse auf dem Gebiet der Computerentwicklung, virtuelle Realitäten, parallele Universen: Der geheime Sinn all dessen liege doch darin, dass jeder Mensch danach strebe, der gewöhnlichen eigenen Realität immer irgendwie zu entfliehen, um in einer parallelen Welt zu leben, ohne aber die erste, wirkliche Welt aufgeben zu wollen“, heißt es in „Kruft und Schill“, einer pointensatten Parabel über die ominöse Macht von Ideen und Geschichten. In einer anderen Erzählung wird ein Fan ins spanische Feriendomizil einer berühmten Schönheit eingeladen, um dort Katzenföten vorgesetzt zu bekommen und in ein mysteriöses Tötungskomplott zu geraten, so dass er um sein Leben fürchten muss.

In „Kleine Welt“ sucht der Erzähler mit seinen knapp 30 Jahren Zuflucht in einer Anstalt. Warum? Seit er im Urlaub im Gesicht einer alten, schlitzäugigen, zahnlosen Maya-Frau seine schwäbische Nachbarin erkannt hat, ging ihm ein Licht auf: Alles Fremde und Neuartige ist nichts als bloß das nur allzu Bekannte. Und hinter „dem ewig Gleichen, dem Vertrauten, witterte ich schnell schon die Gewöhnlichkeit, und hinter der Gewöhnlichkeit steckte die überall herrschende Langeweile, die Öde des Daseins.“ Die Welt, das sind „nur Abziehbilder meiner selbst“. Die Folgen sind hanebüchen: Verhaltensstörung und Gewalt gegen den Vater. Die ganze große Welt schrumpft auf den eigenen Kopf in einer Einzelzelle. Was für eine durchgeknallte Gestalt! Solche findet man im Buch noch einige. Wahnsinnig lesenswert!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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