Fluchtpunkt von Andreas Schendel, 2002, Nagel und KimcheFluchtpunkt. Geschichte einer Liebe
Roman von Andreas Schendel (2002, Nagel&Kimche)
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 24.9.2001:

Rettung im letzten Drittel
Viel versprechend: Andreas Schendels Roman "Fluchtpunkt" versucht, das Leiden literarisch zu bewältigen

Wieviel Leid Menschen ertragen? Unvorstellbar, geradezu grauenhaft viel. Wieviel Leid Literatur verträgt? Weit Weniger. Denn selbst wenn sich ein Romanautor genau auf die Wirklichkeit stützte, bliebe es doch so, dass sein Buch nur soviele Qualen in sich aufnehmen kann, wie sein Schöpfer künstlerisch darzustellen in der Lage ist. Gelingt es ihm nicht, stellt sich dich Frage, ob Autoren extremes Leid als starken Reiz bloß benutzen. Man könnte schon manchmal auf solche Ideen kommen, wenn ein Juror belletristischer Literatur, durch dessen Hände gerade viele als sehr förderungswürdig klassifizierte Manuskripte gingen, berichtet, über die Hälfte handelten vom Holocaust, manche nur am Rande, doch für eine ganze Reihe sei es das zentrale Thema.

Zu den jüngeren deutschen Autoren, die sich mit dem Holocaust literarisch auseinandersetzen, gehört Andreas Schendel, Jahrgang 1971, der bereits mehrere Kinderbücher und einen Roman veröffentlicht hat. Bei ihm allerdings kommt der Verdacht nicht auf, er bediene sich lediglich eines schlimmen Schicksals. Doch die literarische Bewältigung ist diskutabel.

In Fluchtkommt kommt das jüdische Mädchen Rebekka 1942 um, soviel erfährt man gleich zu Beginn des Romans. Doch die Nazis sind nur sehr indirekt dafür verantwortlich. Dieser Tod, der Tod von Rebekkas Onkel, und ein weiterer Tod werden die zentrale "Geschichte einer Liebe" zwischen dem Iren Sam und der Norwegerin Signe dominieren; eine Geschichte, die im Paris der deutschen Besatzung beginnt. Extrem langsam wird dem Leser klar, wie grässlich Rebekka, wie tragisch ihr Onkel, wie verdient der Dritte ihr Ende fanden.

Denn Andreas Schendel erzählt dieses Kriegsschicksal und seine Folgen in stark verschachtelter Form, aus vielen Perspektiven, in Zeitsprüngen vorwärts und rückwärts, in langen Traumsequenzen und Tagebucheintragungen Sams, in zahlreichen Dialogszenen, in diversen Häppchen kurzer Abschnitte, in die er knapp gefasste historische Daten einstreut sowie Gedanken von Chaplin und Hitler.

Notwendiger Einschub: Von diesem Buch habe ich geträumt, gleich in der Nacht, nachdem ich es gelesen hatte. Wie der Held des Buches wurde ich in einer verzweifelten Situation von einer Frau gerettet. Dieses ganz und gar unanalytische, allein subjektive und doch für die Qualität und Wirkung aussagekräftige Argument weiterer Kritik voranzuschicken, erscheint notwendig, um die ebenfalls berechtigten Einwände gegen dieses Buch zu relativieren.

Die Tagebuchabschnitte von Sam beispielsweise wirken viel zu literarisiert, zumal für jemanden, der gerade traumatische Erlebnisse hinter sich hat, und die Briefe von Rebekkas Onkel an seinen Bruder muten angesichts der Tatsache, dass es jahrelang keinen Kontakt gab und Herr Blum größte Schwierigkeiten mit dem Briefeschreiben hat, viel zu ausführlich an, viel zu gefühlig, viel zu erinnerungs- und geständnisfroh (außerdem berichtet der Bruder dem Bruder Dinge, die ihm selbstverständlich sein müssen). Die ausführlichen Traumsequenzen überzeugen nicht, ihre einfache, doch von gesuchten Wörtern durchsetzte Beschreibung wirkt konstruiert, ihre Häufigkeit ermüdet mit der Zeit, ihre Symbolik ist zuweilen recht schlicht (genau wie in der Realwelt des Buches die der Encyclopaedia Britannica, die für eine geordnete Welt in Fugen steht und Sams winziges Zimmer für eine aus den Fugen geratene Welt). Die Zeitenfolge wird nicht eingehalten, zuweilen wechselt das Tempus von Satz zu Satz. Dazu verwundern sachliche Fehler ein wenig: Auf einer damaligen Schallplatte passte ein Tannhäuser-Querschnitt nicht, sie hatten viel zu kurze Laufzeit; die Ouvertüre und zwei, drei Gesangspartien wären schon viel gewesen. Die beschriebenen berühmten Hitler-Postkarten zeigen diesen nicht bei einer Rede, sondern wurden von seinem Hoffotografen speziell für Propagandazwecke hergestellt. Als Sam und Signe ins Kino gehen, kündigt er einen Fritz-Lang-Film an, "den mit dem Roboter", also "Metropolis", beschrieben wird aber "M", was eine Seite später auch erwähnt wird.

Weil die Sprache grundsätzlich einfach bleibt, weil Szenen und Figuren eher konventionell ausfallen - der schweigsame norwegische Bauer, der kinderliebe Ire, die strenge, doch herzensgute Concierge, die geilen, eingebildeten und endlos quasselnden Pariser Künstler -, fällt es nicht leicht, der komplizierten Struktur bis zum Ende zu folgen. Immer neue Andeutungen auf das schreckliche Sterben verlieren im Laufe der Zeit ihre spannungssteigernde Wirkung, man fühlt sich ab und zu so ausgeschlossen und matt wie Sam und Signe, die seit dem Ereignis nicht mehr miteinander reden können.

Man rechnet schon gar nicht mehr damit, dass etwa ab dem letzten Drittel das Tempo und die Dramatik zunehmen, wenn Sam verhaftet und eine verzweifelte Flucht aus Paris beschrieben wird, wenn endlich die Auflösung des auf den Protagonisten lastenden Erlebnisses doch noch erfolgt. Auch hier gibt es zwar Ungeschicklichkeiten und extrem zugespitzte Szenen, doch der Eindrücklichkeit schadet das nicht. Dieses Schlussdrittel mit dem fürchterlich freundlichen Verhör durch die Nazis und die grauenvolle Flucht bleiben im Gedächtnis, beschäftigen die Phantasie des Lesers und retten die Figuren wie das Buch. Hier zeigt sich der junge Autor durchweg künstlerisch mit dem Leid auf Augenhöhe.

So bleibt zu wünschen, dass eine weitere Entwicklung seiner literarischen Fähigkeiten Schendels reiche Erfindungsgabe, seine Darstellungskunst historischer Atmosphäre und seinen Sinn für Dramatik noch besser zur Geltung brächten.

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