Flieh mit dem Löwen von Benito Wogatzki, 2007, Das Neue Berlin

Flieh mit dem Löwen.
Roman von Benito Wogatzki (2007, Verlag Das Neue Berlin
).
Besprechung von Steffen Richter aus der NRZ vom 6.07.2007:

Nur nicht ohne Lob und ohne Schande
Das Gegenteil von Altherrenprosa: "Flieh mit dem Löwen" von Benito Wogatzki.

Wer Benito Wogatzki aus DDR-Zeiten kennt, dürfte erstaunt sein. Waren seine Romane "Romanze mit Amélie" oder "Das Narrenfell" nicht sozialistische Alltagssatiren, parteilich und recht bieder? Nun hat derselbe Wogatzki ein Buch geschrieben, das zwischen alle Register fällt. Am ehesten könnte man es als Gesellschaftsroman mit hohem Thriller- und Comic-Anteil bezeichnen. Vielleicht ist es sogar ein verspäteter Wenderoman, der in DDR-Erfahrungen wurzelt, aber eine viel größere Geschichte erzählt: eine über das Chaos zwischen den Ordnungen, über Verrat und Schuld durch Zeugenschaft.

Die Irrtümer, die Wunden

Wogatzki, der mittlerweile in Südfrankreich lebt, galt zu Recht als "staatsnah". Ein ausgewiesener Kenner der DDR-Literaturszene beschrieb ihn gar als "schlicht-dogmatisches Gemüt". Sitzt man ihm heute gegenüber, ist nichts davon zu spüren. Sicher, mit seinem Geburtsjahr 1932 gehört er zu jener Generation, die es mit dem Sozialismus ernst meinte. Dabei ließ sich er sich den Mund nicht verbieten. Am Ende der DDR waren ein Dutzend Spitzel auf ihn angesetzt.

Bis 1989 war Wogatzki Journalist, Romancier und Fernsehautor. Dass er keine Berührungsängste bei trivialen Genres kennt, kam ihm nach der Wende zugute. Für das ZDF ("Mordslust") oder SAT 1 ("Schwester Stefanie") hat er Folgen geschrieben. Nun ist er zum Roman zurückgekehrt, und dem ist die Drehbuch-Praxis deutlich anzumerken. Die Dialoge sitzen, die Bilder sprechen für sich. Oberflächlich betrachtet ist das Buch eine aberwitzige Kriminalgeschichte um eine Serienmörderin und Glücksritter aus Ost und West.

Es gibt jede Menge Slapstick und groteske Szenen wie eine Jubeldemonstration, die als Endlosschleife an einem greisen Staatschef vorbeigeführt wird. Eingebettet ist das alles in eine verschachtelte Erzählkonstruktion; anarchische Abschweifungen führen sogar zur vietnamesischen Zigaretten-Mafia und einem kurzsichtigen Berufskiller. Der Ton lässt sich als ironisch gebremstes Pathos beschreiben. Wenn es das Gegenteil von Altherrenprosa gibt, heißt es "Flieh mit dem Löwen". Untergründig aber geht es hier um sarkastisch camouflierte Verletzungen politischer und persönlicher Art, um Täuschungen und darum, wie ein Staat ein Individuum korrumpieren kann. Im Unterweltszenario einer "Dante Disko" deklamiert ein Schauspieler: "Schmach über die Bande! / Die ohne Lob gelebt und ohne Schande / Die, ohne gegen Gott sich zu empören, / ihm treu nicht, sondern unparteiisch waren!" Die Verse aus der "Göttlichen Komödie" taugen als Motto des Buchs. Es handelt davon, Irrtümer zu begehen und Wunden davonzutragen. Glücklich, wer wie Wogatzki frei von Rechthaberei, von Verklärung oder Bitterkeit davon erzählen kann. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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