Fliehe weit und schnell von Fred Vargas, AufbauFliehe weit und schnell.
Roman von Fred Vargas (2003, Aufbau-Verlag
- Übertragung Tobias Scheffel).
Besprechung von Mascha Kurtz aus dem titel-magazin, 2003:

Weiblich, französisch, geheimnisvoll

Französische Archäologen müssen sehr viel Urlaub haben. Denn Fred Vargas schreibt ihre Bücher in den Ferien. Im Aufbau-Verlag ist nun schon ihr sechster Roman herausgekommen, und der ist nicht gerade dünn. Wegen des rötlichen Tons des Schutzumschlags ähnelt das Werk einem Ziegelstein, ist jedoch wesentlich unterhaltsamer. Der Verlag bezeichnet Vargas’ Bücher als Kriminalromane, was insofern stimmt, als das es einen Kommissar gibt, Tote und einen Mörder. Aber das ist längst nicht alles.

Kommissar Adamsberg hört der verwirrten Frau eigentlich nur aus Mitleid zu: An die Wohnungstüren in ihrem Haus sei mit schwarzer Farbe groß die Zahl Vier gemalt. Schmiererei, kein Grund zur Aufregung, denkt sich Adamsberg. Bis er herausfindet, dass es in ganz Paris bemalte Türen gibt, und dass die schwarze Vier im Mittelalter ein Schutzzeichen gegen die Pest darstellte. Leider sind nicht alle Türen bemalt, und Adamsberg sieht sich bald der ersten Leiche und einem Haufen Rattenflöhe gegenüber.

Joss, der Ausrufer, sieht sich dagegen seltsamen Botschaften gegenüber. Der Ex-Seemann verkündet als lebendes Stadtmagazin dreimal täglich die neuesten Nachrichten und Anzeigen, die ihm die Bewohner des Viertels zusammen mit 5 Franc in seinen Kasten stecken. Erst der selbsternannte Lebensberater, Ex-Häftling und Gelehrte Decambrais findet heraus, dass es sich bei den wirren Ankündigungen um Auszüge aus Werken handelt, die sich sämtlich mit einem Thema befassen: dem Schwarzen Tod.

Das zu lesen, bietet enorm viel Lesevergnügen, weil Vargas ihre Figuren nicht als Statisten und Stichwortgeber benutzt, sondern sie mit Leben ausstattet. Josephine, die dicke Ex-Hure, der dümmliche, aber liebenswerte Damas und seine naive Schwester, Joss, der seinen Job sehr ernst nimmt und der steife Decambrais scheinen direkt aus einem “Amélie”-artigen Film zu kommen, ohne unglaubwürdig zu wirken. Kommissar Adamsberg ist ein französischer Columbo, immer etwas zerknittert und in Frauengeschichten verstrickt. Ihm zur Seite steht Danglard, Alkoholiker und alleinerziehender Vater von fünf Kindern. Was diese Leute bewegt, ist manchmal fast spannender als die Frage, wer für die schwarzgefleckten Leichen verantwortlich ist. Aber nur fast, denn alles hängt mit allem zusammen. Adamsberg, der auch im Dienst immer Mensch bleibt, lässt sich auf das Leben im Viertel ein, zecht mit Joss und hält die Augen offen. Und wer fleißig die Augen offen hält, wird irgendwann auch etwas entdecken.

Wer und was wirklich hinter den Pesttoten von Paris steckt, bleibt lange unklar, obwohl Vargas den beiden Initiatoren (einem denkbar ungewöhnlichen Mördergespann) immer wieder über die Schulter blickt. Ganz zum Schluss gelingt Vargas noch ein virtuoser Schwenk auf eine vollkommen überraschende Lösung. Mehr wollen wir nicht verraten, um den Lesespaß nicht zu verderben.

Mit viel Können entwickelt Vargas’ ihre Geschichte, führt sie ihr Romanpersonal. Ich zweifle, ob Krimitraditionalisten solche Bücher lieben, denn der Leser hat keine Möglichkeit, selbst Detektiv zu spielen. Worum es eigentlich bei der ganzen Sache geht, bleibt verborgen bis kurz vor Schluss. Wer aber eine saftig gemalte Milieuschilderung und das Geheimnis liebt, ist bei Fred Vargas gut aufgehoben. “Fliehe weit und schnell” ist ein äußerst spannendes Buch mit lebendigen Charakteren, sehr weiblich, sehr französisch: ideale Lektüre für einen langen Abend oder die nächsten Ferien. In denen Fred Vargas wahrscheinlich schon an ihrem nächsten Fall arbeitet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

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