Fliehende Landschaft.
Roman von Wolfgang Hermann (2000, Haymon).
Besprechung von Armin A. Wallas aus Rezensionen-online *LuK*:

Fliehende Landschaft
Zu Wolfgang Hermanns neuem Roman

»Bilderfluten an den weißen Wänden«: in der Monotonie und Abgeschiedenheit eines Krankenzimmers, nach einem Herzanfall an das Bett gefesselt, rekonstruiert Wolfgang Hermanns Ich-Erzähler Episoden seines Lebens. Visionen und Tagträume, reale und imaginäre Reisen setzen sich zu Fragmenten der Erinnerung zusammen, gebündelt um Gerüche, Farben und Bilder. Das Krankenzimmer als ein »Nicht-Ort« (ein Ort der Anonymität, des Nirgendwo, der Isolation und Weltentrücktheit), zugleich aber ein »Überall-Ort« (der in seiner sterilen Austauschbarkeit an jedem Ort ähnlich aussieht) setzt die assoziative Erinnerungsarbeit des Erzählers in Gang. Er versetzt sich imaginativ an die Orte seines Lebens: in die Kindheits-Landschaft einer österreichischen Kleinstadt, nach Paris, die »graue Stadt«, in der er darum ringt, seine Kreativität freizusetzen, sich aber eingeengt und gefangen fühlt, nach Sizilien, wo er vermeint, das Leben zu entdecken, schließlich in die tunesische Wüste und in die Welt der isländischen Geysire. Zuletzt sucht er Zuflucht in einer Berghütte am Bodensee, doch auch dort kann er keine Ruhe finden. Die Erinnerung an Orte ist verbunden mit der Erinnerung an Personen: das konfliktbelastete Verhältnis zu den Eltern, die Suche nach dem verschollenen Bruder, die ambivalente, zwischen Nähe und Fremdheit, Liebesglück und Leid changierende Beziehung zu der Sizilianerin Elena und schließlich die Sorge für Marc, ihr gemeinsames Kind. Der Erzähler selbst bleibt namenlos, man erfährt lediglich, sein Beruf sei Schriftsteller, das Buch, an dem er arbeitet, bleibt aber unvollendet.

Das Leben des Erzählers gleicht einer Kette von Fluchtversuchen. Er ist ständig unterwegs, bricht immer wieder auf, es hält ihn nicht lange am selben Ort. Doch auch der ununterbrochene Ortswechsel bringt keine Beruhigung mit sich, vielmehr verstärkt er die Unruhe und Unzufriedenheit. Der Aufbruch, die Reise, das Abbrechen von Bindungen wird so zum Selbstzweck. Das Leben wird zu einer »Irrfahrt«, der Erzähler zu einem modernen Odysseus, der sich ständig auf der Suche befindet, aber nicht mehr weiß, was er eigentlich sucht. Zunächst vermeint er, in der Wüste den »endlosen stillen Raum« zu finden. In der Unendlichkeit des Raumes scheint die Zeit aufgehoben zu sein, ein ähnliches Gefühl empfindet er angesichts der »baumlosen Weiten« Islands. Der Aufbruch in die unermeßliche Weite entspringt einem Gefühl, »ins Nichts zu fallen«, den Halt zu verlieren: »Ich hatte Angst. Eine unglaubliche Sehnsucht hatte mich ergriffen, nach der Wüste, nach billigen Hotelzimmern, nach Stille.« Erst in der Abgeschiedenheit des Krankenzimmers, als er auf sich selbst zurückgeworfen ist, dämmert ihm die Erkenntnis, daß Flucht und Stillstand austauschbar sind, daß auch die Flucht ein Stillstand sein kann. Er lernt ein neues Zeitgefühl kennen – die Zeit enthüllt sich als »ein Bogen«, »der sich über uns spannt«, »durch uns hindurch« geht. Die Weite des Horizonts verdichtet sich auf die Enge des Krankenzimmers: »Alles geschieht überall und zur gleichen Zeit. Soll das heißen, es gibt keinen Unterschied zwischen den Orten? Dann ist dieser Raum hier mit seinem Verwesungsgeruch wie die Wüste, wie Paris?«

So enthüllt sich auch der Herzanfall, den der Erzähler erleidet, als ein Ausweg, den der Körper sucht, um den Gefühlen von Angst, Unruhe, Nervosität und Orientierungslosigkeit zu entrinnen. Im Krankenzimmer, aus dem es »kein Entkommen« gibt, befreit sich das Bewußtsein schrittweise vom Körper und wird so »frei für die Bilder«, die im Gedächtnis gespeichert sind. Schritt für Schritt werden Erinnerungsschichten freigelegt, ein Vorgang, der anhand der Metapher der »fliehenden Landschaft« veranschaulicht wird. Fliehende Landschaft umschreibt das Blickfeld eines Beobachters von einem fahrenden Zug aus. Die Zeit-Raum-Relationen werden scheinbar außer Kraft gesetzt. In der subjektiven Erfahrung des Beobachters gewinnt das Statische Dynamik, heterogene Wirklichkeitsausschnitte werden in willkürlicher, bewegter Abfolge aneinandergereiht. Zudem verliert er das Zeitgefühl, das »Damals« empfindet er als eine »zähe Masse«, sich selbst erkennt er als einen Reisenden ohne Ziel, der »aufbricht auf der Suche nach einem Phantom«, »ohne Gewißheit, ohne Halt, ohne die Möglichkeit, sich in einem anderen zu spiegeln«. Eine weitere Metapher für seine Isolation, Nichtzugehörigkeit und Einsamkeit findet der Erzähler im Regen, dem er sich in Paris ausgesetzt fühlt und dem er nur in den Phasen seiner Flucht zu entrinnen vermag.

Die innere Haltlosigkeit des Erzählers wird begleitet von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, doch seine Suche nach Dialog gelangt niemals ans Ziel. Um eine Wiederholung der an Zerwürfnissen und Eifersucht zerbrochenen, aber doch immer wieder von sexueller Spannung belebten Beziehung zu Elena zu vermeiden, flieht er in die Krankheit; im Zusammensein mit seinem Sohn findet er Ruhe, dennoch läßt er das Kind zurück, als er von Reiselust erfaßt wird; die Konfrontation mit dem sozialen Elend in den Slums von Tunis und das Gespräch mit zwei Revolutionären öffnet ihm zwar die Augen, daß sein »mühsam gezimmertes schönes Leben« eine Illusion sei (eine Anspielung auf Hermanns erste Buchveröffentlichung, die Prosa-Miniaturen "Das schöne Leben", 1988), andererseits vermag er es aber doch nicht, sich den beiden anzuschließen. Auf sich allein zurückgeworfen, findet er nur noch Zugang zur Welt der Toten. Den mythologischen Horizont bildet die aus Platons Phaidon entnommene Schilderung der Flüsse der Unterwelt, die Hermann seinem Roman leitmotivisch zugrundelegt. In Visionen erblickt der Erzähler Tote, die in Zeitlosigkeit aufgehoben, aber dennoch von Unruhe und Einsamkeit gepeinigt sind. Das Buch endet in einer traumhaften, »Vereinigung« überschriebenen Sequenz, in der der Erzähler mit seinem immer wieder gesuchten, aber nie gefundenen Bruder zusammentrifft und mit ihm gemeinsam eine Reise »auf die andere Seite des Lichts« unternimmt. Die beiden überschreiten die Grenze zwischen Hell und Dunkel, Realität und Vision, Leben und Tod. Es wird offen gelassen, ob es sich hierbei um einen Traum des Erzählers oder um die Erfahrung seines Sterbens handelt. Die Sequenz mündet in das Erlebnis eines »großen Schwebens«, des Durchlässigwerdens des Körpers und des Eintritts des Erzählers in eine kosmische Kreisbewegung. Nun erst, im Zustand des Todes (oder der Todesähnlichkeit) empfindet er ein Gefühl der Freiheit, ein »Ende der Angst«.

Wolfgang Hermanns neuer Roman greift Themen und Motive auf, die zu einem großen Teil schon aus seinem bisherigen Œuvre bekannt sind (Farben, Paris, Sizilien, Kindheit, nomadische Existenz etc.), er variiert, vertieft und verändert sie jedoch auf bestechende Weise. Zu rühmen sind die Genauigkeit der Beobachtung und die auf das Wesentliche konzentrierte, gerade dadurch aber assoziationsreiche Sprachwahl. Die existentiellen Fragen, die er aufgreift – wie jene von Liebe und Tod, Einsamkeit und Fremde, Flucht und Ausweglosigkeit –, werden weder mythisiert noch trivialisiert, sondern im Alltäglichen, teils Ephemeren und Verborgenen sichtbar gemacht. Bilder und Zeichen lösen einen Prozeß des Erinnerns, des Freilegens von Wirklichkeits- und Bewußtseinsschichten aus. Die dem typologischen Modell der Odysseus-Figur nachempfundene Erzählergestalt wird solcherart zu einem paradigmatischen Grenz-Überschreiter, der in Schwellenzonen (des Universums, des Bewußtseins, des Körpers etc.) nach den Verwandlungen des Lebens fahndet. Leise und unspektakulär, aber gerade dadurch umso eindringlicher gelingt es Hermann, die Wahrnehmung für die Vielfalt des Ichs, des Ineinanderverwobenseins, letztlich der Austauschbarkeit des (scheinbar) Fremden und des (scheinbar) Vertrauten zu schärfen. Die Lektüre des Romans bestätigt, daß Wolfgang Hermann zu den herausragendsten Vertretern österreichischer Gegenwartsliteratur zählt.

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