Fliehen von Jean-Philippe Toussaint, 2007, FVA1.) - 3.)

Fliehen.
Roman von Jean-Philippe Toussaint (2007, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Joachim Unseld).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung, 3.4.2007:

Von Enten- und Engelszungen
Jean-Philippe Toussaints eleganter Roman «Fliehen»

Sollte man die hervorstechende Eigenschaft des Toussaintschen Helden benennen, wäre es wohl: Höflichkeit. Und dieser schöne Zug verbindet sich obendrein mit so viel Diskretion, dass der Ich-Erzähler die Ruppigkeit und Unverschämtheit vieler seiner Zeitgenossen niemals dezidiert beklagen würde. Das Klischee von den perfekten Umgangsformen der Ostasiaten wird gleichwohl schon am Anfang dieses Wunderwerks von einem Roman auf den Kopf gestellt: Da schenkt der Chinese Zhang Xiangzhi seinem europäischen Gast zur Begrüssung ein gebrauchtes Handy, verbunden mit allerlei Auflagen und dem strikten Befehl, auch ja nur dieses Gerät und kein anderes zum Telefonieren zu benutzen. Und schon sind wir mitten in einem Thriller um undurchsichtige Drogengeschäfte, mysteriöse chinesische Ladys, dramatische Motorradfluchten und was dergleichen mehr ist. Nur spielt all das keine entscheidende Rolle.

Erotisch und ironisch

Dass es sich bei «Fliehen», dem neuen Roman des Belgiers Jean-Philippe Toussaint, um die Geschichte einer immer wieder aufgeschobenen Trennung handelt, wie schon im letzten, «Sich lieben», wird nur im ersten Satz beiläufig erwähnt. Toussaint umkreist und verhüllt den Nukleus seiner Geschichte so elegant, dass man erst spät dahinterkommt, welche Absichten sich mit den wesentlichen erzählerischen Linien verbinden. Zunächst fährt der Held mit Zhang und dessen Freundin Li Qi im Nachtzug von Schanghai nach Peking. Bereits dieses Arrangement ist mysteriös, und nicht nur wegen des Päckchens Kokain, das sich irgendwann als Zweck der Reise herausstellt: Auch dass die schöne Li Qi Zhangs Freundin ist, wird weder dem Erzähler noch dessen Leser auf die Nase gebunden; man muss es aus den Zusammenhängen erschliessen. Die Begegnung zwischen dem Helden und Li Qi wird mit allen Ingredienzien einer klassischen erotischen Initiation versehen und natürlich auch mit der obligaten Diskretion, die sich allenfalls einige ironische Schlenker leistet: «Sie hatte bemerkt, dass ich kein Chinese war (ihr Scharfblick hatte mich amüsiert, und woran haben Sie das bemerkt? hatte ich gesagt). An Ihrem Lächeln, hatte sie gesagt, Ihrem feinen Lächeln . . .» Ist das nicht unwiderstehlich? Und ob. Folgerichtig kommen der Erzähler und Li Qi sich im Zug näher, während Zhang im Liegewagen schnarcht (oder sich schlafend stellt). Die beiden haben sich schon auf der Toilette eingesperrt, als besagtes Handy klingelt.

Es ist Marie, des Erzählers Lebensgefährtin in Paris. Ihr Vater ist plötzlich gestorben, auf Elba. Und nun exerziert Toussaint in einer zutiefst bewegenden erzählerischen Volte durch, wie die einander widersprechenden, ja sich gegenseitig aufhebenden Gefühle arbeiten: Hier die Anziehung durch die verführerische Li Qi, da die brutale Wucht eines Todesfalls, der die Liebste aus der Bahn wirft und vor allem den Erzähler erst wieder daran erinnert, dass sie seine Liebste ist. Marie ist gerade im Louvre und erzählt ihrem Freund, was sie dort sieht, um den Schmerz zu betäuben. Und der Erzähler muss die Avancen einer schönen Verführerin abwehren, deren Sex-Appeal und deren zarte, fast sprachlose Attraktivität diese Passage zwischen Schanghai und Peking unter eine so unerhörte Spannung setzt.

Der krasse Widerspruch zwischen Eros und Thanatos wird wenig später, nach der Ankunft in Peking, in einer Restaurantepisode in ein ebenso krasses Bild gefasst. Die Entenzungen nämlich, von denen der Erzähler vermutet, sie seien «als ganze aus der Tiefe der Entenkehle gerissen worden», rufen in ihm unwillkürlich die Erinnerung an den Zungenkuss herauf, den er nachts mit Li Qi getauscht hat, umschlagend in Ekel und Widerwillen, gerade so, als habe er «eine dieser kleinen, spitz zulaufenden, rosabraunen (. . .) Entenzungen im Mund gehabt». Li Qi aber, nichts ahnend, bleibt die, die sie ist, und am Abend, auf dem Motorrad im Hexenkessel von Peking, kommt es erneut zu einer (nunmehr letzten) intimen Berührung der beiden Körper, die einander heftig anziehen.

Verpasste Begegnung

Im zweiten Teil des Romans erzählt Toussaint, wie sein Held nach Elba fliegt, um Marie bei der Beerdigung ihres Vaters beizustehen. Aber gerade das gelingt nicht. Der Erzähler quartiert sich nicht im Domizil von Maries Vater ein, sondern in einem Hotel; die Kirche betritt er, als die Trauerfeier schon im Gang ist, und dann verflüchtigt er sich. Der Leser aber ist gleichwohl an Maries Seite, und das hat er einem kühnen Kunstgriff zu verdanken: Toussaint wechselt nämlich plötzlich die Perspektive, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Zunächst fasst er Maries erhabene Trauer wiederum in ein grossartiges Bild: Auf einem Pferd geleitet sie, keineswegs eine geübte Reiterin, den Leichenwagen über eine Strecke von zwölf Kilometern zur Kirche. Nach der Beerdigung irrt sie im Dorf herum und sucht verzweifelt ihren Freund. Toussaint hat seinen Ich-Erzähler einfach zum Verschwinden gebracht, und dieser souveräne Akt scheint so etwas wie eine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen gegenüber der rätselhaften Indolenz des Protagonisten; genau erfährt man es nicht, denn auch Toussaints oberstes ästhetisches Gebot ist die Diskretion. Erzähltechnisch aber wird der Vorgang geradezu spektakulär inszeniert; als Marie das Hotel gefunden hat, in dem ihr Freund abgestiegen ist, klopft sie an die Tür: «Warum antwortete ich nicht», fragt der Erzähler seinen Leser, der es schliesslich noch viel weniger wissen kann, «warum wollte ich ihr nicht öffnen? War ich da?» – Das muss man erst einmal können.

«Lost in Translation» ist der Titel eines Films, der, nicht zuletzt aufgrund seines Humors, von fern an Toussaints Roman «Fliehen» erinnert. In Joachim Unselds kompetenter und flüssiger Übersetzung ist zum Glück nichts verlorengegangen; allenfalls ein paar Ungelenkigkeiten wären zu beanstanden. Sollte es nicht heissen: «Sie steckte nun eine Hand zwischen ihre Beine», und nicht: «Sie streckte»? Schliesslich haben wir es mit einem hocherotischen Roman zu tun! Und mit einem Meisterwerk voller Anmut, Melancholie und Schönheit.

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Fliehen von Jean-Philippe Toussaint, 2007, FVA2.)

Fliehen.
Roman von Jean-Philippe Toussaint (2007, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Joachim Unseld).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 7.4.2007:

Das Badezimmer ein Leben
Jean-Philippe Toussaint, sein erstaunlicher Erstling und seine neuen Prosawerke

Unerklärlichkeit des Tragischen, Ironie, Weltschmerz in dosierter Konzentration. Auf knapp zwanzig Seiten liegt nun hierzulande in den Buchhandlungen Die Melancholie von Zidane auf, ein dünnes Bändchen eines Schriftstellers, der mit Melancholie Sprachkunst zu schaffen versteht. Für Fuir (Fliehen) erhielt der 1957 in Brüssel geborene Jean-Philippe Toussaint 2005 einen der wichtigsten französischen Literaturpreise. Sein Roman Faire l’amour wurde 2002 als "reifes Meisterwerk" gelobt, als "seismische und sensuelle Partitur von kristallener Transparenz". Unter dem abgeschwächten Titel Sich lieben reüssierte er ein Jahr später auf Deutsch.

Marie, eine Modekünstlerin Pariser Salon-Zuschnitts, nimmt ihren Geliebten, den Ich-Erzähler, nach Tokio mit, wo ihr eine Ausstellung gewidmet ist. In ihrer sieben Jahre alten Beziehung kriselt es. Die auch in intensiver Körperlichkeit nicht mehr abwendbare Zersetzung der Liebe symbolisiert das mitgeführte Fläschchen Säure, das vom ersten Satz an eine permanente Drohung aus der Männertasche darstellt. Einen letzten Sexualakt erleben beide als solipsistisches Streben nach einer "onanistischen Lust", die "wie eine Säure" in ihnen aufsteigt. Nach einer hoch poetischen Einsamkeitsszene im Hotelschwimmbad sowie Wirrungen in der Großstadtnacht flüchtet der Erzähler zu einem Bekannten nach Kioto, um Tage später zurückzukehren, das Fläschchen gezückt.

Wohl liefert Toussaint eine genaue Konstruktion und eine gelungene Verknüpfung der Motivstränge, bietet er eindringliche Momente aus den Grenzbereichen der Liebe in einer erschütterten Welt der Abbilder. Diese Trennungsgeschichte im Erdbebengebiet laboriert jedoch an Symbol-Inkontinenz, an dem aufgesetzt Exquisiten und dem inflationären Motiv des kalten Neonlichtes. Die Erde bebt als narratives Rufzeichen, und "in der Ferne des grauen Morgens" bellt ein Hund. Zudem tendieren einige Passagen zum höheren Kitsch: "Ich hatte das Gefühl, im Herzen des Universums selbst zu schwimmen."

Umso bedauerlicher war es, dass Toussaints aufsehenerregender Erstling, dem Manierismen fremd sind, auf Deutsch seit Langem vergriffen war: Der Roman in kurzen, nummerierten Sequenzen, La salle de bain, war 1985 erschienen und als neuartige Erzählung über Bewegung und Stillstand des Lebens hoch geschätzt worden.

Der Erfolg von Sich lieben hatte immerhin zur Folge, dass der Verlag 2004 Das Badezimmer nachreichte – nicht ohne Vergleichsrummel, der mit Kafka und Pascal, Flaubert und Tati, gar Marc Aurel und Kierkegaard auf die Klappentextpauke haut. Die Übersetzung stammt vom Verleger Joachim Unseld selbst. Sie schafft es kaum, die feinen Obertöne zu vermitteln, denen in dieser kuriosen Prosa große Bedeutung zukommt. Dafür erklärte Unseld im Feuilleton, dass Toussaint den Mann ohne Eigenschaften als "unsichtbares Fundament" seines Schreibens benutzt habe, ja dass er Entwürfe berühmter Denker "konzentriert". Das Suppenwürfelargument besticht keineswegs. Es beruht auf zirkelschlüssiger, wenig distinktiver Einengung, etwa: Die deutlichste Gemeinsamkeit der beiden Romane sei, "dass in ihnen gedacht wird". Das Badezimmer jedoch ist wahrlich ein so erstaunliches, gelungenes Werk, dass in Paris sogar von einer "géneration salle de bain" die Rede ging.

Der erste Satz lässt das Hauptthema anklingen, Immobilität und Mobilität: "je coulais des heures agréables". Ohne die existenzielle Konnotation des Verfließens wiedergegeben: "ich verlebte angenehme Stunden da". Ein namenloser Ich-Erzähler, "noch 27, bald 29 Jahre alt", schildert, wie er begonnen hat, seine Zeit im Badezimmer verrinnen zu lassen. Die Frau, die mit ihrer Halbtagsarbeit in einer Kunstgalerie für den Unterhalt sorgt, findet an diesem Rückzug in die Wanne "quelque chose de desséchant" (wörtlich: austrocknend) – im Deutschen flach: "etwas Lähmendes". Ihr Name Edmondsson gehört zu den Merkwürdigkeiten, die mit dem Duktus des unbeteiligten Detailbeobachters eine besondere Erzählweise ergeben. Besonders in dieser nummerierten Ordnung bleiben ein paar gewöhnliche Ordnungen unbeachtet, finden sich leichte komische Kontraste. So lautet die gesamte Sequenz 5 im ersten Teil nur: "Schließlich benachrichtigte Edmondsson meine Eltern"; Nummer 13 endet mit dem Satz "Sie wollte mit mir schlafen", darauf "14) Jetzt." und "15) Jetzt mit mir schlafen? Bedächtig klappte ich mein Buch zu, behielt dabei einen Finger zwischen den Seiten, um die Stelle nicht zu verlieren."

Der erste Teil "Paris" spielt in der Wohnung, in der sich tagsüber auch zwei polnische Künstler aufhalten. Sie sollen die Küche ausmalen, warten auf die Farbe und mühen sich schließlich ab, Tintenfische kochfertig zu machen. Paris ist draußen. Die ruhelose Umwelt gelangt als Besuch, als Erinnerungsfragment, als Post ins Innere. Eine Einladung der österreichischen Botschaft trifft unerklärlicherweise ein und tippt den Möglichkeitssinn an. Auf dem Empfang würden jene Politikphrasen gesprochen, die Mobilität nur vortäuschen, und der Botschafter wäre ein Mann mit (dem Namen) Eigenschaften. "Haben Sie eine Salatschüssel?", unterbricht der Maler Kabrowinski.

"Ich war überstürzt aufgebrochen", beginnt mit einer brüsken Bewegung der zweite Teil, der nach Venedig führt und dem komischen Prinzip des "Umsonst" folgt. Die Haltung des Erzählers ändert sich kaum. Im Restaurant beobachtet er, wie sein Eis unter heißer Schokolade verrinnt: "Ich sah der Bewegung zu, bewegungslos, die Augen auf die Untertasse gerichtet. Ich rührte mich nicht." Im dritten Teil geht es wieder nach Paris und ins Badezimmer zurück. Bis erneut ein Brief von der österreichischen Botschaft einlangt . . .

Toussaint führt mit seiner Komposition auf eine Sinnspur und zugleich auf falsche Fährten. Die drei Teile scheinen dem vorangestellten Motto, dem Pythagoras-Lehrsatz über das rechtwinkelige Dreieck, zu entsprechen; zudem lautet der Titel des zweiten Teiles "Die Hypotenuse". Das Bedeuten jedoch findet sich andauernd von der trockenen Prosa, die jegliche Psychologisierung vermeidet, hintertrieben. Episoden, Figuren, Motive lässt die Innensicht in eine Beliebigkeit weisen, die eben einer zentralen Lebensfrage entspricht und somit doch bedeutet: "Ich betrachtete [mein Gesicht] starr und stellte mir eine einfache Frage. Was mache ich hier?"

Diese leichte ironische Spannung, die eigentümlichen Pointen und die konsequente Erzählhaltung machen den Reiz dieses Debüts aus. Es illustriert einen Satz von Pascal, eine wesentliche Referenz von Toussaint, dass nämlich alles Unheil nur entstehe, weil der Mensch nicht ruhig in seinem Zimmer zu bleiben vermöge.

Auch Toussaints neue Prosawerke gehen in diese Richtung, das Unheil ereilt den Ich-Erzähler in Japan oder, im nun auf Deutsch erschienenen Fliehen, in China. Dort spielt – im Rückblick auf den Sommer vor der Trennung – eine Fortsetzung von Sich lieben, wie es der Beginn von Fliehen fragend einführt: "Hörte das denn nie auf mit Marie?". Bei der Ankunft in Schanghai wird dem Ich-Erzähler ein Handy geschenkt. Seine Funktion bleibt unklar, wie dies bei Toussaint mit den Dingsymbolen oft der Fall ist. Im Fremden erfährt der Mann Unsicherheiten, hat er den Eindruck, überwacht zu werden. Über die Gründe einer langen Flucht zu dritt, auf einem Motorrad in der Nacht von Peking, lassen sich nur Vermutungen anstellen; der schnelle Rhythmus dieses Davonrasens allerdings ist großartig wiedergegeben. Worauf die Immobilität des Flugreisenden folgt: "Immer auf der Oberfläche dieser transitorischen Orte, die ich durchquerte, mich nicht vom Fleck rührend und doch in Bewegung."

Mit Marie spricht der Erzähler im Anderswo. Aus dem Louvre teilt sie den Tod ihres Vaters mit, worauf er zum Begräbnis auf die Insel Elba reist. Dies versteht er "wie die Quintessenz aller Reisen" seines Lebens – und hier drückt sich Toussaints Kunst der Konzentration und des Perspektivenwechsels wunderbar aus. Wie im Japanbuch Sich lieben hat er jedoch ein paar kosmosverbundene Sentimentalisierungen nicht unterlassen wollen, etwas geglättet in der Übersetzung. Das Fernöstliche erscheint so im Lichte eines zeitweiligen Manierismus; der Duktus des Badezimmers hätte diesen Werken gewiss nicht schlecht getan.

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Fliehen von Jean-Philippe Toussaint, 2007, FVA3.)

Fliehen.
Roman von Jean-Philippe Toussaint (2007, Frankfurter Verlagsanstalt - Übertragung Joachim Unseld).
Besprechung von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 27.7.2007:

Ins Auge gestoßen
Ständig unterwegs: Jean-Philippe Toussaints Roman "Fliehen"

Der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint liebt plötzliche Zuspitzungen. In seinem Debüt-Roman "Badezimmer" von 1985 wirft dessen Ich-Erzähler ohne erkennbaren Grund einen Wurfpfeil in die Stirn seiner Freundin Edmondsson. Das Attentat bleibt jedoch folgenlos. "Ich ging auf sie zu, zog den Pfeil heraus (ich zitterte). Es ist weiter nichts, sagte ich, nur eine Schramme." Der Erzähler fühlt sich nicht schuldig, noch wird er von der Geliebten zur Verantwortung gezogen. Wenig später küssen sie sich auf einem weißen Gang.

Toussaints Romane sind angefüllt mit verstörenden Begegnungen wie diesen. Wie bei der abgehackten Wiedergabe einer elektronischen Filmaufzeichnung meint man, sinngebende Einzelbilder verpasst zu haben. Die Einzelbilder, die jedoch durchkommen, sind von ungeheurer Intensität.

Seine Romane sind angelegt wie chemische Experimente, die ihren Reiz daraus beziehen, dass man ihnen als verwunderter Leser von außen zusehen darf. Nicht Handlung und Zusammenhang, sondern Zustand ist das treibende Motiv von Toussaints inzwischen stark verfeinerter Beschreibungskunst. Manchmal wird die Irritationsquelle wie ein Fremdkörper durch die Handlung getragen.

In "Sich lieben", dem vorletzten Roman Toussaints, war es ein Fläschchen Säure, dass der Ich-Erzähler (als Drohung? als Beruhigung?) bei sich trug. Wie zur Vollendung eines Gesamtkunstwerks kommt es am Schluss des Romans zum Einsatz. Der Ich-Erzähler vergießt das Fläschchen bei Mondlicht auf eine Blume in einem Park von Tokio. Das Blümchen zieht sich zusammen und löst sich in einer "Wolke aus Dampf und fürchterlichem Gestank auf". Toussaint weiß um die spielerische Leichtigkeit, aber auch die zersetzende Kraft seiner sprachlichen Experimentierfreude. Liebe jedenfalls ist bei Toussaint ganz und gar nichts seicht Vergängliches.

War "Sich lieben" die Geschichte einer letztlich nicht gelingenden Trennung, so kann man "Fliehen" als eine fortgesetzte Romanstudie über das Paar und seine beachtlichen Bewegungsenergien lesen. Waren die Romane "Badezimmer" und "Monsieur" nicht zuletzt auch Versuche über den Stillstand, so ist der dem Autor nicht ganz unähnliche Held von "Sich lieben" und "Fliehen" ständig unterwegs. "Hört das denn nie auf mit Marie?", fragt der Ich-Erzähler gleich zu Beginn von "Fliehen", auch wenn er sich räumlich sehr weit von der erfolgreichen Pariser Modeschöpferin entfernt hat. Auf Urlaubsreise in Shanghai, hat er sich dennoch bereit erklärt, einige Botengänge für sie zu erledigen.

Der cremefarbene Kontinent

In China ist alles in Cremefarben getaucht, ein Kontinent der Unschärfe. Toussaint hat einen aufmerksamen Blick für die Tigerhaftigkeit der jungen chinesischen Ökonomie, in der das Entstehen einer flirrenden Glitzerwelt zu beobachten ist, auf die sich aber immer wieder auch neuer Baustaub legt und der Gestank von Öl das Atmen erschwert. Die erzählerische Genauigkeit läuft dabei stets Gefahr, von einem temporeichen, farbintensiven Surrealismus geschluckt zu werden. Trotz aller Präzision und Aufmerksamkeit herrscht das Gefühl einer fortwährenden Verunsicherung. Verabredungen fallen anders aus als vorgestellt, und eine harmlose Bowling-Partie mündet in einer rasenden Flucht mit dem Moped. Immer könnte alles auch anders gewesen sein.

Selbst der Liebesakt verschafft keine Klarheit. Über Zhang Xiangzhi, einen ruppig-undurchsichtigen Mitarbeiter Maries, lernt der Ich-Erzähler die junge Li Qi kennen, von der er sich sofort, sprachlos, auf beinahe magische Weise angezogen fühlt. Eine trügerische Nähe auch dies? "Wir beide saßen noch immer zusammen, zwei Silhouetten in einem wahrhaft chinesischen Schattenspiel, in Abständen angestrahlt in verfließendem Rot und Grün von den mobilen Videoinstallationen aus dem Innern der Galerie." Ohne dass viele Worte gewechselt worden wären, kommt es zwischen beiden auf der Zugfahrt von Shanghai nach Peking zum Geschlechtsverkehr, der jäh durch ein Handy unterbrochen wird, das Zhang Xiangzhi ihm auf Geheiß von Marie noch am Flughafen zugesteckt hatte.

"Überall in China" heißt es in "Fliehen", "liegen in der Nacht grünliche Schatten auf Gesichtern und Schultern, meist grell und hart konturiert, aber auch sanft und umhüllend." Und trotzdem bietet diese Sanftheit keinen Schutz und verhilft auch nicht zu der Möglichkeit zu bleiben. Die Nachricht vom Tod des Vaters von Marie treibt den Erzähler zurück nach Europa und in die Arme Maries. Das verzweifelte Bemühen, zueinander zu kommen, beginnt aufs Neue. Man kann "Fliehen" auch als Versuch lesen, sich noch einmal europäischer Gewissheiten zu versichern. Chinas blasse Farben sind der grellen Helligkeit Elbas gewichen. "Als wir um die Kurve bogen, schien mir die Sonne so stark ins Gesicht, dass mich die orangefarbene Helligkeit in der Windschutzscheibe brutal blendete." Bemühungen um Zärtlichkeit gehen über in emotionale Debakel und physische Verletzungen: "... weil sie mit der Sonnenbrille nicht gleich die richtige Stelle traf, wütend wurde, dass ich ihr dabei nicht half, und gereizt, dass es ihr nicht gelang, hatte sie mir schließlich die Brille verkehrt herum auf die Nase gestülpt und mir dabei fast einen Bügel ins Auge gestochen...."

Toussaints Erzählkunst besteht darin, die großen Gefühle in kleine Miniaturen des alltäglichen Verhaltens zu formen. Das Scheitern an ihnen treibt sein Schreiben ebenso an wie das Bedürfnis, am Erleben des Emphatischen festzuhalten. Das liefe bei einem mittelmäßigen Erzähler schnell auf die Klippen des Kitsches zu. Toussaint, der von seinem Verleger Joachim Unseld mit sicherem Gespür für die eigenwillige Diktion des Textes und dessen Rhythmus übersetzt worden ist, ist einer der wagemutigsten Autoren seiner Generation. Deswegen fliegen manchmal auch Wurfpfeile.

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