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1.) - 2.)
Eine kurze
Geschichte vom Fliegenfischen.
Erzählung von Paulus
Hochgatterer (2003, Deuticke).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus diePresse,
Wien vom 22.11.2003:
Unmenge Zucker im Kaffee
Als Paulus Hochgatterer einmal die Ideen
ausgegangen sind, schickte er für seinen neuen Roman die drei Hauptfiguren zum
Fliegenfischen - und ließ sie über dies und das reden.
Paulus Hochgatterer muss jemand verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, dachte er sich in drei Männer, die auch nichts Böses getan haben, und schrieb darüber eine Erzählung. Das wäre immer noch nichts Böses, aber daraus wurde ein Buch, das die reine Enttäuschung ist.
Keineswegs befindet sich ein Autor mit jedem Buch auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Manchmal geht ihm ein Thema zu nahe, ein anderes ist ihm zu fern, und dann findet er nicht rein in den Stoff, den er umkreist, ohne eine rechte sprachliche Beziehung zu ihm aufbauen zu können. Er verlässt sich darauf, dass ihn seine Erfahrung schon nicht betrügen wird, dass sie ihm hilft, ein passables Buch zu schreiben.
Bevor sich diese Prosa auf den Weg macht, gibt sie sich schon selber auf. Paulus Hochgatterer schickt drei Männer in die steirische Wildnis, wo sie sich dem Fliegenfischen hingeben sollen. Wer bisher wenig Ahnung von dieser sich beharrlich dem Breitensport verweigernden Beschäftigung hatte, wird auch durch die Lektüre dieser Erzählung nicht klüger werden, weil die Beschreibungen im Fachjargon umständlich und ungelenk wirken. Wenn der Autor ins Detail geht, sieht das so aus: Julian "freut sich und erzählt allerhand, von Antron-Dubbing, diesem feinfasrigen Basismaterial, und von Wickelblei-Streifen, auf die es besonders ankomme, da die Goldköpfe rasch sinken müssten".
Drei Männer in der Natur: Ist das der Stoff, welcher der Kontemplation jeden Raum bietet? Oder finden dramatische Ereignisse statt, welche die drei auf die Probe stellen und sie einem heftigen, gar schmerzhaften Prozess der Veränderung unterziehen? Hochgatterer mutet den Männern zu, für eine Erzählung gerade zu stehen, in denen sie die Hauptrolle spielen, ohne dass sie dazu große Lust verspürten. Sie arbeiten als Psychiater und Psychologen, und jetzt, da sie die geschlossenen Räume verlassen haben, wollen sie eigentlich nichts anderes als ihre Ruhe. Aber alles, was geschieht im Buch, zielt auf die Unwägbarkeiten des Herzens.
Die drei streifen durchs Gelände, und dabei
kommen ihnen Vorgaukelungen der Fantasie in die Quere. In einer Ödnis der
Bedeutungslosigkeit ragen diese wie Inseln hervor, auf denen das Abenteuer der
Seele einen Spielplatz bekommt. Und 112 Seiten später befinden sie sich in
einem Gasthaus "zehn Kilometer talauswärts", "bestellen dunkles
Bier und als Vorspeise Schnittlauchaufstrich mit Weißbrot", und das ist ähnlich
bedeutend und aufregend wie alles, was vorher geschehen ist. Nein, Hochgatterer
entwickelt hier kein Gefühl dafür, was wichtig und unwichtig ist, er lässt
jede
Erzählökonomie vermissen, er nimmt ins Buch, was ihm gerade unterkommt. Wo es
keine Dramaturgie gibt, ist egal, was sich ereignet.
Hochgatterer, den man loben soll
wegen einiger Romane und Erzählungen, legt nun ein Nebenprodukt vor. Der Autor
arbeitet als Kinderpsychiater. Hat er es bisher vermieden, uns mit Fachneurosen
zu kommen, so wuchtet er uns nun in einer kraftlos sich hinschleppenden Erzählhandlung
gewaltige Bedeutungsgewichte auf. Wenn außen wenig geschieht, bekommt die
Innenwelt jede Aufmerksamkeit. Und wenn im ersten Absatz preisgegeben wird, was
geschehen wird, nämlich "dass Julian in den Bärenklau fallen wird und
dann in den Fluss", hat einer sein Pulver vor der Zeit verschossen. Leider
geht gar nichts gut in die-sem Buch. Ständig schaut dem Leser der Psychiater über
die Schulter, ob von ihm wohl bemerkt wird, wie Spuren ausgelegt sind, die etwas
vom Innenleben verraten. Dazu klopft der Erzähler flapsige Sprüche, um
die Erzählung frech aufzumotzen. "Julian schnallt das Ganze glücklicherweise
nicht", heißt eine jener albernen Formulierungen. Es häufen sich
sprachliche Ungenauigkeiten: Ein Maniker ist "eingeritten" mit
"einer Aufstellung all jener Dinge, die der Mann während der letzten
Wochen gekauft gehabt habe". Ein nichts sagender Alltagsjargon schleicht
sich auch noch ein: "Der Ire rührt unglaubliche Mengen von Zucker in
seinen Kaffee." Solche Charakterisierungen besagen nichts, weil die Figuren
doch keine rechte Identität zugesprochen bekommen.
Und dann diese fatal abgestürzten
Bilder: "Laura hat eine Ausstrahlung gehabt wie ein Distelfeld." Wenn
schon die Details nicht stimmen, ist auf den Gesamtentwurf auch nicht zu hoffen.
Äußerlichkeiten zählen
in dieser Erzählung nicht. Hochgatterer lenkt unseren Blick auf die Fantasien
und heimlichen Leidenschaften der drei Männer, die, an und in den Fluss
verschlagen, Zeit genug haben, sich Szenen auszumalen, in denen das Individuum
gegen die bürgerliche Moral die Oberhand behält. Das weite Feld des
Innenlebens steht zur Diskussion, das ist wahrhaftig ein Thema, mit dem noch
keiner an ein Ende gekommen ist. Aber ach, wie sehen diese Freiflüge in das
Innere der Wünsche und Sehnsüchte aus: "Das Mädchen hechtet von einer
Uferkuppe ins Wasser und taucht mit kräftigen Beinschlägen ab. Es windet sich
zwischen den Blöcken durch, immer ganz nahe dem Grund. Auf seiner Haut hat sich
eine Schicht winziger silberner Luftperlen gebildet. Sie halten es warm."
Das Mädchen ist eine Kellnerin, das die drei Männer kur-ze Zeit vorher in
einem Lokal bedient hat. Aber was soll man von solchen Fantasieausbrüchen, die
aus der Abteilung Kitsch stammen, halten, wenn die Figuren selber davon völlig
unberührt bleiben?
Keine Wandlung findet statt, nirgends ein sanfter Hauch der Erkenntnis. So sehen Obsessionen aus, die auf Schonkost gesetzt sind. Plötzlich stellt sich ein Wunschbild ein, auf einmal regt sich etwas Unbotmäßiges in den Tiefen der Seele, und dann tritt doch nur halbherzig Gefühltes, beiläufig Erdachtes an die Oberfläche. Menschen, in deren Inneren es brodelt und kocht, sind so nicht zu fassen.
Wenn das nur alles wäre! Diese Prosa leidet an einer Behäbigkeit, die ihresgleichen sucht und im Widerspruch steht zur knappen Form. Selten findet man Dialoge, die ihren Anspruch auf das Recht der Mitteilung preisgeben. Die drei haben sich nichts zu sagen - warum muss ich mir das anhören? Jeder Dialog ist eine Fluchtbewegung vor zu viel Nähe. Mehr als Geplänkel über Beruf und Beziehung ist von den drei Hobbyfischern nicht zu bekommen.
Beim nächsten Hochgatterer wird alles wieder anders. Daran wenigstens wollen wir glauben. [*]
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2.)
Eine kurze
Geschichte vom Fliegenfischen.
Erzählung von Paulus
Hochgatterer (2003, Deuticke).
Besprechung von Samuel
Moser in Neue
Züricher Zeitung vom 30.12.2003:
Angler an der Angel
Paulus Hochgatterers «Kurze Geschichte vom Fliegenfischen»
Der Österreicher Paulus Hochgatterer legt zu Beginn seiner «Kurzen Geschichte vom Fliegenfischen» gleich einen Köder aus: Es beginnt am Morgen des 11. September 2001. Katastrophen liegen in der Luft, in Manhattan wie im hintersten Salzkammergut. Aber Hochgatterers drei Fliegenfischer an der Salza wissen noch nichts davon. Der Leser weiss inzwischen mehr, aber welches Schwarz der schwarze Tag den wurfrutenbewaffneten Musketieren bescheren würde, kann auch er nur ahnen.
Die drei sind ehemalige Ärztekollegen aus der Psychiatrie: der Erzähler, genannt Mesmer, Julian und der «Ire». Freunde, wenn man so will, doch bleibt jeder für sich, in aggressiver Lauerstellung gegen die andern. Die Dreiecksform ist stabil, schmiedet sie zum Trio infernal. So ist mehr für Spannungen als für Spannung gesorgt. Auf das Schlimmste kann man ja ruhig gefasst sein, wenn ein Jugendpsychiater, ein Psychotherapeut und ein Analytiker auf die Jagd gehen. Alles passt bei denen gerade dann zusammen, wenn nichts zusammenpasst. Das ist ihr Fach; da sind sie doch wie die Fische im Wasser.
Der Tag beginnt grau, nach einer Nachtschicht. Die drei sind todmüde und hellwach. Es folgt die Anfahrt, ein Wort gibt das andere, Sticheleien hier, Sticheleien dort - Männergeschwätz. Was in einer psychiatrischen Klinik so alles abgeht, zieht seine Spuren den Semmering hinauf. Ein Mädchen mit durchsichtiger Bluse, das ihnen in der Raststätte das Frühstück serviert, läuft ihren abgebrannten Augen genau vor die Rute: Jeder darf sich mal was wünschen, heisst das Spiel. Sie nehmen «die Kleine» mit, in der Vorstellung jedenfalls. Igelfrisurig und nymphenhaft durchkreuzt sie das Gelände, ein geträumtes, unschuldiges Wesen, zum Anfassen nah - könnte man es denn anfassen. Das ist für alle noch gefährlicher; die Seelenärzte wissen es, nur begreifen können sie es nicht.
Der «Ire» mag ja auch gar keinen Fisch auf dem Teller. Und Julian hat nur Augen für einen, der nicht zu fangen ist. Nicht die Beute, sondern der schwungvolle Auswurf des Garns und der kurze Tanz der Fliege über dem Wasser machen das Trio scharf - Ahab und Hemingway vom Feinsten. Ihre Kunst dient nur der Kunst. Ihre Welt ist die Welt der Vorstellung und Verstellung. Das ist die Katastrophe; das ist die Angel, an der Hochgatterer die Angler selber zappeln lässt. «Das Leben bestehe aus Fliegenfischen und Frauen», lautet Mesmers Formel. Fliegenfischen also als Fortsetzung der Männlichkeit mit andern Mitteln. Rute, Fliege, Fisch - alles ist metaphorisch besetzt. Wirklichkeit und Phantasie geraten durcheinander. Aber nie berühren die drei etwas ernsthaft, nie berührt sie etwas ernsthaft.
Die Zärtlichkeit, mit der sie ihre Waffe präparieren, ist nicht anders als diejenige amerikanischer Marines beim Behängen ihrer Jagdmaschinen mit Bomben. Schon die Poesie der Ködernamen sublimiert, worum es geht: Marabou Muddler, Orange Wizard, Munro Killer, Red Butcher, Egg-sucking Leech, Grey Fox, Rusty Rat, Cul de Canard, Scud-Nymphe oder Mrs. Simpson, die übrigens exakt so aussehen soll, «wie man sich eine Mrs. Simpson vorstellt». Zu Hause schwingen die Petrijünger das Garn weniger elegant als am unberührten Wildbach. Ihre ins «Fliegenfischen»-Spiel versenkte, kindlich-reine Seele windet sich, wenn sie daran denken, wie wenig sie vor Frau und Familie bestehen können. «Männliches Rudelmasturbieren» nennt Lea das Hobby ihres Mannes und seiner Freunde.
Paulus Hochgatterer erzählt satt im Ton, flott im Tempo, raffiniert im Arrangement. Zudem sind Psychologen und Psychiater immer ein dankbares Personal: In welchen Rollen könnte man sonst so lustig und sarkastisch, so unterschwellig und doch deutlich, so gescheit und schlüpfrig über die Welt herfallen. Dennoch ist nicht diese essayistische Seite irritierend in der «Kurzen Geschichte vom Fliegenfischen», sondern die narrative und etwas absurde. Julian, der dann doch noch einen kapitalen Saibling fängt, fällt auf der Flucht vor dem «Iren», der ihn ihm entwenden will, in den noch kapitaleren Riesenbärenklau. Der ist ätzend wie eine Qualle. Um seine Brandwunden an Gesicht und Händen zu kühlen, stürzt er sich in die Salza, ertrinkt beinahe und bekommt in der Perspektive seiner Opfer als ein Einziger einmal eine Fliege von unten zu Gesicht....Fortsetzung
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