Briefwechsel 1925-1974.
von Marieluise Fleißer (2001, Suhrkamp - editiert von Günther Rühle).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 24.11.2001:

Das Leben ist nicht mütterlich
Marieluise Fleißer, die hochbegabte Außenseiterin, wurde vor hundert Jahren in Ingolstadt geboren

Mit dem Namen Marieluise Fleißer verbindet sich reflexhaft das Bild eines Lebens, das die Bedingungen der künstlerischen Ohnmachtsbiografie vorbildlich erfüllt. Scheitern, Einsamkeit, Erfolglosigkeit, Armut, Depression, Krankheit, jahrelange Arbeitsunfähigkeit, jahre-, jahrzehntelanges Vergessenwerden - es gibt eigentlich keinen Posten aus dem Sortiment der Tristesse, der sich im Leben Marieluise Fleißers nicht fände. Die Dichotomie von Ohnmachtsbiografie und künstlerischer Erfolgsbiografie gehört zu den Mythen des 20. Jahrhunderts. Hier die Robert Walsers und Walter Benjamins, dort die Thomas Manns und Bertolt Brechts.

Die Ingolstädterin Fleißer überblickte die Leben und Werk betreffende Doppelbeschädigung, die sie erlitt und brachte sie schonungslos zum Ausdruck. "Ich war in die Grube gefallen und blieb in der Grube." "Ich habe noch nicht gesagt, was ich zu sagen habe." "Das Leben ist nicht mütterlich. Das Leben ist mit Widrigkeiten gespickt, wohin man sich auch wendet." "Ich war verloren auf dieser Welt, in der Weise verloren, daß ich auch nicht für mich einstehen durfte, sondern daß mir meine Bewegungen grauenhaft vorgeschrieben waren, ich war eine Puppe . . ."

Und so, als Objekt, als Opfer wird sie von der Nachwelt und der Sekundärliteratur auch durchweg gesehen. Erstens als Opfer der Männer, die Fleißers Leben in einer Art Staffellauf des tyrannischen Typus begleiteten, angefangen mit dem Vater, über die Schriftsteller Bertolt Brecht und Hellmut Draws-Tychsen bis zum Ehemann Josef Haindl. Zweitens als Opfer der niederbayrischen Provinz, die ihre hochbegabte Außenseiterin nicht los-, aber auch nicht leben ließ. Drittens als Opfer der kulturellen Verhältnisse, denen eine Autorin, die sich an die traditionell männlichste der dichterischen Gattungen, ans Drama, heranwagt, unliebsam und verdächtig ist, verdächtiger als eine Romanautorin beispielsweise. Viertens als Opfer des Nationalsozialismus, dem die vor 1933 veröffentlichten Bücher Marieluise Fleißers in der Bücherverbrennung zum Opfer fielen und der die Nichtemigrierte zum Schweigen verurteilte und totschwieg.

In der Dramaturgie der Fleißer'schen Leidensgeschichte gibt es bekanntermaßen zwei entscheidende Daten: Das Jahr 1929, in dem ihr Brecht bei der Berliner Premiere des Stückes Pioniere in Ingolstadt einen rufschädigenden Skandal einbrockt, von dem sie sich nicht erholt und der die traumatische Trennung von dem geliebten Genie nach sich zieht. Brecht hatte, zunächst ohne ihr Wissen, dann gegen ihren Willen anonym in die Regie des Stückes eingegriffen, hatte es radikalisiert und sexualisiert. Dann das Jahr 1932. In diesem Jahr kehrt Marieluise Fleißer, da sie keine andere Möglichkeit zum Überleben sieht, in ihr Vaterhaus in Ingolstadt zurück, in die erstickende Domäne, der sie dreizehn Jahre vorher den Rücken gekehrt hatte, um eine Großstädterin, eine professionelle Schriftstellerin, eine gebildete, moderne, freie Frau zu werden. Was ihr auch gelungen war. Und nicht nur das. Sie wusste auch, wie dem Gelingen Beine zu machen sind.

Der Band mit Briefen von und an Marieluise Fleißer, der in der umsichtigen, zugewandten Herausgeberschaft Günther Rühles vor kurzem erschien, zeigt eine junge Autorin von atemberaubender Zielstrebigkeit, deutlichem künstlerischen Selbstbewusstsein und ambitionierter Sachlichkeit. Sie korrespondiert in den 20er Jahren professionell mit Verlagen, Theatern, Zeitungsredaktionen. Sie bietet zügig Stücke, Prosatexte, Feuilletons an.

Wenn sie Ablehnung erfährt, fällt sie nicht aus allen Wolken. Wenn sie eines Abends Lion Feuchtwanger kennen lernt, steht sie schon am nächsten Tag mit Manuskripten in der Hand vor seiner Haustür, instinktsicher ahnend, dass in dieser Tür der Schlüssel zum Erfolg steckt. Wenn Feuchtwanger den Kontakt zu Brecht herstellt, geht sie ohne Zögen darauf ein. Als sie den Raum betritt, in dem Brecht agiert, weiß sie sofort, dass hier die Luft herrscht, die sie atmen will. Vielversprechender, großartiger kann der Beginn einer künstlerischen Laufbahn eigentlich nicht sein.

"Ja, ich muß ihnen überhaupt sagen, welch einen überwältigenden Eindruck alle Mitwirkenden und Beteiligtem vom Fegefeuer haben (und dieser Eindruck wird von Probe zu Probe stärker!)", schreibt Moritz Seeler, der Berliner Uraufführungsregisseur des Stückes Fegefeuer in Ingolstadt 1926. "Ja, dieses Fegefeuer ist eine ganz große neue Dichtung: hier sind soviel Fonds, soviel Fülle, soviel ursprüngliche und wahrhaft dichterische Echtheit, daß wir alle ganz glücklich sind." Eine Woche später erfährt die 25-jährige Debütantin von Lion Feuchtwanger: "Die Aufführung bei der Jungen Bühne ist der beste Start, den du heute haben kannst." Und einen Tag später erhält Fleißer eine Postkarte: "Liebes Fräulein Fleißer, falls sie vom verlag kiepenheuer einen vertrag zugeschickt erhalten sollten (über ihr stück), dann unterzeichnen sie ihn nicht vor der aufführung. Falls sie nach berlin kommen sollten, stehe ich ihnen gern zur verfügung bei abschluß von verträgen, sei es mit kiepenheuer, sei es mit einem anderen verlag. Mit besten grüßen auch von feuchtwanger, ihr brecht."

Fleißers Neigung zur masochistischen Selbstaufgabe, zur klassisch weiblicher Unterordnung ist ein Topos der gesamten Fleißer-Biografik und Fleißer-Forschung. Das Bild ist richtig, aber nur im Sinn der halben Wahrheit. Es zeigt die Kränkung, die die Autorin als Spielball mächtiger, sie manipulierender Pretektoren erfuhr. Aber nicht die gebündelte Kraft, die eine junge Frau besitzen muss, um sich den Weg zu jenen Protektoren zu bahnen, die unter den kulturellen Bedingungen der 20er Jahre nicht idealer auszuwählen gewesen wären: Feuchtwanger, Brecht, Jhering, der sie in Rezensionen rühmt, sich um Beiträge für den Börsen-Courier bemüht und seine Begeisterung in der Maximalform ausdrückt: "Sehr geehrtes Fräulein Fleißer, ich habe mich sehr gefreut, wieder einmal von ihnen zu hören. Der ,Buster Keaton' hat mir sehr gut gefallen und wird sehr bald erscheinen. Ich bin sehr gespannt auf ihre neuen Arbeiten und hoffe bald etwas von Ihnen zu hören (auch einen neuen Beitrag) zu erhalten." Viermal das Wort "sehr" in einem vier Zeilen langen Brief von einem der wichtigsten Kritiker der Zeit!

Natürlich ist diese frühe Lebensepoche alles andere als nur traumhaft. Marieluise Fleißer ist arm und buchstäblich am Hungertuch, ist überfordert, auch verängstigt, erleidet einen "glatten Nervenzusammenbruch" und die Qualen der halb erfüllten, halb unerfüllten Liebe zu Brecht, von der die Korrespondenz keine Auskunft gibt, da Brecht keine Briefe schrieb, sonder handelte oder eben das Handeln unterließ. Aber wie viel Souveränität bei allen Schwankungen, Krisen und Niederschlägen in Fleißer steckte, zeigt der offene Brief, den sie auf dem Höhepunkt der Schmähkampagne, die sich nach dem Skandal der "Pioniere"-Aufführung gegen sie richtete, an die Bevölkerung Ingolstadts und ihren Bürgermeister schrieb.

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister von Ingolstadt! Liebe Mitbürger! Sie haben gegen mein Stück PIONIERE VON INGOLSTADT protestiert und es ein gemeines Machwerk, ein Schmähstück, ein Schandstück genannt. Warum denn gleich so hitzig? Sie haben ja die Aufführung nicht einmal gesehen, auch das Stück nicht gelesen, auch das Stück nicht gelesen, da es niemand zugänglich war. Waren Sie da nicht ein bißchen leichtsinnig, Herr Oberbürgermeister? . . . Haben Sie sich denn nicht das ganze Material angesehen, bevor Sie etwas taten, was Sie immerhin kompromittieren konnte? . . . Aus Ingolstadt schrieb man mir, daß man mich dort totschlagen würde. Seid doch nicht so derb, liebe Leute. Es ist nicht fein, wenn man ein Mädchen totschlägt. Es ist auch dann noch nicht fein, wenn dies Mädchen zufällig in Berlin aufgeführt wird. Die Mädchen genießen heute größere Freiheit. Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Hexenprozesse . . . Es wird Frühling und die Säfte steigen. Mir scheint, daß Sie in dieser unruhigen Zeit an einem etwas bösen Furunkel leiden. Wenn dies Furunkel aufgegangen ist, werden Sie wieder gesünder sein. Marieluise Fleißer."

Das sind übermütige Zeilen, frech und angriffslustig. Ihr Ton lässt auf einen wahrhaft unabhängigen Charakter, auf eine Art Jannet Flanner, Djuna Barnes oder Gertrud Stein schließen, aber nicht auf die Frau, die drei Jahre später in jene Furunkel-Stadt zurückkehren, dort in der Versenkung einer ihr von Beginn an widerstrebenden Ehe mit Josef, "Bepp", Haindl, das heißt, hinter dem Tresen seines Tabakladens verschwinden und erst 1958, nun verwitwet, wieder auftauchen und an der Bildfläche literarischer Öffentlichkeit erscheinen wird. Man kann die Misere der Fleißer'schen Biografie kausal begründen: Geldnot, Einsamkeit, die NS-Zeit, das Durchschlagen der anerzogenen inneren Unfreiheit der ehemaligen Kleinbürgerin und Klosterschülerin. Aber keine Biografie, zumal keine künstlerische, folgt nur dem Fahrplan der Kausalität.

Was aber wäre der Sinn des Fleißer'schen Rückschritts-, ja Regressions-verhaltens? Drei Jahre lang, von 1932 bis 1935, lebt sie als über dreißigjährige Frau wieder im Haus ihres Vaters, in der Kupferstraße in Ingolstadt, vom Vater und seiner zweiten, ihr fast gleichaltrigen Ehefrau nur widerwillig gelitten, bis sie schließlich, eine Gefangenschaft gegen die andere eintauschend, den Jugendfreund Haindl heiratet. Er ist ein früherer Lehrling im Geschäft des Vaters und ihr ehemaliger Verlobter. Sechs Jahre zuvor hatte sie sich, mit dem Gefühl, luftabschnürender Liebe zu entkommen, bereits einmal von ihm gelöst. Nicht, dass sie 1935 in Deutschland, als allein stehende Frau und verfemte Autorin, allzu viele andere Wahlmöglichkeiten gehabt hätte. Aber sie überlässt ihr Leben der katastrophalsten Möglichkeit, und man kann das als biografisches Rätsel betrachten.

Schaut man ihr Werk, ihre Selbstaussagen und nun ihre Korrespondenz auf eine Erklärung dieses Rätsels hin an, fallen zwei Dinge auf: Marieluise Fleißer besaß einen hohen Begriff von Genialität, vom genialen schriftstellerischen Menschen, der in ihrem imaginären Kosmos männlichen Geschlechts war ("die Männer kommen leichter an Schicksale heran") und von Brecht ideal verkörpert wurde. Und sie bezog sich, was daraus folgt, gedanklich, literarisch, intellektuell, ausschließlich auf Männer. Ihre Prosa und ihre Dramen erzählen zwar vom weiblichen Leben, genauer gesagt, vom weiblichen Erleben der Grausamkeit geschlechtlicher Machtverhältnisse. Aber in ihrer Briefkorrespondenz spielen Frauen keine Rolle. Eine frappante Lücke: Marieluise Fleißer besaß offensichtlich ihr Leben lang keine Freundin.

Natürlich gibt es unter den Hunderten von Briefen, die sie schrieb, auch solche an weibliche Adressaten. Aber diese Adressatinnen heißen: Elisabeth Hauptmann, Helene Weigel, Therese Giehse, Ministerinnen aus dem Kabinett des Brecht'schen Kleinstaates also. Daneben ein paar Briefe an Redakteurinnen, ein paar an Martha Feuchtwanger oder Ruth Drexl, die aber in der Summe kein Gegengewicht darstellen zur langen Liste prominenter und hochrangiger Namen männlicher Briefpartner, von Jhering bis Siegfried Unseld, von Herman Kesten über Arno Schmidt, Joseph Breitbach, Friedrich Luft . . .

Es gibt, zumal im 20. Jahrhundert, kaum eine große Künstlerin, in deren Biografie sich Weiblichkeit und geniale, form- oder spracherneuernde Kreativität vertragen und das Beieinander nicht zu Konflikten, oder zumindest Widersprüchen geführt hätte. Die Lösungs- und Kompensationsstrategie aber heißt in der Regel: Austritt aus der Geschlechterrolle, in Richtung Männlichkeit wie bei Gertrude Stein, oder in Richtung Mädchenhaftigkeit bei Virginia Woolf. Ein Minimum an Küchenpsychologie reicht aus, um an der Gestalt Marieluise Fleißers die klassische Vatertochter zu erkennen. Ein Mädchen, das, als Ersatz für einen verstorbenen, als besonders intelligent geltenden Bruder, als Junge zur Welt kommen sollte, das nicht wie die Schwestern im Haushalt helfen musste, die höhere Schule und die Universität besuchen durfte und dem der Vater, wenn auch mit Bangen um das ökonomische Auskommen, eine künstlerische Laufbahn zutraute.

Das Andauern des mädchenhaften Tochterstatus in Liebes-, Verlobungs- und Eheverhältnissen muss eine Zumutung für die Seele Marieluise Fleißers, aber offensichtlich auch eine Voraussetzung für das Schreiben und den leidenschaftlichen Schreibwunsch gewesen sein. Fleißer heiratete schließlich einen Mann, der ihr während der Zeit der ersten Verlobung, Ende der 20er Jahre, wöchentlich, wenn nicht täglich Briefe schrieb, deren infantilisierende Haltung auf dem Gebiet amouröser Briefschaften einzigartig sein dürfte. "Luisi weiß doch, dass sein Bepp treu ist und zäh er beißt sich schon durch er wird immer auf sein kleines Punnylein warten, das sich nicht härmen und krank werden darf weil sonst Beppi auch krank wird vor Kummer, aber wenn mein Punny gesund und munter ist, dann ist auch Dein Brauni froh und munter (. . .)."

Der Rückzug zum Vater nach Ingolstadt im Jahr 1932 war äußerlich notgedrungen, aber er entsprach auch der inneren Not der erwachsenen Frau, den Kontakt zu dem genialen Mädchen aufrecht zu erhalten, das in ihr steckte. Die Rechnung, wenn man es so nennen will, ging nicht auf. Zum einen, weil der Nationalsozialismus die Dichterin Fleißer nicht existieren ließ. Zum anderen aber, weil Bepp Haindl aus Ingolstadt eben nicht Leonard Woolf war. Er brauchte alles andere als ein geniales Wesen neben sich, und schon gar keines, das sich nach Ungestörtheit sehnte.

Damit nahm die Misere ihren Lauf, die das Leben Marieluise Fleißers so beschädigte - doch wundersamerweise nicht den Kern ihrer künstlerischen Passion und ihrer künstlerischen Identität. Acht Wochen vor ihrem Tod im Februar 1974 äußerte sie den erstaunlichen Satz: "Die guten unter meinen Geschichten halte ich für Meisterwerke, die nicht sterben werden und deren Rang man noch nicht einmal völlig erkannt." Das wagen, so direkt, sachlich und souverän, nicht viele Schriftsteller von sich selbst zu sagen. Am 23. November wurde sie vor hundert Jahren geboren.

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