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Fleischeslust.
Erzählungen von T.
C. Boyle (2004, Hanser - Übertragung Werner Richter).
Besprechung von Alfred Koch aus litges.at,
St. Pölten:
FLEISCH-ESS-LUST
Könnte man in Erfahrung bringen,
wessen Einfall es war, diese lästerlichen Stories - und ein Sammelband ist es,
den der Verlag Hanser hier vorlegt - unter einem anderen als dem Originaltitel,
welcher nämlich "Without a Hero" lautet, zu versammeln, wüsste man,
ob man richtig liegt, neben "Fleischeslust" auch "Fleisch-ess-lust"
herauszuhören. Das sind Nebenwirkungen, die sich nach einer derartigen Lektüre
durchaus einstellen, ein sich neben dem Lesevergnügen ganz von selbst
ergebender angestachelter Sprachsinn nämlich. Wahrscheinlich aber waren wohl
auch taktische Gründe mit im Spiel, und mögliche Assoziationen, die den Inhalt
der Geschichten durchaus zu treffen wissen, gern gesehenes Zubrot.
Nicht, dass man meint, hier würde der Versuch unternommen, T.C. Boyles Bemühungen,
jeder Person einen eigenen Erzählton zu verpassen, zu unterschlagen, gering zu
schätzen, in welch gnadenloser Weise seine Beobachtungen jeden Winkel der
Wirklichkeit eines West-Menschen ausleuchtet, wie amüsant er dem Leser das
Skurillste glaubhaft als Allzualltägliches unterzujubeln weiß. Eine
Geschichte, ja einen Absatz zu lesen genügt ja, um zu bemerken, wes Geistes
Kind er ist. "Die frühere Attraktivität war aus seinem Gesicht gepresst
wie Grappa aus dem Trester" , "Gesicht und Arme waren ein Mosaik aus
Schrammen, Kratzern und Dreckspuren" - Vergleiche, die wie aus der Hüfte
geschossen wirken, mit einer Treffsicherheit, wie sie einem Autor, der aus dem
Land stammt, das den Wilden Westen gebar, wohl ansteht.
Aber jene Treffsicherheit, die sich nur durch scharfe Wortmunition ergibt, herüberzuretten
ins Deutsche, ist nichts Selbstverständliches, sondern eine Glanzleistung, der
man mehr Aufmerksamkeit als bisher zollen sollte. Ein Wiener Übersetzer nämlich
ist es, der dies zu Wege bringt, einer, dem als gelernten Österreicher die
Spannung zwischen unserem breiten, schlampigen Süddeutschen und der als
aufoktroyiert empfundenen (norddeutschen) Hochsprache zu einer schlitzohrigen
Sprachsensibilität verholfen hat, welche die Grundvoraussetzung ist, alle
Wort-Nuancen auszureizen. Bis auf einen einzigen T.C. Boyle Roman (das von einer
Deutschen humorlos übersetzte "Welcome to Wellville") ist er nämlich
der General-Übersetzer des nicht zu Unrecht von den Lesern der Zeitschrift
"Buchkultur" zum zweitbesten Autor des Jahres Gewählten. Ein Gutteil
des Erfolgs gebührt ihm, und er ist allzu bescheiden, sich als simplen
Wortwerker zu beschreiben, der bloß 1:1 wiedergibt, was im Amerikanischen schon
an Lesegenuss vorliegt. Man muss es endlich einmal betonen: Nur wo Werner
Richter draufsteht, ist auch T.C. Boyle drin.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.litges.at]
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