Flamingos.
Roman von Ulrike Almut Sandig (2010, Schöffling&Co.).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 10.4.2010:
"Mutabor" heißt die mit 40 Seiten umfangreichste und wohl auch beste Geschichte in diesem Band. Allein schon die Gattungsbezeichnung erweitert die Möglichkeiten: Es sind nicht die kühl realistischen, abgebrühten Erzählungen junger Debütantinnen, in die sich Sandigs Prosa einordnen lässt. Bei ihr wird nicht geraucht und mit leerem Blick aus dem Fenster geschaut. Sandigs Geschichten haben eine Märchenebene; sie bewegen sich auf diversen Anspielungsfeldern, vermischen Surreales, Unwahrscheinliches und Mögliches auf plausible Weise. Sorgfältig gebaut sind sie dennoch. Gelernt ist gelernt.
Ulrike Almut Sandig, geboren 1979, ist bisher mit
Erfolg als Lyrikerin in Erscheinung getreten: Sie hat den Meraner Lyrikpreis und
den Darmstädter Leonce-und-Lena-Preis gewonnen, war bis 2009 Herausgeberin der
Literaturzeitschrift EDIT, hat Religionswissenschaft und Indologie studiert und
am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) ihr Schriftsteller-Diplom
gemacht. "Flamingos" räumt mit zwei Vorurteilen auf: 1. Wer gute Gedichte
schreiben kann, kann keine Prosa schreiben. 2. Das DLL bringt, siehe oben,
größtenteils Einheitsware hervor - glatt, auf die Pointe hin geschrieben, am
Reißbrett erdacht.
Sandigs Geschichten haben einen doppelten Boden, und sie kommen unspektakulär
daher: "Über mich" lautet der schlichte Titel des Eröffnungstextes. "Das ist",
so heißt es da, "die Geschichte von jemandem, den es nie gegeben hat. Sie
handelt von mir. Ehrlich gesagt ist es keine Geschichte, in der besonders viel
passiert. Ich kann weder berufliche noch familiäre Höhepunkte vorweisen, auf die
ich hoffnungsvoll oder gelegentlich auch größenwahnsinnig hingearbeitet hätte."
So bescheiden und gewitzt lässt sich ein fiktionalisiertes Ich in Szene setzen.
Auch in "Hush little Baby" haben wir es mit einem Identitätsproblem zu tun, nur
in umgekehrter Richtung: Kai Arno sollte offenbar ein Zwillingspaar werden, doch
es kam nur ein Kind zur Welt, mit zwei Namen, zwei Augenfarben und der Fähigkeit
zum beidhändigen Schreiben. Auch hier gibt es ein Nachhinein: Kai Arnos Mutter
sortiert die ihren Sohn betreffenden Zeitungsmeldungen. Die Erzählstimme
kommentiert: "Manchmal fangen Geschichten damit an, dass jemand ein Baby
bekommt. Manchmal enden sie damit, dass jemand von einer Brücke fliegt. Das ist
natürlich nicht echt. In Wirklichkeit geht es immer weiter." Die
Diplomschriftstellerin Ulrike Almut Sandig zeigt in "Flamingos", dass Literatur
eben nicht immer nur den geraden Weg geht.
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