Fischvogel von Beate Rothmaier, 2010, DVAFischvogel.
Roman von Beate Rothmaier (2010,
DVA).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 26.8.2010:

Eine poetische Geschichte vom Weggehen und Ankommen
Die Autorin Beate Rothmaier erzählt von einem Sommer im Jahr 1974, in dem ein junges Mädchen zur Frau wird

Bedrückend und verstörend ist für Mika der Sommer, in dem sie vom Mädchen zur Frau werden will. Beate Rothmaier erzählt diese Geschichte bildreich, sensibel und doch schonungslos in "Fischvogel", 1974, Mikas große Brüder fahren in den Urlaub, Mika muss daheim bleiben, denn ihr kleiner Bruder ist sterbenskrank, die Mutter kümmert sich nur um ihn, sie fühlt sich verlassen - auch vom trunksüchtigen Vater. Sie verabscheut ihr Leben, ist zurückgeworfen auf sich selbst: "An der Zimmerdecke verfolgte sie das haarfeine Mäandern einer Wasserlinie und deren Schattierungen. Überbleibsel eines Regeneinbruchs durch das undichte Dach im vergangenen Herbst. Die Krümmungen und Windungen des ausufernden Ovals, die sich nach langer Wanderschaft als Anfang und Ende im Weiß der glatten Fläche fanden, wurden zum Zeichen für ihr Leben. Wohin sie auch ging, am Ende würde sie wieder da ankommen, wo sie angefangen hatte. Schlimmstenfalls bei sich selbst."

Nicht nur das renovierungsbedürftige Heim oder das Baumhaus werden zum Symbol, auch die Natur spiegelt den Gemütszustand Mikas, ist mal erfrischende Landschaft, dann Straße des Aufbruchs, dunkler Wald aus schlechten Träumen oder voller schmerzhafter Beerenstrauchstacheln. Das könnte zur Überfrachtung geraten, doch der 1962 geborenen Autorin gelingt es, die Geschichte in Balance zu halten. Denn auch hart realistisch kann sie sein, wenn es ums erstarrte Familienleben geht.

Mika hasst ihre Familie, die ihr bei Tisch nicht zuhört, sie nicht wahrzunehmen scheint, sie lebt in geliebten, wieder und wieder gelesenen Geschichten. Und sie wünscht sich sogar den Tod des kranken Bruders. Sie will ihr Leben zurück. Versunken in ihren Weltschmerz reißt sie aus, um die Liebe zu suchen, um zur Frau zur werden, das reale Leben zu finden. Rothmaier gelingt es, einem alten Thema poetisch neu und gelungen zu begegnen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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