Fisch von Christian Stuhlpfarrer, 2001, Residenz

Fisch.
Ein Bericht von Christian Stuhlpfarrer (2001, Residenz).
Besprechung von Martin Droschke aus Rezensionen-online *LuK*:

Nicht innovativ, aber intelligent
Christian Stuhlpfarrers Debüt "Fisch"

Auf der Luftmatratze fröhlich im elterlichen Wohnzimmer herumzuschippern, davon haben wir als Kind geträumt, seien wir ehrlich. Wir alle träumten das und am häufigsten von uns sicherlich diejenigen, die sich als Erwachsene auf eine eigenständige österreichische Kulturidentität berufen sollten und noch heute mit dem Trauma vom Verlust der österreichischen Meeresstrände der k. u. k.-Zeit schwanger gehen. Die Lust im Wasser zu leben, scheint zur Grundausstattung des kollektiven Phantasienfundus des Menschen zu gehören. In den späten siebziger und achtziger Jahren blühten die wildesten Theorien: Der Frauen Busen ist an einer für Säugetiere ungewohnt hohen Stelle plaziert. Warum? Sie erlaubt es, Babys in seichten und sicheren Ufergewässern zu säugen. Warum dem Menschen nur an ganz ganz zuoberster Stelle ein dichter Pelz geblieben ist? Wer sich sein ganzes Leben bis zur Schulter im Wasser aufhält, braucht eben nur dort etwas, das ihn wärmt. Die Evolution hat sicher ihre Spuren im Erbmaterial der Spezies Mensch hinterlassen; und das 6000-jährige Nachdenken über die Evolution kollektive Spleene, die leider viel zu selten von Schriftstellern als Spielmaterial aufgegabelt und in ihrer albernen Konsequenz bis zu ihrem bananenen Ende durchexerziert und -geschrieben werden. Hüfttief läßt Ludwig Adalbert Unselig, Wärter im Naturhistorischen Museum von Wien, Abteilung Urzeitschnecken, seine Bude nach einem Nordseeurlaub vollaufen. Hinter Tür Nummer eins, achte Stiege, Thürnlhofstraße, Wien-Simmering, schlängelt er sich wie ein Aal in der Danziger Bucht, tippelt er wie ein Lobster von Kanada, planscht er wie eine Schildkröte vor Kreta. "Fisch. Ein Bericht" heißt der Debütroman des Wieners Christian Stuhlpfarrer - aber eigentlich ist es die Amphibie in uns allen, der der Erzähler in 236 peniblen Aktennotizen nachgeht. Schon auf den ersten Seiten weist sich der Autor als Jongleur des Absurden aus. Der Bericht beginnt, nachdem Unselig im doppelten Wortsinn an der Küste Albaniens untergetaucht ist. Nicht ein Mal entgleitet Stuhlpfarrer eine seiner verwirrend zahlreichen Logikringe. Auch Komikkeulen und Sprachspielbälle fliegen präzise. Ganz in der Tradition von Thomas Bernhard hat der 1965 geborene Theologe, Sozialarbeiter und Pizzabäcker die Borniertheit des sympathisch-ekelhaften Spießers verinnerlicht. Unselig, der Berichterstatter, die Zeugen, die der Berichterstatter ausgräbt, und schließlich die Hausverwalterin, die, wann immer Unselig durch das Stiegenhaus fort ist, eine Pfütze vor seiner Türe findet - alle haben am Charakter eines Gartenzwerg-Bürokraten zu tragen. Anleihen bei Werner Kofler, Gerd Jonke und Konsorten, freundlich als Inspirationshilfen tituliert, sind offensichtlich. Innovativ ist dieser Roman nicht. Aber schön, intelligent und neckisch.

Gewissenhaft recherchiert der Berichterstatter Motiv und Hergang von Unseligs Verschwinden, mietet dessen modrige Wohnung an, ersteigert Unseligs Habseligkeiten. Sich in die Gedankenwindungen des Vermißten hineinzuversetzen, heißt seine Devise, die ihn in einer der schlechten Tatort-Folgen als aufrechten Helden aus der Geschichte entlassen würde. In einem guten Buch kann ein Patentrezept des Detektiverfolgs nur zu des Helden Verhängnis mutieren. Der Berichter besucht in Podersdorf am Neusiedler See Herrn Bitterlich, den Kassenwart des "Vereins zur Erhaltung der Schilfgrasvielfalt". Bitterlich weiß allerdings auch nicht mehr, als daß der Sonderling immer schon einen Faible für"s Flüssige hatte und daß alles mit seinem Umzug nach Wien begann. Der Berichterstatter nimmt Unseligs Stelle in der Urzeitschnecken-Abteilung an, der Berichterstatter merkt, wie wohltuend die Marotten Unseligs auf ihn wirken. Als er das erste Mal Wasser ins Wohnzimmer einläßt, vor dem Fernseher paddelt, ist es zu spät. Die Sehnsucht hat ein zweites Opfer gefunden. So exakt, als liefe eine DNA-Kopie ab, wiederholt sich die Wandlung des Biedermanns Unselig zum untragbaren Exzentriker in der Lurchwerdung des Berichterstatters, der selbstredend auch an der albanischen Küste verschwinden wird.

Stuhlpfarrers DNA-Kopierverfahren, ein Abklatsch von Gerd Jonkes Schilderung einer in die Zeitschleife geratenen Künstlerparty aus der "Schule der Geläufigkeit". Erzähltechnisch kommt Stuhlpfarrer nicht an den Klassiker von 1977 heran. Was allerdings nur für Jonke und nicht gegen den Gelegenheitsarbeiter spricht und schon gar nicht das Vergnügen an der Lektüre mindert. Wie einst Bruder Jonke treibt Stuhlpfarrer Gedankenspiele, die sonst nur die altklugen unter den Zehnjährigen zustande bringen. "Fisch. Ein Bericht." ist, was herauskommt, wenn sie den Biologiestoff ihrer großen Geschwister zwar nicht verstanden haben, ihn trotzdem zu einem logischen Kosmos verbauen wollen und müssen. Bekanntlich scheren sich altkluge Kinder einen Dreck darum, welche Themen die Meinungsforscher gerade als in und als out definiert haben. Altkluge Kinder halten beispielsweise den Umweltschutz für wichtig und deshalb verbauen sie ihn - der ist momentan ähnlich unzeitgemäß wie Stuhlpfarrers Art zu erzählen. Viel zu viel Regen protokolliert der Berichterstatter. Beschert uns der Treibhauseffekt Verhältnisse, wie sie sich unsere amphibischen Gefühlsrudimente herbeisehnen? Die Kröte, die in uns sitzt? Schlucken wir deshalb, daß bekanntermaßen zu wenig zum Stopp des Klimakollaps unternommen wird?

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