Fingerzeig von Alfred Brendel, 1996, HanserFingerzeig.
Gedichte von Alfred Brendel (1996, Hanser)
Besprechung von Martin Meyer in Neue Zürcher Zeitung, 1996:

Alfred Brendel als Poet
«Fingerzeig» – literarische Texte des Pianisten

Als der Klavierkünstler Alfred Brendel noch kaum in aller Welt gefeiert war, wiewohl er schon hervortrat mit klugen, nachdenklichen Interpretationen der Werke Beethovens und Schuberts, bekannte er, danach gefragt, zu seinen Steckenpferden («Hobbies») zählten, neben der Barock-Architektur, auch manche Formen des literarischen Humors. Und früh fiel den Physiognomikern unter seinen Zuhörern auf, übrigens ohne Anstrengung oder die Neigung zur Medisance, dass der grosse Pianist, wenn er zum Flügel schritt und alsbald den Tasten ergreifende und dramatische Klänge entlockte, ein wenig den zauberischen Gestalten aus E. T. A. Hoffmanns Parabeln und Erzählungen ähnelte, wo nicht gar entsprechen wollte. Der elegante Horowitz, der schöne und mienenstarre Michelangeli – Brendel aber: etwas Professor, etwas Poet, scheinbar zerstreut, gleichzeitig Feuer und Geist, Witz und innigste Empfindung.

Jawohl, so lieben wir ihn, ob seiner Bildung und Belesenheit, ob seines Charmes, da das Wienerische nicht sich mit Tücke mischt, ob jenes Tiefsinns des Gestaltens, welchem das befreiende Lächeln wie eine leise Synkope nachtönt, den Ernst verklärend in der Weise der Einladung, der Werbung, der Bitte. Denn die Welt will Beethoven. Aber sie will auch Carl Maria von Weber, neben Schuberts einsamen Gesängen erinnert sie sich nicht ungern an die Aufschwünge von Liszt, selbst Balakirevs orientalische Fantasie «Islamey», eine virtuose tour de force, schmeichelt ihrem Ohr, Brendel hat sie, man staune, einst gespielt. Er, der Seriöse, bekennt sich zum Antipoden des Langweilers, des schweigsamen Backhaus' Wort, dass doch alles dastehe, der Musik, wie sie gedruckt sei, nichts hinzugefügt werden dürfe, bleibt ihm: unverständlich.

Ausdruck, Ausdruck, darum geht es ihm. Weshalb er nicht nur mit den Händen um die treffende Phrasierung, den Ton von Licht und Schatten, das Ritardando und das Accelerando des Herzens ringt und dabei, wenn wir so sagen können, den Stücken eine bildliche, metaphorische, auf die Verfasstheit (condition) des Lebens zielende Qualität hinzufügt oder herauslockt, sondern auch als gelehrter Kommentator und Philosoph zur Feder greift, um das musikalische Geschehnis zu erläutern. Wir verdanken ihm, wie einst dem ungebärdigen Gould, schöne Essays, Traktate, Hinweise, Aperçus.

Und nun dieses Büchlein. Denn er ist, man staunt nicht wirklich, «unter die Schriftsteller gegangen». Brendel hat, wie er's selber nennt, Texte verfasst, insgesamt fünfundvierzig Miniaturen, kurze und kürzeste Poesien, nicht etwa Knittelverse (Edwin Fischer) und auch nicht hermetisch Romanhaftes (Valéry Afanassiev), nein, einfache Etüden oder Präludien, in denen höchst transparent von allerlei Komischem und Unmöglichem, von Missgeschicken und Erfindungen, von Pianisten und Haustieren, Wissenschaftern und Affen und anderem mehr Kunde getan ist. Natürlich kommt es, Brendel zählt ja als Musiker kaum zur Avantgarde der Zwölftöner und cluster-Meister, auf die Inhalte durchaus an. Etwas geschieht, und selbst wenn es nur gedacht ist, wie bei Swift, bei Wilhelm Busch oder in den Albträumen des Struwwelpeter, so können wir es dennoch sehen und, gleichsam, nacherzählen: das Auge schreibt.

Anderseits vermögen die Inhalte, dass etwa ein Virtuose einen dritten Zeigefinger entwickelt hat, ein Knie mit Wollust sich selbst besingt oder eine Kontroverse tobt um die Abschaffung oder Beibehaltung von Türen im Wohnbau, vermögen diese Inhalte niemals abzulenken von der Form, vom Zeilenfall, kurz, von der kompositorischen Manier, welche die Stoffe aufs Papier setzt, nämlich in freien Versen, denen eine Art von Brechung, wenn man will: von dissonanter Verschärfung eignet. Unnötig zu erwähnen, wie rhythmisch, wie melodiös solches passiert. Und doch gereicht es zum Lob, das der Leser, die Leserin gerne spendet, weil hier jede Silbe richtig gezählt, jede Hebung richtig geführt, jeder Abgang richtig vollzogen ist und folglich der Stil, man sehe von wenigen verdächtigen Konjunktiven ab, ein Eigenleben sich erobert von Fliessen und Verweilen, von Stockung und Tempo, beinah, beinah wie in derjenigen Musik, die wir absolut heissen und wo wir uns auch nicht unbedingt fragen, was es denn war, was wir zu hören gekommen waren.

Wortspiele denn doch? Ja und nein. Zum Nein gehörte, dass Brendel Alfred in der Groteske, im Humor, im Aberwitz und in der Ironie, falls wir uns nicht aufs ärgste täuschen, gleichzeitig einen Hintersinn, eine Moral von der Geschicht', eine behutsame Botschaft kristallisieren lässt, nichts Schwerfälliges, dies wohl kaum, eher, wie der Maler Daumier in seinen freundlicheren Momenten, eine leçon, welche vom Bestiarium der Leidenschaften handelt und vom Kulturstolz, von der Bereitschaft zum Fanatismus und von den merkwürdigen Zurüstungen, mit denen wir unsere Identität ausstatten. Es geht nicht ohne Rituale, fürs Überleben zuerst, dann für das Zusammenleben. Darin freilich steckt bei näherem Hinsehen gar viel Skurriles, Neurose und Täuschung, und vielleicht bedarf es des Lachens, des musikalisch inspirierten Capriccios mehr als finsterer Kritik, dazu Distanz zu gewinnen, Schumann verstand es unter der Bezeichnung «etwas hanebüchen», später gelang es Satie, Brendel setzt es fort, als Autor, wiederum mit Schumann, ein «Ritter vom Steckenpferd», mit welcherart Bezeichnung er, hoffen wir, nicht unglücklich ist. Ihm gilt der Ruf da capo.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home I 0510 LYRIKwelt © M.M./NZZ