Film und Verhängnis von Ilse Aichinger, 2001, S. Fischer1.) - 2.)

Film und Verhängnis.Blitzlichter auf ein Leben.
Autobiografie von Ilse Aichinger (2001, S. Fischer).
Besprechung von Melanie Robertson aus Münchner Merkur vom 04.02.2002:

Blitzlichter des Lebens
Ilse Aichinger präsentiert ihre Autobiografie

Ilse Aichinger saß im Kino, als der Zweite Weltkrieg begann. Sie war 18 Jahre alt und sah sich vermutlich den Film "FP1 antwortet nicht" im Sascha-Palast auf dem Gelände der Wiener Hofreitschule an. 62 Jahre später sitzt sie wieder im Kino, nicht in Wien, sondern in München, um über ihre Leidenschaft zu sprechen - das Cinema.

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag im November letzten Jahres erschien nach 14-jähriger Schreibpause wieder ein Werk von ihr: "Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben". Bei der Sonntagsmatinee im Arri-Kino stellte die Schriftstellerin der Nachkriegsliteratur ihre Autobiografie vor. Peter Lilienthal, Autor und Regisseur, moderierte die Veranstaltung, die vom Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und dem Kino veranstaltet wurde.

Auch wenn Aichinger, die Autorin des Kindheitsromans "Die größere Hoffnung" (1948), lange Zeit schwieg, so heißt das nicht, dass sie untätig gewesen wäre. Mit unzähligen Filmen, unkonventionellen Reflexionen über das Verschwinden, das Flüchtige, das Erinnern hat sie sich beschäftigt - ihr Lebensthema. Wenn die alte Dame, hellwach, aber mit brüchiger Stimme verrät, "ich wäre am liebsten vor der Geburt verschwunden", dann klingt das aus dem Munde der Autorin nicht dramatisch.

Meisterhaft versteht sie, Tragik und Komik miteinander zu verbinden. Ihr Humor zieht sich durch dieses einzigartige Buch, in das sie an Hand von Filmen, die sie kommentiert, ihre eigene Lebensgeschichte einwebt. So liest die Österreicherin, nicht ohne Amüsement, die Geschichte über Lya de Putti, den weiblichen Stummfilmstar, der an einem Hühnerknochen erstickte.

Aichinger liebt es, das grotesk Zugespitzte. Denn weiter schreibt sie, den "Dritten Mann" zitierend: " ,Born to be murdered" sollte nicht nur im Fall meiner eigenen Familie in ,born to disappear" übersetzt werden." Ein Teil der jüdischen Familie der Autorin ist 1942 deportiert worden. Aichinger und ihre Mutter überlebten in Wien, in einer Wohnung neben dem Gestapo-Hauptquartier.

Im "Journal des Verschwindens", dem zweiten Teil des Buches, verzichtet die Autorin bewusst auf jegliche Chronologie. Denn Erinnern habe die entgegengesetzte Ökonomie. Sie schreibt: "Kurz und grell beleuchtete, erschrockene und oft fratzenhafte Gesichter. Wer hat noch die Illusion, sein Leben vor- oder zurückblättern zu können?"

So ist der Leser gefordert, die Kontinuität in den Texten über Eddie Constantine, Leni Riefenstahl, Jean-Luc Godard, die Beatles und Bob Dylan selbst zu suchen. Und was er dort findet, ist die Biografie Ilse Aichingers, gleichsam eine Geschichte des Verschwindens in Kinosesseln.

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Leseprobe I Buchbestellung 0202 LYRIKwelt © Münchner Merkur

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Film und Verhängnis von Ilse Aichinger, 2001, S. Fischer2.)

Film und Verhängnis.Blitzlichter auf ein Leben.
Autobiografie von Ilse Aichinger (2001, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Janacs aus Rezensionen-online *LuK*:

Aus der Sicht der Entfremdung
Zwei Bücher von Ilse Aichinger

lse Aichinger achtzig Jahre alt? Erstaunen und Erschrecken ob dieser Nachricht, so jung erscheinen ihre Texte, als wären sie erst kürzlich erschienen: ihr Roman "Die größere Hoffnung" (1948), eine der frühesten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nazi-Regime und der Judenverfolgung, poetisch und letztlich den Schrecken transzendierend und sich damit auf ganz andere Weise dem Thema nähernd als die wenig später einsetzende "Kahlschlagliteratur"; die Erzählungen aus "Der Gefesselte" (1952) mit der "Spiegelgeschichte", jenem wohl berühmtesten Text Aichingers, der in zahllosen Anthologien und Lesebüchern Eingang gefunden hat nicht zuletzt wegen der hier exemplarisch vorgeführten Umkehrung der Zeitabläufe und der daraus resultierenden überraschenden Einsichten; die Geschichten von "Eliza Eliza" (1965), die das Erzählen von Geschichten mehr und mehr in Frage stellen und dafür die Sprache ins Zentrum der Betrachtung rücken und ihren Höhe- und Endpunkt in den Texten der "schlechten Wörter" (1976) finden, einem gleichermaßen schmalen wie radikalen Band, in seiner Bedeutung für die Literatur vergleichbar nur mit den größten Werken des 20. Jahrhunderts, einem "Finnegans Wake" zum Beispiel, oder dem Spätwerk Samuel Becketts; dann die viel zu wenig beachteten Hörspiele; die fragilen Dialoge aus "zu keiner Stunde" (1957), die Orte und Personen wie hinter einem Schleier erscheinen lassen und schon bei ihrem Erscheinen auf Unverständnis stießen und noch immer verstören; die Reden, kurzen Aufsätze und Aphorismen von "Kleist, Moos, Fasane" (1987), in denen Aichinger Einblicke in ihre Poetologie und Welt-Anschauung gewährte; und schließlich die Gedichtsammlung "verschenkter Rat" (1978), die aufhorchen ließ, weil kaum jemand bis dahin Gedichte von Ilse Aichinger kannte bzw. mit einer derart konsequent über Jahrzehnte hinweg gleichbleibenden dichten Poesie gerechnet hatte.

Ilse Aichinger achtzig Jahre alt, und nun erscheinen, nach längerem Schweigen (oder scheint dies nur so: war sie nicht vielmehr immer präsent, selbst und gerade dann, wenn sie nichts publizierte?), zwei neue Bücher und eine CD.

Die junge, auf literarische Kostbarkeiten spezialisierte Edition Korrespondenzen veröffentlicht unter dem Titel "Kurzschlüsse. Wien" 24 Prosaminiaturen bzw. -gedichte sowie den 1954 in den Frankfurter Heften erstmals erschienenen Essay "Die Sicht der Entfremdung. Über Berichte und Geschichten von Ernst Schnabel". In diesem Text gibt Aichinger, indem sie über einen von ihr geschätzten und mittlerweile leider nur noch als Biograph Anne Franks bekannten Autor schreibt, Auskunft über ihre eigene Weltsicht und Poetologie: "Die Sicht der Kindheit", schreibt sie gleich zu Beginn, "die Orte zu Orten werden läßt und ihnen ihre Namen neu gibt" - ein Satz, der als Schlüssel zum Verständnis ihres oft als hermetisch apostrophierten Werks fungieren könnte -, diese Sicht prägt ihre Dichtung vom ersten Werk an und verknüpft sich mit der Rolle des Autors, der, so Aichinger, wie "der Columbus von heute nicht die fremde Welt bekannt machen muß, sondern die allzu bekannte fremd".

Diese "Sicht der Entfremdung" setzt Aichinger poetisch auf außergewöhnliche Weise in den 24 Prosagedichten um, und diese sind die eigentliche Entdeckung: Zwischen 1953 und 1955 entstanden und unter verschiedenen Titeln in Zeitschriften und Anthologien publiziert, gerieten sie in Vergessenheit, ehe sie Richard Reichensperger wieder ausgrub, zu spät jedoch, um sie noch in die Werkausgabe von 1991 aufnehmen zu können; ursprünglich hatte sie den Titel "Maulwürfe" gewählt - den ihr Mann Günter Eich fünfzehn Jahre später für seine verstörende Prosasammlung verwenden sollte -, nun, für die erste Buchausgabe, ordnete sie die Texte neu und gab ihnen den programmatischen Titel "Kurzschlüsse". Beginnend mit der "Stadtmitte" und endend am "Nußberg" in Döbling, nähert sich Aichinger verschiedenen Orten ihrer Geburts- und Wohnstadt Wien, und schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, daß sie anderes im Sinn hat als Postkartenansichten einer Nachkriegsstadt zu entwerfen (aber wer hätte das schon von Aichinger erwartet?): ihre Prosagedichte sind in vertrauten Gassen und Plätzen verortet, die jedermann aufsuchen kann, aber unter ihren Worten und sparsamen Sätzen verwandeln sie sich, verbinden sich "höchste Vertrautheit mit dem radikalsten existentiellen Befremden" (so Simone Fässler im erhellenden Nachwort), stellt sich die "Sicht der Entfremdung" ein, denn wo auch immer Aichinger hinkommt, sie trifft auf Spuren des Krieges, wird Erinnerung an Deportation und Vernichtung wach, spürt sie Bedrohung und Tod auf. Aber, das ist das Überraschende und Tröstliche, es sind keine düsteren Texte, sondern Prosagedichte, die von Farben und Düften durchdrungen sind und von einem Licht, das die Orte zu verzaubern scheint.

Wie nah an konkreten Orten Aichingers Dichtung stets war und ist, zeigen die Texte der "Kurzschlüsse": da begegnet man dem König in einem Bänderladen (der in "Erinnerungen für Samuel Greenberg" wieder auftaucht), geht durch die Gonzagagasse (wortident mit dem Gedicht gleichen Titels in "verschenkter Rat") oder trifft auf die "Italienische Botschaft" (mit der als "Französischer Botschaft" der Reigen der Dialoge in "zu keiner Stunde" anhebt). Und dies zeigt, wie sehr Aichinger mißverstanden wurde und wird: ihre Texte wollen nicht als Metaphern und Gleichnisse gelesen werden und sind keine Parabeln, sondern in ganz konkreten Gegenden verortet - "Die Orte, die wir sahen, sehen uns an." heißt es in "Stadtmitte" - und sollen "beim Wort genommen" werden, so wie Aichinger die Dinge bei ihren Namen nimmt. Und das scheint mir der größte Wert der "Kurzschlüsse" zu sein: daß sie deutlich machen, wie nötig eine gründliche neuerliche Lektüre und Neubeurteilung von Ilse Aichingers Werk ist.

Anders geartet und doch eng verwandt mit den fast ein halbes Jahrhundert davor entstandenen "Kurzschlüssen" sind die Texte von im S. Fischer Verlag publizierten "Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben". Man wußte schon, daß Aichinger an einer Art Autobiographie arbeitet und Betrachtungen zu Filmen und über Regisseure und Schauspieler schreibt (die seit Oktober 2000 jeden Freitag im "Standard" erscheinen), aber was sie hier nun vorlegt, gibt doch genug Anlaß zu Überraschung.

Da sind zunächst die elf etwas längeren Essays des ersten Teils "Film und Verhängnis", die Stationen im Leben der Dichterin aus den Jahren 1927 bis 1945 umkreisen, assoziativ arbeitend, Spuren verfolgend und neue legend und dabei immer wieder auf Filme rekurrierend von Max Ophüls zum Beispiel oder Louis Malle und Ingmar Bergmann, aber auch auf Unterhaltungsfilme wie "FP 1 antwortet nicht", "Sister Act" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" sowie Autoren wie Auden, Bernhard und Faulkner. Aber schon der erste Satz, mit dem das Buch beginnt und der an "Zweifel an Balkonen" aus "schlechte Wörter" denken läßt - "Auf altrömische Straßenzüge ist sicher noch weniger Verlaß als auf alte Hofapotheken" -, macht klar, daß es Aichinger nicht um eine herkömmliche Autobiographie geht mit dem üblichen Namedropping und den unvermeidlichen Anekdoten: was sie wirft, sind "Blitzlichter auf ein Leben" in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit, in dem der Boden unter den Füßen nicht da war, "um sich darauf zu bewegen. Es war ein fester Boden, aber ein Boden ohne Gewähr." In diesem Licht tauchen Orte auf, die man aus vielen ihrer Werke her kennt und die sie in den "Kurzschlüssen" poetisch umkreist hatte - das Vierte Tor des Zentralfriedhofs, die Französische Botschaft, die Hohlweggasse und die zahlreichen Wiener Kinos -, Splitter von Biographien ihrer Verwandten und Nachbarn, von denen ein Großteil in einem der Vernichtungslager der Nazis endete und die alle Orte zu Gedenk-Stätten werden lassen, und immer wieder Filme, in die sich das Mädchen und die junge Frau, nein, nicht flüchtete, sondern zurückzog, um schärfer sehen zu lernen. "Es ist jetzt alles Geschichte geworden, eine Geschichte, ließe sich auch sagen", resümmiert Aichinger in ihrer unnachahmlichen lakonischen Sprache. "Geschichten lassen sich wieder erzählen. Und nicht nur wieder erzählen."

Daß es Aichinger nicht ums Erzählen, schon gar nicht ums Nacherzählen geht und ging, beweisen auch die überwiegend kürzeren Texte des zweiten Teils, des "Journals des Verschwindens": meist entzünden sich ihre Reflexionen an Filmen, bisweilen auch an Tagesaktualitäten, "sobald sie absurd genug sind", und an Fotos Bill Brandts, jenes Fotografen, der in den dreißiger und vierziger Jahren den englischen Mittelstand und die Arbeiterklasse in seiner eigenen Bildsprache dokumentierte, und berühren dabei immer wieder dieselben Orte und Biographien; hiefür hat sie die Texte aber nicht chronologisch geordnet, sondern "nach ihren Landschaften", wie sie im Vorwort schreibt, wobei das Journal im Jahr 1930 einsetzt und mit dem "Dritten Mann" in Wien nach 1945 endet und somit den gleichen Zeitraum umfaßt wie die Essays des ersten Teils. Daß es dabei zu Überschneidungen kommt, ist natürlich; was aber in einer wöchentlich erscheinenden Zeitungsreihe akzeptabel ist, erscheint in einer Buchsammlung bisweilen doch zu redundant, vor allem wenn Formulierungen zum Teil wörtlich wiederholt werden.

Dennoch: wie Aichinger scheinbar disparate, weit auseinander liegende Orte, Ereignisse und Gedanken zu verbinden versteht, wie sie Erwartungen unterläuft und Erinnerungssplitter vorsichtig zusammenführt - "Die Erinnerung splittert leicht, wenn man sie zu beherrschen versucht", schreibt sie, "Sie muß alles und darf doch nichts behalten wollen." -, ist einzigartig und macht die Lektüre immer wieder zu einem überraschenden Leseerlebnis.

Ilse Aichinger achtzig Jahre alt? Ja, und widerständig und subversiv wie eh und je.

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