Filmreif von Hanna Marjut Marttila, 2010, CarlsenFilmreif.
Roman von Hanna Marjut Marttila (2010, Carlsen - Übertragung Elina Kritzokat).
Besprechung von Andrea Lüthi in Neue Zürcher Zeitung vom 1.09.2010:

Alltag in einer Alkoholikerfamilie
Hanna Marjut Marttilas realitätsnaher Jugendroman «Filmreif»

Torstens 16-jährige Schwester ist schwanger, schon wieder. Das erfährt Torsten nachts um drei und der Leser auf der ersten Romanseite. Aber keine actiongeladene, dramatische Geschichte folgt, wie der Titel vermuten liesse – stattdessen nimmt Torsten die Nachricht zum Anlass, über sein Familienleben zu berichten und mit Vorurteilen aufzuräumen. Seine Eltern sind Alkoholiker, der Vater ist depressiv. «Langzeitarbeitslose Scheissloser», sagt Torsten – und doch bringt er seinem Vater Himbeer-Roulade mit, die dieser besonders mag. Der 15-Jährige übernimmt viel Verantwortung; er putzt, wäscht, kauft ein; er sorgt dafür, dass sein Vater die Medikamente nimmt und dass Kondome für seine Schwester im Haus sind. Gleichzeitig bleibt er Teenager, auch in seiner Sprache, die mit Kraftausdrücken gespickt ist. Die «Brüllgöre mit Zöpfen» vom Tierschutzverein gefällt ihm, und er träumt davon, ein berühmter Regisseur zu werden. Oft stellt er sich Gespräche als Drehbuch-Dialoge vor, gibt im Geist Regieanweisungen. Dann wieder führt er zynisch vor Augen, wie seine Situation in schlechten Filmen dargestellt würde. In der Szene «Säufereltern erfahren, dass ihre minderjährige Tochter schwanger ist» gäbe es gewiss einen «Superschocker-Gewaltausbruch». Aber weil Torstens Leben kein Film ist, wird die Sache unspektakulär gelöst. Die finnische Autorin schildert in dem mehrfach ausgezeichneten Roman das Leben in einer Alkoholikerfamilie unverblümt, aber durchaus mit Witz.

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