Paul Karalus, Versuch eines Portraits von Hugo Ernst Käufer, 2002, GrupelloPaul Karalus, Filmemacher, Erzähler und Poet.
Versuch eines Portraits von Hugo Ernst Käufer (2002, Grupello).
Besprechung von Werner Streletz aus der WAZ vom 24.02.2002:

Als Dichter rote Socken trugen

Wer solche Freunde hat, braucht keine Festredner: Der Bochumer Schriftsteller Hugo Ernst Käufer hat dem Filmemacher, Erzähler und Poeten Paul Karalus einen bemerkenswerten Erinnerungsband gewidmet.

Sie kannten sich von Jugend auf: Karalus, der 1928 in Witten-Annen geboren wurde, und Käufer, ebenfalls der Nachbarstadt stammend, dessen 75. Geburtstag vor einigen Tagen im Bochumer Rathaus würdig gefeiert wurde.

Beide sind ihren Weg gegangen, erfolgreich, aufmüpfig: Karalus – ausgezeichnet mit dem Adolf-Grimme-Preis – als kritischer Filmemacher, der stets der Literatur verbunden blieb; Hugo Ernst Käufer als Förderer der Ruhrgebietsliteratur, die seinerzeit bevorzugt als Bergarbeiter- und Industriedichtung verstanden wurde. Die Hommage an den im Jahr 2000 verstorbenen Freund Paul weckt Erinnerungen an die Jahre, als alles (neu) anfing, an die Nachkriegszeit: »Unsere literarische Basis war schmal geworden. Wolfgang Borcherts ›Draußen vor der Tür‹ wies uns die Richtung.« Borchert »löste uns die Zunge, machte Mut, uns zu artikulieren«, schreibt Käufer in dem im Düsseldorfer Grupello Verlag erschienenen »Versuch eines Porträts«: »Wir identifizierten uns mit der nüchternen, engagierten Anklage, die Borchert uns nach seinem frühen Tod hinterließ«.

Hugo Ernst Käufer lernte Paul Karalus Ende 1948 während einer Lesung des »Rings junger Autoren Westdeutschlands« im Wittener Ratskeller kennen. Käufer: »Wir taten uns zusammen, diskutierten, wir hatten noch alles vor uns.« Auffallen war die Devise: »Wir trugen rote Socken und bunte Cordjacken, lasen provozierende Gedichte und Geschichten.« Auch jene Literatur, die von den Nazis totgeschwiegen worden war, galt es zu entdecken. Die Freunde lasen Brecht, Kafka, die französischen Surrealisten, die deutschen Expressionisten. »Vor allem aber Gottfried Benn«, der sie mit seiner schmalen Schrift »Probleme der Lyrik« lehrte, »welche Kriterien beim Verfassen von Gedichten zu beachten sind«.

Das Papier für die erste gemeinsame Produktion »Poemes« schenkte den beiden Jungdichtern im Jahre 1952 die Buchhändlerin Käthe Gischler. Da war ihnen schon Paul Celans Lyrik vertraut geworden, der in seiner »Todesfuge« dem Holocaust ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. Die Todesfuge: ein Gedicht, das nach Käufers Ansicht unverändert gültig ist »in einer Gegenwart, in der schon wieder Synagogen geschändet werden«.

1989 arbeiteten Käufer und Karalus für den Film »Heimatkunde« eng zusammen. Dabei war es ihnen möglich, »unsere Kindheit und Jugend in finsteren Zeiten herbeizuholen aus dem Schacht des Vergessens.« Und mit tiefer Melancholie schreibt Hugo Ernst Käufer: »Vor vielen Jahren, als wir noch ganz jung waren, haben Paul Karalus und ich auf einer Bank des Friedhofs in Annen, oft uns die ersten Gedichte gegenseitig vorlesend, in einem freundschaftlichen Diskurs, nicht ohne jugendlichen Überschwang, darüber gesprochen, wer wem, wenn es einmal so weit sein sollte, die Abschiedsworte sagen würde.«

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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