Feuer brennt nicht von Ralf Rothmann, 2009, Suhrkamp1.) - 3.)

Feuer brennt nicht.
Roman von Ralf Rothmann (
2009, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 5.04.2009:

Ralf Rothmanns Roman "Feuer brennt nicht"
Es züngelt, lodert, glost - in Ralf Rothmanns neuem Roman "Feuer brennt nicht", der trotz einiger Schwachpunkte abermals ein sprachliches Meisterwerk ist.

Ralf Rothmann, einer der raren Qualitätsbeiträge des Ruhrgebiets zur deutschen Literaturszene, schreibt Sätze, in die man sich hineinsetzen kann wie in ein Sofa, das auf Maß gebaut wurde, nur für die eigenen Bedürfnisse und das persönliche Weltempfinden. Die durchgehende, selten versagende Präzision seiner Wörter und Sätze bringt schimmernde Atmosphären und leiseste Zwischentöne mit beängstigender Sicherheit auf den Punkt - traumwandlerisch, möchte man sagen und weiß doch, dass lauter Arbeit dahinter steckt, vom Entwerfen übers Verwerfen zum Wurf.

Genau das sind die Bausteine seines neuen Romans „Feuer brennt nicht": Der Romantiker Rothmann sucht summend die Melodie des Liedes, das in allen Dingen schläft, der Realist Rothmann lässt Träume, Hoffnungen, Wünsche an den Eisschollen des Alltags stranden. Ein Schriftsteller, der zwar Wolf heißt, aber nur im tiefsten Inneren einsam ist, zieht mit seiner Liebsten Alina an den Berliner Müggelsee.

Terror der Ökonomie

Denn als der Mauerfall volljährig wird, ist Kreuzberg verödet und in Mitte, Friedrichshain und Prenzelberg klingt der Terror der Ökonomie und die Jugend als Beruf noch im leisen Knacken der Laptops durch, wenn sie zugeklappt werden.

Wolfs Gedanken kreisen oft um seinen schier unstillbaren erotischen Hunger, und schon deshalb muss Alina eine zweite Geliebte an die Seite gestellt bekommen, die sie zur allseitigen Überraschung mehr als akzeptiert. Nimmt man die One-Night-Stands und Bordellbesuche hinzu, findet sich in diesem Roman eine ansehnliche Zahl von Szenen, die so hingebungsvoll wie gekonnt den Austausch von Körperflüssigkeiten ausmalen, in diversen Varianten und mitunter doch ermüdend. Aber Haut an Haut, wenigstens, soll es das richtige Leben im falschen geben. Die Vielzahl der Versuche deutet jedoch auf das Gegenteil von Gelingen.

Schlüssellochpassagen

Manchmal kreisen Wolfs Gedanken allerdings auch um das Schreiben. Das sind die eigentlichen Schlüsselloch-Passagen dieses Romans. „Die Unwahrheit fängt mit dem Kunstwillen an", fällt Wolf dann ein. Bald empfindet er einen Ekel vorm Erfinden, Phantasieren und Weglassen, jede Idee kommt ihm schal, jedes Sujet durchgenudelt vor. Schreiben heißt nur noch Durchhalten: „Wer aufhören kann, hätte niemals anfangen dürfen." Besonders in der dramatischen Schlusskurve des Romans, die nicht alle Beteiligten überleben werden, macht Rothmann den Autor Wolf zum Schreiber des vorliegenden Buchs. Das wirkliche Leben soll in Literatur fortgeschrieben werden, deshalb müssen die Wörter die richtigen sein: Feuer brennt tatsächlich nicht, es züngelt oder lodert - was brennt, sind die Gegenstände. Dieser Roman brennt allerdings auch nicht, er glimmt, glüht, glost über die Beteiligten hinweg, ohne uns wirklich heimzuleuchten. Aus der Asche unseres Lesevergnügens aber ragen Sätze, gut, wahr und schön.

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Feuer brennt nicht von Ralf Rothmann, 2009, Suhrkamp2.)

Feuer brennt nicht.
Roman von Ralf Rothmann (
2009, Suhrkamp).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 9.4.2009:

Sie verbrennen

Ralf Rothmann hat ein halbes Dutzend Romane geschrieben, sie sind alle gut und einige großartig; aber die besten sind „Stier" und das rau zärtliche „Wäldernacht". Diese frühen Bücher sind eindringlicher als spätere, die emphatischer gelobt wurden: „Milch und Kohle" und „Junges Licht" erzählen Geschichten vom alten Ruhrgebiet, mit Bergmannssiedlung und Kneipenseligkeit. Das ist authentisch und schön, trägt aber störend den Willen zur Nostalgie in sich.

Weil aber Rothmann immer da am besten ist, wo er eigene Erfahrung spiegelt, ist das neue Buch vielleicht sein größtes – denn er bekennt sich endlich ganz zu sich und schreibt über einen Autor. Wolf; Ralf.

„Feuer brennt nicht" – der Titel deutet Reflexion an und ist zugleich das Eingeständnis eines Fehlers. „Feuer brennt nicht", sagt die junge Buchhändlerin dem aufstrebenden Autor, der vor der eigenen sprachlichen Ungenauigkeit erbleicht: Feuer qualmt und knistert, aber verbrannt wird etwas anderes. Wer verbrennt hier?

Alle. Wolf, Alina, Charlotte. Drei Steinchen im Spiel.

Wolf und Alina haben das unordentliche Leben in Kreuzberg satt, sie wollen ins bürgerlich Grüne, anständig Abgegrenzte. Nach Friedrichshagen. In Ossiland finden sie erst eine Bruchbude, dann eine respektable Dreizimmer-Wohnung; andere könnten hier leben. Wolf und Alina nicht. Sie denken immer öfter an das, was sie gemeinsam verpassen; bisher hatten sie zwei Wohnungen, der Mangel an Distanz wirkt lähmend auf beide. Wolf findet seinen Ausweg bei einer aufregenden Zweitfrau, Charlotte. Alina schweigt.

Das ist der eine Teil der Geschichte, er erzählt wunderbar genau von der Verhärtung eines Paares und davon, was trotzdem übrig bleibt. Der andere Teil ist Nachdenken über das Schreiben, über den Umgang von Autoren miteinander, und hier gelingt Rothmann Unmögliches: Er schafft Allgemeingültigkeit. Die Zeiten von Goethes Tasso sind vorbei; Zweifel und Verzweiflung gibt es überall. In schöner, klarer Sprache erzählt Rothmann vom Leben, dem wahren und dem hinter dem wahren. Das ist großartige Alltagspoesie.

Trotzdem – es ist nicht alles gelungen. Manche wichtig eingeschobene Betrachtung ist einfach lästig: „Die Unwahrheit fängt mit dem Kunstwillen an, dem Arrangement, aber das merkt man zunächst nicht." Da spricht ein Autor über seine Arbeit, aber, lieber Himmel – geht es nicht etwas weniger hochtrabend?

Anderes erschließt sich spät, und auch das greift zu hoch. Wer liest einen Roman zweimal, wenn er nicht gerade von Thomas Mann ist? „Wir wissen nichts, wenn jemand stirbt, nicht viel, wir stehen vor einem Rätsel" – am Ende weiß der Leser, was gemeint ist, aber wird er sich an die frühe Spur erinnern? Und – ist das eigentlich gut? Oder emotionales Taumeln; Kitsch?

Und leider entgeht Rothmann nicht der Versuchung, die Bürger der DDR platt zu zeichnen. „Die zementgraue Reglosigkeit in den Gesichtern" – solche Unschärfe verärgert gerade in einem sensiblen, scharfsinnigen Text.

Schluss mit dem Gemäkel. Wirklich schön ist, wie sich allmählich erschließt, dass der Roman an einen anderen anknüpft: „Hitze". Und wie sich eine zweite Ebene entfaltet; „Feuer brennt nicht" ist auch eine Wendegeschichte, ein Nachdenken über das schwierige Zusammenwachsen von Ost und West. Die plötzlich gemeinsame Wohnung, die ungewohnte Nähe von Wolf und Alina beschreibt mehr als das Problem dieses Paares.

Und nie beschrieb ein Dichter poetischer eine Darmspiegelung.

Der Schluss aber ist erschütternd, eine wunderbare, emotionale Naturschilderung und ein sanftes Porträt eines Menschen ohne Zukunft. Der maßlose Vorwurf, der darin liegt, dass ein Mensch einsam in den Tod geht, steht wie ein Monolith still im Raum.

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Feuer brennt nicht von Ralf Rothmann, 2009, Suhrkamp3.)

Feuer brennt nicht.
Roman von Ralf Rothmann (
2009, Suhrkamp).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 9.5.2009:

Gewissermaßen Berliner Luft
Ralf Rothmann stilisiert "wirklich poetische Dinge" in seinem klischeehaften Schriftsteller-Roman

Wieder ein Schriftsteller in Berlin. Im neuen Roman Feuer brennt nicht nennt Ralf Rothmann, für seinen Verlag auf dem Einbandzitat "Deutschlands bester Erzähler", den recht zurückgezogenen Fünfziger, auf dessen "proletarische Wurzeln" er nur verweist, Wolf. Mit der wesentlich jüngeren Alina lebt er seit Jahren, allerdings in getrennten Wohnungen - bis sie von West nach Ost in ein Heim am Rande der Stadt und damit in ein für Wolf zu enges Beieinander ziehen. Da trifft er seine frühere Geliebte Charlotte wieder, eine Unikarrierefrau aus dem Bilderbuch heutiger Wissengschaftlhuberei. Mit ihr vollführt er alle zwei Wochen einen für den Moment grenzenlos scheinenden, eindringlich geschilderten Sex, während Alina sich vorgeblich zu Besprechungen über ihre Doktorarbeit, in der es ausgerechnet um Mystik und Romantik geht, begibt.

Die Geschichte liest sich zwischendurch interessant, ist jedoch nicht gerade originell. Ihre Bausteine sind es ebenso wenig wie ihre Ausführung: eine Variante des (bald nach 1989 im deutschen Feuilleton eingeforderten) Berlinromans, durchaus gekonnte Stimmungsbilder auf den Spuren der DDR, Schreib- und Liebesmüh plus Sex im Detail und Poetologisches en gros; dazu eine Prise Küchenpsychologie, die obligatorische Kulturreise und ein genrehafter Literaturabend in der Botschaft.

In Paris räsoniert Wolf über die Liebe, beichtet er seine Liaison; Alina läuft weg, und zufällig stehen sie sich auf zwei Seiten einer Metrostation wieder gegenüber. Wie das Leben so spielt, bedenkt der Dichter. In einem Buch "würde er so ein Zusammentreffen niemals zulassen", zu offensichtlich wäre die Schicksalhaftigkeit - womit eben dies herausgestrichen ist.

Klischeehaft klingt auch die Versöhnung in Berlin: Er "berührte ihre Brüste wie zum ersten Mal", und sie kann "sich der neuen Unschuld zwischen ihnen nicht länger entziehen"; ja sie ermuntert ihn, weiterhin zu Charlotte zu gehen. Am Ende steht das Sentimentalische, von Rothmann in einem schon oft gelesenen Dreh als Fiktion in der Fiktion angedeutet, so dass das Erzählte womöglich aus Wolfs Manuskript sein könnte.

Atemholen der Zukunft

Über weite Strecken bleibt der Eindruck, dass Rothmann eher referiert als erzählt, eher Bedeutung behauptet als darstellt. So beginnt der Roman mit den Worten "Wie alltäglich" über gewöhnliche Bahnreisen, denen alsbald vor jeglicher Abfahrt ein besonderer Moment zugeschrieben ist, ein "Atemholen der Zukunft", wobei die meisten Menschen "einen Herzschlag lang demütig aussehen" .

Die andere Wahrnehmung des Schriftstellers von der Welt findet sich derart eher stilisiert, als "die wirklich poetischen Dinge" gelten abgenützte Bilder wie "die pelzige Unterseite eines Blattes" (das kennen wir von Handke seit langem). Kaum weniger gewöhnlich sind die Bemerkungen über Literatur, Betrieb und Schreiben: Jede Vision löse sich im Text auf und "jeder Text nach dem Druck gewissermaßen in Luft", also stehe der Autor "immer wieder vor dem Nichts" . Gewissermaßen?

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Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt © K.Z./Der Standard