Feuer von Robert Walser, 2003, SuhrkampFeuer.
Unbekannte Prosa und Gedichte von Robert Walser (2003, Suhrkamp, hrsg. von Bernhard Echte)
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 24.9.2001:

Hart und rauh und barsch und kalt
Leseglück: Unbekannte Texte von Robert Walser, gebündelt für das Jubiläumsjahr seines 125. Geburtstags

Es wohnt ein Zauber in allen Dingen, die Robert Walser, der sanftmütige Poet, mit seiner Sprache berührt. Die Gewöhnlichkeit hat es ihm angetan, der ganz kleine mickrige Alltag mit all seinen Selbstverständlichkeiten, in denen sich nichts Ungewöhnliches je regen mag. Doch unter dem Zugriff seiner sorgsam gesetzten Wörter verwandelt sich das Unscheinbare in etwas Besonderes. Walser staunt über das, was einfach da ist und wofür es keiner Erklärung bedarf. Das Normale, das keinem einen Gedanken wert ist, bringt Walsers Denken in Schwung. Was reibungslos funktioniert und seit Menschengedenken auf der Welt ist, reizt niemanden, um sich darüber seine Gedanken zu machen. Da fühlt sich der Poet aufgerufen, der Banalität etwas Glanz abzugewinnen.

Das klingt gefährlich. Denn wenn sich Literaten ans Werk machen, der dürftigen Wirklichkeit Schönheit anzudichten, ist der Kitsch nicht weit. Dann entsteht Trostprosa, dazu ins Werk gesetzt, dem Leser über die Tristesse hinwegzuhelfen, indem sie ihm falsche, verlogene Surrogate von Schönheit und Edelmut vorgaukelt. Doch hier ist von Robert Walser die Rede, dem großen Einzelgänger und unglücklichen Schreibknecht aus der Schweiz, der sein Leben der Literatur gewidmet und damit seine liebe Not hatte. Die Existenzängste setzten ihm zu, der Kampf ums Überleben gehörte zu seinen täglichen Pflichten. Obwohl er auf namhafte Förderer setzen durfte, blieb ihm der Erfolg zu Lebzeiten weitgehend versagt. Der Schweizer, der vorübergehend in Berlin sein Glück versuchte, publizierte zwischen 1907 und 1909 seine drei großen Romane, Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Jakob von Gunten, die nachhaltig seinen Ruhm begründeten, doch der Durchbruch gelang ihm in Berlin nicht. Als er 1913 nach Biel zurückkehrte, führte er eine zurückgezogene Schreibexistenz. Als er 1929 in die Mühlen der Psychiatrie gelangte, war es mit dem Schreiben endgültig vorbei.

Dabei bedeutete Walser, sobald er den Bleistift zur Hand nahm und sobald er sich an die Schreibmaschine setzte, um seine so eigenwilligen Textgebilde Wirklichkeit werden zu lassen, dieses Schreiben zugleich Glück und Plage. Er lebte sich ein in seine Welt, die keine aus zweiter Hand, keine aus dem Wunscharsenal der Gesellschaft war, sondern eine, die aus der präzisen Beobachtung resultierte und sich mischte mit jener geheimen, die aus den Tiefen seines Innersten an die Oberfläche drängte. Aus diesem Gemenge von Objektivem und Subjektivem, Genauigkeit der Wahrnehmung und Weiterspinnen des Wahrgenommenen entsteht dieser seiner sich selbst so gewisse Robert Walser-Sound, der die Äußerlichkeiten der sichtbaren Welt durchs Seelenleben eines Autors schickt, der mit seiner Verwandlungsarbeit beginnt, um in Miniaturen und Skizzen eben nicht abzubilden, was Welt ist, sondern was Welt wird durch den Prozess der individuellen Aneignung.

Robert Walser ist der Poet der Verschwendung, dem alles unter seinem Blick zur Leidenschaft gerät. Was immer ihm auch unterkommen mag, ist dazu da, wahrgenommen, aufgenommen, beschrieben, bedacht und dem eigenen Ich anvertraut zu werden. Walsers Literatur gibt sich streng realistisch, geht aus von der Beobachtung, und kaum ist dieser Autor von einem Detail, das ihm ins Auge springt, aufgefordert worden, es sprachlich zu bearbeiten, kommt das Poetisierungsrädchen in Schwung, und die Verschwendungssucht, mit schönen Worten, kühnen Wendungen, unverhofften Bildern zu prunken, nimmt überhand. Poesie existiert nie von sich aus. Es braucht jemanden, der sie ausfindig macht und das Zeug dazu hat, sie anderen zugänglich zu machen. Walser geht aus von einem unscheinbaren Wirklichkeitspartikel, keines Blickes wert. Aber hat er einmal ein Auge darauf geworfen, fängt er auch schon an, es zu verzaubern. Es wächst mit einem Mal über sich hinaus, bekommt einen Platz in der Welt des Menschen, ihm kommt eine Größe zu, die ihm von vornherein zuzugestehen der Verstand verbietet. "Das Schönste von allem ist, wie alles sich lebhaft vermengt, allen Gestalten ein Freudeschimmerchen anhängt."
In dieser Prosa knistert es. Es hängt etwas in der Luft, wovon der bloße Augenschein Zeugnis abzulegen nicht in der Lage ist. Deshalb schreibt Walser, je intensiver er sich einlässt auf die Oberflächenerscheinung einer Wirklichkeit, die nach ihren eigenen Gesetzen funktioniert, mehr und mehr vom Fühlen und Empfinden, vom Sehnen und Suchen, die selber Regeln ausbilden. Diese Literatur ist ein Beitrag zur Kultivierung der Seele, der ein romantisches Konzept unterlegt sein mag. Es besteht eine Spannung zwischen dem Menschen und den Dingen, zwischen dem Menschen und anderen Menschen, die kein physikalisches Experiment in messbare Ergebnisse überführen kann. Hier ist der Poet zur Stelle, der kraft seiner Aufmerksamkeit die Sprache in Dienst nimmt, um über diese Beziehungen Auskunft zu geben.

Über Robert Walser zu schreiben ist schwer, weil es einen Konsens gibt, wie über seine Literatur zu verhandeln sei. Sie sei das Ergebnis eines Außenseiters und Einzelgängers, und sein Werk wird vor dem Hintergrund der traurigen Biographie gelesen. Das führt zu schnellen vorgefertigten Ergebnissen, die das gesamte Werk adelt als Spitzenleistung eines randständigen Geistes.

Nun ist ein Band erschienen, Feuer, mit kurzen Prosastücken, die an entlegenen Orten gedruckt wurden oder in Archiven entdeckt worden sind. Was also ist von den kleinen Arbeiten des Zeitgenossen von Hofmannsthal, Kafka und Hauptmann zu halten? Sie ergänzen das Bild, das wir von Robert Walser haben, sind glückliche Bereicherungen, um die wir froh sein können. Es befinden sich Stücke von ausgewählter Schönheit darunter und solche von erstaunlicher Albernheit. "Es macht heute alles, was eine Feder hinter dem Ohr hat, Dramen. Nur Hesse nicht, der Gute! Schnitzler? Doch es will mir kein schlechter Witz auf Schnitzler einfallen, als höchstens, dass ich schon seit längster Zeit kein Schnitzel mehr gegessen habe. Ich esse in letzter Zeit sehr oft dicke Erbsen, Pökelkamm und Sauerkohl."
Ist alles gut, was von Robert Walser gezeichnet worden ist? Keineswegs. Die spitzen Schreie der Verzückung sind unangebracht, weil sich bei Lichte betrachtet recht Durchschnittliches in die Auswahl eingeschlichen hat. Stark ist Walser immer dann, wenn er eine Welt schafft, die in ihm selber angelegt ist, wenn er hinter die Dinge sieht und das Unscheinbare zum Leuchten bringt. Dann gehorcht er nicht den Vorgaben der Zeit, sondern setzt seine zerbrechlichen Wirklichkeitsbilder dagegen.

Aber es gibt sie, die Texte, in denen nicht mehr geschieht, als dem Konsens Genüge zu tun. Was ist von einem Gedicht zu halten, das vom Winter handelt und in dem, wie zu erwarten, das Klima "hart und rauh / und barsch und kalt" ist und "die Bäume alle" kahl sind? Noch dazu münden die Verse in ein Bild des Friedens, wie es kirchliche Erbauungslieder nicht aufdringlicher könnten: ". . . lass nur Wälder, Felder / kahl sein, wenn's nur dein Herz nicht ist." Solche Lyrik wie auch manches Prosastück zeigen in ihrem Scheitern, mit welch hohem Einsatz Robert Walser spielt. Wie leicht kann es geschehen, dass ein Text der Behübschung dient, wie rasch passiert es, dass eine Miniatur, die sich anschickt, naturalistisch das Elend zu fassen, in vorschneller Versöhnlichkeit endet. Ein neuer Robert Walser aus lauter alten, glücklich ans Licht der Öffentlichkeit gehobenen Texten ist jetzt zu haben? Weg mit den Einwänden - ein guter Teil des schmalen Bandes besteht aus hochkarätiger Prosa.

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