Feuchtgebiete von Charlotte Roche, 2008, DuMont1.) - 3.)

Feuchtgebiete.
Roman von Charlotte Roche (2008, DuMont).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 26.2.2008:

Tabubruch und Provokation

Charlotte Roche hat einen Roman geschrieben. Gut ist er nicht, interessant ist er nicht, und über das Anliegen, den sogenannten Hygienekult, könnte man achselzuckend hinweggehen. Aber hier schreibt eine Frau, die einen Ruf hat, deshalb wird das Buch seine Leser finden.

Wer Tabus bricht, hat meist etwas vor. Manchmal etwas Kluges, Aufklärerisches. In diesem Fall aber sucht man Gedankentiefe vergebens. Hier wird gespielt; mit dem Ekel, mit der Aufregung darum und mit einer lustvollen Selbstinszenierung.

Das alles ist in der Welt. Wegsehen schafft es nicht fort. Deshalb sollte man darüber reden und deutlich sagen, dass nicht alles, was als Buch zu kaufen ist, einen Gewinn bedeutet. Es gibt Literatur, die muss nicht sein. So leid mir's tut.

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche, 2008, DuMont2.)

Feuchtgebiete.
Roman von Charlotte Roche (2008, DuMont).
Besprechung von Rainer Moritz im Deutschlandradio vom 28.02.2008:

Ekelprosa mit sekretfixierter Heldin
Die 18-jährige Helen hat eine Vorliebe für Sex jeder Spielart, Bakterien, und Körperflüssigkeiten. Zudem widmet sie sich der Aufzucht von Avocados. Charlotte Roches Debütroman liest sich wie ein Plädoyer gegen eine hygienefixierte Gesellschaft, vergisst aber bei aller Provokation erzählerische Grundelemente, so dass nach dem Skandal nicht mehr viel bleibt.

Womit lässt sich heute provozieren? Ist es nach all der Literatur des 20. Jahrhunderts, die vom Hässlichen, Furchtbaren und Obszönen handelte überhaupt noch möglich, abgebrühte Leserinnen und Leser hinter dem Ofen hervorzulocken? Die 29-jährige Charlotte Roche, bekannt geworden als frech-intelligente TV-Moderatorin, traut sich diese Aufgabe zu und begibt sich unerschrocken ins Skandalisierungsgefecht. Ursprünglich als Sachbuch über den Reinlichkeitswahn unserer Sagrotan ergebenen Gesellschaft konzipiert, versucht ihr Roman "Feuchtgebiete" gezielt, das Ekelreservoir der Weltliteratur mit neuem Stoff aufzufüllen.

Die Protagonistin Helen Memel, 18 Jahre jung und doch in sexueller Hinsicht bereits eine durch nichts zu erschreckende Frau, hat sich eine schmerzhafte Analfissur - ein Wort, das der "Duden" sträflicherweise nicht kennt - zugezogen und muss sich einer nicht minder schmerzhaften Operation unterziehen. Die unter markanten Hämorrhoiden leidende Helen, die "engen Kontakt" zu ihren Körperausscheidungen pflegt, nutzt die Hospitalzeit, um sich detailliert an ihre blut-, sperma- und eiterreiche Vergangenheit zu erinnern. Ihre Interessen sind an drei Fingern abzuzählen: rege ausgeübter Geschlechtsverkehr der Nicht-Kuschel-Art, Verbreitung von Bakterien allenthalben, Aufzucht von Avocados, deren schleimige Kerne wiederum dem erstgenannten Interesse dienen.

"Feuchtgebiete" ist, wenn man nicht zu feinfühlig veranlagt ist, ein Roman, der an seinen besten Stellen kräftige Splatterkomik bietet, rotzige Weisheiten zum Besten gibt und in seinem Übertreibungsgestus manchem Leser an seinem Hygieneverhalten zweifeln lassen wird. Da liegt ohnehin die Mission der Charlotte Roche: Wie ihre sekretfixierte Heldin hat sie eine tiefe Abneigung gegen "hygienische, gepflegte, keimfreie Leute" und will ihren geneigten Leserinnen helfen, eine angemessene Sprache für ihre unteren Körperregionen zu finden. 

Doch wie es so ist mit Missionen in der Literatur: Sieht man vom Schockvokabular der "Feuchtgebiete" ab, hat dieser Roman erzählerisch und stilistisch nicht viel zu bieten. Reibt man an Helens so rau wirkender Schale, zeigt sich, wenig überraschend, ein weicher Kern. Denn Helens wahllose Beilager ("Jeder ist besser als keiner") haben - wer hätte es gedacht? - mit ihrer Kindheit, der Scheidung ihrer Eltern und einem mehr angedeuteten als erzählten Schreckenserlebnis in ihrer Jugend zu tun. 

Besonders originell ist das nicht. Missionen, wie gesagt, führen selten zu überzeugenden Romanen. Davon ganz ungerührt, stürzen sich seit Erscheinen des Buches Journalisten jedweder Couleur auf die strahlende Autorin und entlocken ihr freizügige Bekenntnisse. So infiltriert der Promi- und Szene-Bonus nobelste Magazine und Zeitungen. Wer fragt da noch nach der Qualität des Romans?

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche, 2008, DuMont3.)

Feuchtgebiete.
Roman von Charlotte Roche (2008, DuMont).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 30.09.2008:

Die feuchten Leiden der jungen H.
Das Theater Halle inszeniert als erstes den Bestseller der Saison, Charlotte Roches „Feuchtgebiete" – mit Ines Schiller in der Hauptrolle.

Nicht wegen der Theaterpremiere war Charlotte Roche tags zuvor auf ihrer Lesetour in Halle (Saale). 600 meist junge Leute lauerten. Blitzlichtgewitter. Girlie Roche verspricht, „den ganzen Saukram" zu entschärfen, weil es anders ist, wenn sie das liest. Sie liest mädchenhaft, pseudonaiv und extra ordinär. Als sie ziemlich bald „Muschigewichse" sagt, brandet der Beifall auf. Als sie kokettiert: „Ich habe nicht studiert", echot es aus dem Publikum „ich auch nicht". Ihr Publikum ist anders. Immer wieder hat es solche aus der Art fallende Bücher gegeben, die präzise einen Nerv trafen. Die neuen Leiden des jungen W. Der Fänger im Roggen… Nur, was ist hier der Nerv? Das schmuddelige Überholen des Privatfernsehens? Ein neuer Feminismus, der Pornografie zulässt? Extremantworten beim Bewusstwerden des eigenen Körpers? Nur Schock? Ein unhygienisches Gegenstück zum Sauberkeitswahn? Zum Benimmdiktat? Zur Konformität?

Hinterher am Signiertisch wird geduldig gewartet. Mehr als eine Million Exemplare sind mittlerweile verkauft. Es wird nicht problematisiert, sondern gelacht. Tatsächlich hatte sich der Text, als die „hardcore-pornografische Pippi Langstrumpf" ihn hinschnodderte, in einen harmlosen Spaß verwandelt.

Wie aber wird er sich verwandeln auf der Theaterbühne? Seit Wochen sind die ersten Vorstellungen gnadenlos ausverkauft. Kulturinsel-Intendant Christoph Werner will im Rückenwind bleiben, den sein Haus hat, seit im Sommer das „Theater der Welt" die Stadt füllte und ins Gespräch brachte. Er verhehlt gar nicht erst, dass die „Feuchtgebiete" auch eine PR-Geschichte sind, und vertraut Regisseurin Christina Friedrich. Die hat tatsächlich Hydrogeologie studiert. Und möchte „eine Landschaft voller Abgründe, Fantasien und die schönste Befreiung, die man sich wünschen kann", auf die Bühne bringen.

Das Raunen der Welt

Man sieht viel Weiß. Uniforme Unterwäsche. Ein Krankenhaus? Eine geschlossene Anstalt? Sechs Schauspieler und Ines Schiller. Die Österreicherin ist Helen Memel, die anderen ihr Echo, ihre Eltern, Pfleger oder das Raunen der Welt. Statur, Gesten und Gefährdungsgrad – Ines Schiller selbst hat alles genau für ihre Figur. Das trägt das Stück. Alle liegen da wie Föten. In Nierenschalen, Badewannen oder Gebärmüttern. Sie müssen raus und die Welt stößt sie zurück. Um das zu zeigen, sind aus dem Romantext Passagen destilliert. Man denkt an Schülertheater. Bis man begreift, dass die Protagonisten so jung sein müssen und ihre Zeit sich dehnt.

Ein Krankenkammer-Spiel oder ein krankes Kammerspiel? Was hebt hier eigentlich an in Bildern, die das Explizite vermeiden und stattdessen einen Reigen der Gefährdung bauen wollen, mal schlüssig und überraschend, mal nur auf der Stelle tretend? Das Scheidungskind, das sich über Fußbodenprojektionen wälzt zum Masturbationskanon, für das Onanie den Ausweg weist, weg von den Eltern oder hin zu ihnen, ans Kreuz, in den Schmerz, ins Leben, in die sich cremende Fassadenwelt, in die Lust, irgendwohin, wo sich die andern vielleicht nicht die Ohren zuhalten. Das ist oft gewollt und manchmal gekonnt.

Helen Memel, ihre Selbstversuche, die nicht immer befriedigend sind, ihre Märtyrerei und ihre Süchte, die sich sehnen. Dazu sexistischer Boygroup-Klamauk, Klangcollagen und immer mehr Schmutz, der die Bühne verschliert. Zuviel Beifall am Ende. Es wurde problematisiert und kaum gelacht. Das Original war leichter. Die erste Bühnen-Adaption ist eine Einladung an ambitionierte Lehrer, deren Schüler sowieso hingehen werden. (NRZ)

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