Fertig mit Berlin? von Peter de MendelssohnFertig mit Berlin?.
Roman von Peter de Mendelssohn (2002, Elfenbein-Verlag, Nachwort von Katharina Rutschky).
Besprechung von Walter Klier in der Frankfurter Rundschau, 9.1.2003:

Trinken, rauchen, reden
Peter de Mendelssohns Roman "Fertig mit Berlin?"

Frisch von der Schule und reichlich grün hinter den Ohren und dabei altklug, wie es eben nur ein Gymnasiast sein kann, so kommt der junge Oswald nach Berlin und tritt dort in die Feuilletonredaktion einer großen Tageszeitung ein.

Mit 22 fühlt er sich - wie jeder 22-Jährige - vom Leben gebeutelt und so erfahrungsgesättigt, dass es mindestens für den ersten Roman schon reicht. Der erste Roman, den der damals 22-jährige Peter de Mendelssohn 1930 in der bei Reclam erscheinenden Reihe "Junge Deutsche" veröffentlichte, ist nun im Jahre 2002 im Berliner Elfenbein Verlag wieder veröffentlicht worden, und das ist ein Glück. Vielleicht stimmt es ja gar nicht, dass die deutsche Literatur jener versunkenen Zeit so eine angestrengte Sache war, in der man es unter 700 Seiten niemals tat und unter einer zivilisatorisch-philosophischen Gesamt-End-Abrechnung nach den Methoden Brecht, Broch oder Bloch auch nicht.

Dass damals jemand ganz einfach "normale" Romane schrieb, wie man es in zivilisierten Ländern tut, in denen eine Geschichte erzählt wird von heutigen Menschen und darüber, was sie so treiben und was sie treibt, Ehrgeiz, Liebe, Eifersucht, Freund- und Feindschaften, das war mir - ich bekenn' es frei - nicht bekannt, und jetzt weiß ich es, Elfenbein sei Dank und auch Katharina Rutschky, die ein Nachwort für den Roman geschrieben hat.

Peter de Mendelssohn, eine interessante, heute kaum mehr bekannte Figur des Geisteslebens, wirkte nach der Zeit 1933/45, die er in der Emigration in England überstand, am Aufbau des Berliner Tagesspiegels und der Welt mit, war mit Hilde Spiel verheiratet, schrieb eine maßgebliche Biografie über Thomas Mann und gab dessen Tagebücher heraus.

Und er hat, man muss es noch einmal betonen, als junger Mensch das Kunststück fertig gebracht, einen Roman zu schreiben über das Leben und das Zeitungmachen in Berlin um 1930, den man bis heute mit Vergnügen und Gewinn lesen kann. Was war damals in und was war out?

"'Frankreich ist in dieser Hinsicht passé', erläuterte jemand. 'Unsere moderne Literatur steht ja längst unter einem ganz starken angelsächsischen Einfluß.' 'Na, ich meine, Thomas Mann ist doch sehr romanisch', wurde eingeworfen. 'Aber was denn - die Amerikaner dominieren doch unzweifelhaft. Sinclair Lewis und Zane Gray - das sind Leute! Hergesheimer sollten Sie mal lesen, da vergeht Ihnen der ganze Thomas Mann.'

'Meinen Zauberberg kann mir niemand nehmen. Der Schluß des ersten Bandes -'

'Na ja, ich meine, das ist ja schwer neurotisch. Ich weiß schon, Sie meinen den letzten Absatz in französischer Sprache: aber ich bitte Sie - woher kann denn Hans Castorp plötzlich dies fabelhafte Französisch?'

'Das ist doch ganz irrelevant in Anbetracht der schriftstellerischen Leistung!'

'Schwäche, sage ich Ihnen, das ganze Buch ist ja derartig gehemmt, daß es gar nicht verwunderlich ist, wenn er sich nicht traut, die einzige Liebeserklärung in dem ganzen Wälzer in seiner Muttersprache niederzuschreiben - geben Sie doch zu!'"

Na, also mir gefällt das. Auch wie Mendelssohn dieses Berlin beschreibt, das ja jetzt wieder so zu sein versucht wie zu jener Zeit, bevor das Unheil kam, wo die Leute bis ewig in die Nacht in den bestimmten Lokalen herumsitzen und mordswichtig sind und eine Menge trinken und rauchen, während sie enorm wichtige Sachen reden, und dann wieder sehr lange in den Tag hinein schlafen müssen. Vom kommenden Unheil ist in dem Buch, nebenbei bemerkt, nichts zu sehen oder zu hören.

Darüber hinaus ist der Roman eine Liebeserklärung an die Hektik, das Toben und Tosen des Zeitungsbetriebs, den Jahrmarkt der Eitelkeiten, das Rattern der Schreibmaschinen und der Linotype (für unsere jungen Leser: Das war die für Bleisatz verwendete Setzmaschine, ein Ungetüm, das erst in den siebziger Jahren endgültig durch Composer, Fotosatz und dergleichen schon längst Vergessenes abgelöst wurde), die Rufe Umbruch!, die durch die nächtlichen Korridore hallen, mit einem Wort, von heute aus gesehen hat diese Augenblicksbeschreibung der Zeit um 1930 für den, der Zeitung mag, eine eminent nostalgische und folglich eine literarische Qualität, was immer literarische Qualität genau bedeutet, außer dass man in der Lage ist, etwas zu lesen.

Denn so manches, das noch lange keine siebzig Jahre auf dem Buckel hat, hat heute schon einen längeren Bart als dieses Buch.

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