Fern von Medina.
Roman und Opernvorlage von Assia Djebar (1994).
Besprechung von Joachim Göres aus der Frankfurter Rundschau, 18.6.2001:

Die Weltlichkeit hinter dem Schleier
Assia Djebar stellte im Rahmen der Weltenbürger-Lesungen ihre neueste Arbeit vor

Die Schriftstellerin und letztjährige Friedenspreisträgerin Assia Djebar steht für die schonungslose Auseinandersetzung mit der islamischen Tradition und dem kolonialen Erbe der Gesellschaften Nordafrikas. Auch in ihrem neuesten Stück, eine Oper über vergessene Frauengestalten in den Ursprüngen des Islam, weicht sie keinen möglichen fundamentalistischen Angriffen aus, um auf kaum bekannte Seiten des Islam aufmerksam zu machen.

In der Oper, die sie nun als Text im Rahmen der Hannoveraner Veranstaltungsreihe "Weltenbürger" vorstellte, geht es um die Anerkennung der Frauen durch den Religionsgründer Mohammed. Durch seinen Einfluss wurden Frauen in der arabischen Welt erstmals erbberechtigt. Djebar zeigt anhand verschiedener Frauengestalten im Koran deren bedeutende Rolle für die Entwicklung des Islam, die heute von fundamentalistischen Religionsgelehrten unterdrückt wird. "Ich strebe danach, diese Vergangenheit wachzurufen und dadurch unsere Erniedrigung klarzumachen, die wir in Algerien, Saudi-Arabien, im Sudan oder in Afghanistan erleben. In der schwärzesten Entrechtung, die uns Frauen angetan wird, allen Frauen."

Dass die Oper bislang nur in Rom aufgeführt wurde, hat wohl auch damit zutun, dass Assia Djebar, die auf französisch schreibt, ihr Publikum in den islamischen Ländern nicht gerade gesucht hat. Ihr Buch Fern von Medina, das die Opernvorlage liefert, wurde auf ihren Wunsch nicht ins Arabische übersetzt. "Dann hätte ich bestimmte religiöse Formeln verwenden müssen, die ich ablehnte," begründete sie ihren Übersetzungsverzicht. Sie sei auch skeptisch, ob eine arabische Fassung eine große Wirkung erzielt hätte. Ihre Leserschaft findet Djebar, die an der Uni Louisiana in den USA lehrt, vor allem in Europa. Hier will sie die moslemische Minderheit mit ihren Wurzeln vertraut machen und der christlichen Mehrheit die Angst vor dem Islam nehmen. Bei der Verleihung des Friedenspreises, so Djebar, habe sie gemerkt, dass es ein großes Unwissen über den Islam gebe und die Vorstellung vor allem von Verschleierten geprägt sei. Es sei aber gerade der Widerstand der Frauen, der ihr Hoffnung mache. So unterrichten in Afghanistan Lehrerinnen, denen die regierenden Taliban das Arbeiten verboten haben, ihre Kinder abseits der Hauptstadt Kabul im Untergrund. Im Iran, so Djebar, spielen Schauspielerinnen auf Theaterbühnen, trotz eines Verbots durch den konservativen Klerus.

Ihr 1994 in Deutschland veröffentlichtes Buch Fern von Medina war eine Reaktion auf das Morden in Algerien. Dort stehen sich in einem Bürgerkrieg, dem in den vergangenen zehn Jahren rund 100 000 Menschen zum Opfer gefallen sind, die regierenden Militärs und fundamentalistischen Islamisten gegenüber. Ebendies zeigt auch die Oper: Es geht um Macht, nicht um Religion.

Sehr viel anders stellen sich dagegen Konflikte dar, bei denen es um erwartbare Umsatzerlöse geht. Gar nicht glücklich zeigte sich Assia Djebar mit dem Titel des demnächst auf deutsch erscheinenden Buches Oran - Algerische Nacht, das im Original Oran - langue morte heißt und das die Übersetzerin Beate Thill lieber mit "Oran, erstorbene Sprache" übersetzt gesehen hätte. Doch angesichts der politischen Brisanz des Buches sind solche poetisch-kitischigen Verlagsstrategien marginal. "Und wer einen Gläubigen absichtlich tötet," wird darin aus dem Koran zitiert, " dessen Lohn ist die Hölle, darin wird er ewig weilen." Das Blutvergießen verhindern solche Sätze nicht. Seit zwei Monaten dauern die Proteste gegen den durch eine umstrittene Wahl an die Macht gekommenen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika an. Keine Frage, dass Assia Djebar auch in Hannover nicht vergaß, den Protestierenden ihre Unterstützung zuzusichern.

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