Fern von euch von Laurant Mauvignier, 2002, EichbornFern von euch.
Roman von Laurent Mauvignier (2001, Eichborn - Übertragung Josef Winiger).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 13.6.2002:

Flucht vor den Worten
Polyphon: Laurent Mauvigniers Debüt "Fern von euch"

Luc ist geflohen. Vor der Papierfabrik in La Bassée, wo die verfaulenden Papierballen im Lagerhof bei ungünstigem Wind die gesamte Kleinstadt in unerträglichen Gestank einhüllen. Vor den Männern, in deren Hände sich die blaue Farbe der Lackiererei in die Haut eingefressen hat, als sei sie ein Teil von ihr. Vor der Vorstellung, das gleiche Leben führen zu müssen wie die anderen im Ort, perspektiv-, illusions-, hoffnungs- und trostlos: "Mit ihnen leben wollen und so wie sie leben, heißt gegen sich selbst leben." Und vor seinen Eltern, die nicht miteinander und schon gar nicht mit ihm reden und auch die Auseinandersetzung mit diesem Umstand durch einen ritualisierten, halbwegs funktionierenden Alltag vermeiden.

Luc tauscht das Zimmer im Haus seiner Eltern gegen eine kleine Dachkammer in Paris, wo ihm die Welt weiter erscheint. An die Wände hängt er Filmplakate; seine Tage verbringt er im Kino, abends arbeitet er als Kellner in einer Bar. Luc ist 25 Jahre alt. Am 31. Mai 1995 begeht er Selbstmord. Wie seine Hinterbliebenen mit diesem Freitod umgehen, erzählt der 1967 geborene Laurent Mauvignier in seinem in Frankreich begeistert aufgenommenen Debütroman Fern von euch mit erstaunlicher kompositorischer und sprachlicher Sicherheit.

Sechs unterschiedliche Stimmen berichten einander wechselseitig ablösend in inneren Monologen von der Fassungslosigkeit, der Wut, der Trauer und den Schuldgefühlen, die Lucs Tod zurücklässt: Die Mutter, die zuvor täglich ungeduldig und zunehmend vergeblich einen Brief aus Paris erwartet hatte und für die der Sohn Projektionsfläche für den eigenen, gescheiterten Lebensentwurf war. Der Vater, ein Arbeiter, dem Lucs Drang zur Veränderung als elitäres Gebaren erschien. Onkel und Tante, die die kommunikative Inkompetenz von Lucs Eltern als Resonanzboden lediglich verstärken. Die Cousine, Lucs einzige wirkliche Vertraute, die unter der Kleinstadtenge ebenso leidet wie ihr Cousin es getan hat, jedoch nach dem Unfalltod ihres Ehemanns nur noch mit Wut auf ihre Umgebung reagiert, auch auf Luc, der sie allein gelassen hat in der feindlichen Welt. Und schließlich der tote Luc selbst, der feststellen muss, dass die Leere in ihm selbst auch in Paris nicht weniger geworden ist, dass sich "ein schwarzer Knäuel, der sich bildet und in seinen Schlingen mein ganzes Leben einschnürt" durch die Flucht nicht gelockert hat.

Aus der polyphonen Erzählweise ergibt sich allerdings kein schlüssiges Bild, denn im Zentrum dieses Romans, in dem ununterbrochen geredet wird, steht das Schweigen. Laurent Mauvignier ist ein dezenter, ja beinahe diskreter Erzähler, dem es gelingt, seine Figuren sprechen zu lassen, ohne die assoziativen Freiräume zu verbauen; der das Entscheidende ausdrückt, indem er es offen lässt. Scheinbar zusammenhanglos aneinander gestellt, bilden die Erzählstimmen auf subtile Weise ein Geflecht der Ratlosigkeit, in dem niemand mehr weiß als der andere und das Lucs Eindruck einer Welt, in der nur Wörter sind, "die nicht sprechen, oder wenn sie sprechen, sagen sie nichts", im Roman einen adäquaten Ausdruck verleiht.

Das ist das Bemerkenswerte an diesem kleinen Roman: Er trifft seine Leser mit der Wucht der Stille und füllt die Leerstellen, die er selbst aufreißt, mit beredtem Schweigen.

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