Fernsehen.
Roman von Jean-Philippe Toussaint (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Berlin und seine Fleischtheken
Selbstironie auf hohem Niveau: Jean-Philippe Toussaints "Fernsehen" & "Selbstporträt (in der Fremde)"

Wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen endlich Berlin erreichen, dann sieht man auch schon die ersten waghalsigen Tagediebe am Ufer der Spree oder im Tiergarten liegen, um ihren nackten Körpern ein Lichtbad zu gönnen. Im Hochsommer ist dann gar kein Halten mehr; die Nackten liegen überall herum, was erstens auf die überdurchschnittliche Zahl von Tagedieben zurückzuführen ist, die Berlin bevölkern, und zweitens auf die gut erhaltene Tradition der sogenannten Freikörperkultur. Sie wurde während der Lebensreform ersonnen und sollte dem Arbeiter ein gesundes Gegengewicht zur Enge des Hinterhofs schaffen. Nun, an die Stelle des Arbeiters ist eben der Müßiggänger getreten, und an die Stelle einer streng reglementierten FK-Kultur ein anarchischer Nacktheitshedonismus auf öffentlichen Grünflächen.

Der namenlose Erzählerheld in Jean-Philippe Toussaints neuem Roman Fernsehen nähert sich einer solchen Szenerie mit dem Blick des nudistisch Ungeübten - was einerseits entlarvende, andererseits übertriebene Züge trägt, vor allem aber sehr komisch ist.

Es handelt sich um einen französischsprachigen Forscher, Kunsthistoriker und Professor mittleren Alters, der das Glück hat, als akademischer Gast in der deutschen Hauptstadt weilen zu dürfen. Geldsorgen kennt er nicht, und von der Familie wird er vorübergehend auch nicht gefordert - seine schwangere Frau und sein Sohn erholen sich in Italien -, so dass, mit anderen Worten, nichts mehr von der Vollendung seiner geplanten Studie über Tizian und Karl V. ablenken sollte.

Wenn da nicht die Freuden des Halensees wären! Zu ihnen zieht es unseren unter der Hitze stöhnenden Wissenschaftler. Er lässt sich im Gras nieder, und beginnt, überwältigt von der ihn umgebenden Freizügigkeit, langsam ein Kleidungsstück nach dem anderen abzulegen. Irgendwann ist er "völlig nackt" und macht sich auf den Weg zum Wasser. "Bedächtigen Schrittes lief ich den Rasen hinunter, fühlte mich dabei nicht ganz wohl, wusste ich doch nicht, wie ich gehen sollte, ich schwankte zwischen einem ungezwungenen Stil, die Arme weit schwingend, dessen Mangel an Natürlichkeit nur meinen ungeschickten Gang unterstrich, und einer würdevolleren Art der Fortbewegung, erhobenen Hauptes, strenger, womit auf mein Gesicht eine Falte als Ausdruck von Härte und Verdrießlichkeit gezaubert werden sollte", als er plötzlich von einem gewissen Hans Heinrich Mechelius überschwenglich begrüßt wird: "Wie geht es Ihnen, mein Freund?"

Mechelius, Diplomat und Dichter, Präsident der Stiftung, die das Berlin-Stipendium bewilligt hat, ist in Begleitung des Schriftstellers Cees Nooteboom, mit dem er sogleich Mittagessen gehen möchte, und am liebsten nähme er den französischen Forscher gleich mit (völlig vergessend, dass dieser gar nicht bekleidet ist). Hinter dem Pseudonym Mechelius erkennt man unschwer Joachim Sartorius, den einstigen Leiter des DAAD-Künstlerprogramms, und wie er da im schwarzen Rollkragenpullover dem nackten Erzähler gegenüber steht und plaudert, als wäre dabei nichts Ungewöhnliches, so darf man vermuten, dass es sich um Satire mit einigem Wahrscheinlichkeitsgehalt handelt. (1993 war Toussaint Gast des DAAD in Berlin.)

Aber es wäre falsch, das ganze Büchlein als satirisch einzuschätzen. Es ist vielmehr ein erfreulich selbstironisches Stückchen Prosa, das um ein ernstes, aber nicht wirklich ernst zu nehmendes Experiment kreist. Der Erzähler beschließt nämlich, mit dem Fernsehen aufzuhören, was ihm aus zwei Gründen schwer fällt: erstens, weil er süchtig nach Sportsendungen ist, zweitens, weil das Glotzegucken ihm jene Zerstreuung bietet, die er für die konzentrierte Arbeit (an Tizian) zu brauchen meint.

Die Folge dieses TV-Verzichts, der nicht einmal konsequent durchgehalten wird, da der Erzähler zum Beispiel die verlassene Nachbarswohnung zum Fernsehen nutzt, die Folge des Verzichts ist - man kann es sich denken - keineswegs die Fertigstellung der kunsthistorischen Studie über Tizian und Karl V. Wie schon in seinem vielgefeierten Erstling Das Badezimmer (1985) hat Toussaint mit Fernsehen einen zeitweiligen Ausstieg aus dem normalen Alltagsleben literarisiert, das der französischen Literaturgeschichte gut bekannt ist, ob man nun an die Wahrnehmungsradikalität des nouveau roman denkt (vom nouveau nouveau roman wurde in Bezug auf Toussaint gesprochen) oder an das absurde Theater eines Ionesco oder Beckett. Doch anders als Becketts Helden - mit denen Toussaints Badewannenmensch zu Recht verglichen wurde - ist die Existenz des Berlin-Besuchers nicht durch Absurdität grundiert. Er möchte nichts entfliehen (außer dem Fernsehen, und auch das nicht wirklich), erst recht nicht leidet er an irgend etwas. Psychologie kommt, wenn überhaupt, nur als Parodie vor.

So dürfte es beispielsweise kein Zufall sein, dass Toussaint den Titel seines Romans (im Original La Télévision) an einem ebenfalls schmalen Buch von Jacques Lacan anlehnt, das Télévision heißt (es ist die Transkription eines ausführlichen Fernsehinterviews, in dem der Maître seine Grundbegriffe erläutert). Lacan war ein entschiedener Verfechter des Barzahlens in der Analyse, weil er meinte, nur so begreife der Patient, dass er eine Dienstleistung in Anspruch nehme.

Toussaint geht noch einen Schritt weiter und reduziert die ganze Psychoanalyse aufs Bezahlen. Ein Bekannter des Erzählers, John Dory, vertritt einen Psychoanalytiker in den Ferien. Den Patienten sei es egal, lässt Toussaint uns spöttisch wissen, dass plötzlich ein anderer sie an der Tür empfange und ihnen zuhöre beziehungsweise so tut, als höre er zu. Anstandslos zahlen sie dem Ferienvertreter ihres Analytikers - also John Dory, den wiederum der Erzähler einmal vertreten darf - "200 DM in bar". Ein beneidenswerter Job.

Bisher war von den zwar seltsamen, doch alles in allem freundlichen Seiten Berlins die Rede. Dabei bleibt es nicht. Schon das Ehepaar Uwe und Inge Drescher, die der Erzähler in "Guy et Inge Perreire" umtauft und die im Stockwerk über ihm wohnen, repräsentiert die deutsche Gründlichkeit in ihrer alternativ-spinnigen Variante. Sie bitten den Erzähler (den sie bis dahin kaum kennen), während ihrer Abwesenheit die Blumen zu gießen. Bitten und Blumen sind schon ein Euphemismus, denn es handelt sich erstens um eine ans Befehlen grenzende Handlungsanweisung und zweitens um ein unüberschaubares Biotop, bestehend aus den kompliziertesten Pflanzen, die entsprechend kompliziert behandelt zu werden wünschen.

Die Klimax des teutonischen Irrsinns erreicht der Roman während eines Ausflugs in den tiefen Osten. Doch auch hier verliert Toussaint nicht den Humor. John Dory, ein Talent in Sachen Kontaktaufnahme mit grazilen jungen Damen, hat eine Einladung von einer gewissen Ursula erhalten, mit ihr über Berlin zu fliegen. John und der Erzähler machen sich sehr früh auf, um nach langer Fahrt in einem sibirisch anmutenden, vermüllten Wohnblock-Barackia zu landen, wo die schöne Ursula wohnen soll und tatsächlich wohnt. Sie ist noch nicht aufgestanden, als die beiden ausländischen Akademiker endlich vor der Tür stehen.

Die Eltern sind an diesem Sonntagmorgen - es ist neun Uhr - schon eifrig damit beschäftigt, fernzusehen, Mutter im Kittel: eine gespenstische, wunderbare Szene. Der Wohlstands-Hedonismus des westlichen Bildungsbürgertums (dem Toussaints Erzähler natürlich zugehört) prallt auf die kalten Ruinen des Ostens, von denen nicht ganz klar ist, ob ihre Aura eher der einen oder der anderen Diktatur zuzuordnen sei. Der Ort, zu dem Ursula die beiden Männer im Auto kutschiert, vereinigt beides: "Ehemaliger Nazi-Flughafen, geheime Militärzone zu Zeiten der Sowjets (...), alle zehn Meter ein Wachturm."

Ursula hat einen "harten Blick", und ihre noch recht frischen Flugkünste führen dazu, "dass wir haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt waren", ziemlich genau über - dem Fernsehturm. Am Ende dieses verschmitzten Fernsehbuchs sieht der Erzähler mit seiner aus den Ferien zurückgekehrten Frau (wieder) fern, und wer redet sich da in einer Fernsehdebatte um Kopf und Kragen für seine Partei, die holde FDP? "Uwe Drescher (Guy)"! Womit der Kreis geschlossen wäre.

In Selbstporträt (in der Fremde), das zeitgleich mit Fernsehen in deutscher Übersetzung erscheint, setzt Toussaint seine Berlin-Betrachtung noch einmal fort. "Die Berliner stehen im Ruf, spröde, ungeduldig, nicht sehr liebenswürdig zu sein." Diesen Ruf will unser Autor nicht diskutieren; er findet ihn schlicht bestätigt in einer knapp und brillant geschilderten Begegnung mit einer bösartigen, dicklichen Fleischverkäuferin, die ihn zunächst wie den letzten Dreck behandelt, um dann, als er sich entschließt, ihr harsche Anweisungen zu geben, wachsweich, geradezu devot zu werden.

Das Augenmerk dieser Un-Porträts gilt weiterhin Tunesien, Korsika, Vietnam, vor allem aber Japan, und wer weiß, vielleicht haben Roland Barthes' minimalistische Nippon-Studien Pate gestanden. Selbstporträt (in der Fremde) versammelt elf Etüden, von denen man sagen kann, dass es sich eigentlich um die Auflösung des Selbst handelt, die hier als Poesie des Peripheren in Szene gesetzt wird. Ob das "Ich" im Transitbereich des Hongkonger Flughafens das Zeit- und Ortsgefühl verliert, ob es auf dem Rücksitz eines Motorrollers im dichten Verkehr Hanois plötzlich ganz mit dem Leben einverstanden ist, oder ob es unter den gnädigen Augen eines Sushi-Meisters eine frische Makrele erbärmlich zurichtet: Nicht vom Zentrum, sondern vom Rand her ist jedes Selbst-Erlebnis definiert.

Brüssel, wo der Schriftsteller und Filmemacher 1957 geboren wurde, kommt in diesen Orts- und Zustandsbeschreibungen natürlich nicht vor. Toussaint benötigt keine Heimat, um sich zu verlieren. Er ist eben nicht nur komisch, sondern auch klug.

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