Feineinstellungen von Michael Hofmann, DuMontFeineinstellungen.
Gedichte von Michael Hofmann (2001, DuMont - Übertragung Marcel Beyer).
Besprechung von Guido Graf aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Gedichte an den Vater
Existenziell: Michael Hofmanns "Feineinstellungen"

Der 1957 in Freiburg geborene und heute in London lebende Lyriker, Essayist und Übersetzer Michael Hofmann versucht in seinen Gedichten, Notwendigkeit und Unmöglichkeit eines fremden Blicks in Balance zu halten. Bei einer Veranstaltung im vergangenen Jahr in Deutschland nutzte Hofmann die Suche nach diesem labilen Gleichgewicht der Schreibexistenz für die Form seines Vortrags. Kurzfristig entstandene, auf Englisch verfasste Notizen über die Biografie seines fremden Blicks hatte Hofmann teilweise übersetzt, um sie vorzulesen, um dann bei Unübersetztem und Unübersetzbarem einzuhaken, zu reflektieren, zu improvisieren, scheinbar immer wieder in Schleifen schlingernd und sich verlierend, doch tatsächlich in einer Stunde höchster Konzentration, die vorführte, wie der öffentliche Drift der Wörter Schwerkraft verliehen werden kann, vor allem aber, wie sie eine Doppelsicht gewinnen.

Überlegen und doch mit großer Bescheidenheit zelebriert Hofmann das Janusköpfige seiner Sprache, mit der er Wut und Depressionen in das milde Licht des Beiläufigen taucht. Kein Sprungbrett für Fantasien, die Möglichkeit einer Geschichte reicht aus. Sie zu erzählen hieße, das hat Hofmann von seinem Vater gelernt, mit Lächerlichkeiten hantieren zu müssen. Doch das will Michael Hofmann nicht.

Die meisten der nun versammelten, von Marcel Beyer übertragenen Gedichte sind Portraits einer überaus schwierigen Beziehung zwischen Vater und Sohn. Der Vater, Schriftsteller von Rang, als Germanist die meiste Zeit des gemeinsamen Lebens im Ausland tätig, vor allem in England, nimmt die Rolle der Zentralsonne ein und Sohn Michael kämpft, immer zwischen Bitternis und liebevoller Hinwendung, gleichmütig darum, als kleiner Trabant nicht von der Bahn abzukommen, die doch seine eigene sein soll. Und sie ist es ganz und gar geworden, durchaus schon zu Lebzeiten Gert Hofmanns, der 1993 gestorben ist.

In Gert Hofmanns Romanen und Erzählungen gibt es immer wieder Konstellationen zwischen Vater und Sohn, die in den oft wie in Zeitlupe gemurmelten Du-Anreden der Gedichte Michael Hofmanns ihre Echos finden. Die Romanfiguren des Vaters können nicht miteinander reden, ob am Telefon oder in der Küche. Die Söhne fragen, die Väter flüchten vor Antworten, fühlen sich bedrängt und verteidigen sich mit bitterem Hass. In seinen Gedichten hat Michael Hofmann diese reflexhaften Grausamkeiten genau registriert - und verwandelt in Bilder von entwaffnendem Mitgefühl. Sie zeigen eine lebenslange Häutung.

Die väterliche Delegation wird vorsichtig, aber entschieden mit Fugenwörtern distanziert, eigentlich nie mit Metaphern, eher mit halb um Verrätselung bemühten Metonymien, in denen das väterliche große Ganze fraglos scheint und der Mantel, die Unterschrift, das Radiogerät, die Holzschuhe, all das, was dafür einstehen soll, ungläubig und schmerzlich bestaunt werden. Einmal beschreibt er das Verhältnis zu seinem Vater, als hinge er an einer Nabelschnur wie an einer Infusion (Marcel Beyer übersetzt "feeding-tube" mit "Futterluke"), doch eben dort realisiert er eines nicht: "wo immer man ist, muss man bluten" ("to stay anywhere on the earth's surface is to bleed").

Ihm hat es an nichts gefehlt, so Michael Hofmann immer wieder, vor allem nicht an Widersprüchen. Die Kommunikation mit dem Vater ist stetig von Störgeräuschen durchsetzt und diesen gilt Hofmanns ganze poetische Aufmerksamkeit, so wie er als 19-Jähriger in einem Berliner Hotel vom Vater angerufen wird: "er war / auf etwas anderes aus: auf mich am anderen Ende der Leitung, / auf ein Alibi, einen Beweis meiner Harmlosigkeit - // getrieben von Eifersucht auf einen schmierigen jungen Engländer …" Wer Michael Hofmanns Gedichte liest, nimmt an einer bewegenden, bisweilen auch erschreckenden, weil fortdauernden existenziellen Debatte über die Frage teil, die sonst immer nur Leser haben: Wer spricht? In seinen Gedichten tritt Hofmann auf als Leser seiner selbst.

Zwischen Angst und Sehnsucht und Melancholie tastet er einen Gefühlshorizont ab, wie er selten nur in der Gegenwartsliteratur zu finden ist. Beobachtungen und Assoziationen streunen durch die Zeilen und werden doch von etwas zusammengehalten, das funktioniert wie ein gebrochener Spiegel. Der Riss ist nicht mehr weg zu denken und im Zentrum herrscht atemlose Stille. Hier geschieht die Verwandlung, die Poesie bewirkt. So wie in dem frühen Gedicht "A Brief Occupation", das Marcel Beyer mit "Eine kurze Belegung" übersetzt, in dem Hofmann ein Memento Mori skizziert aus dem Schatten eines kurzen Aufenthalts in einer kleinen Pariser Dachkammer. Furchtsam und doch seltsam beruhigt zugleich streifen die Blicke die kleine unmittelbare Umgebung, durchleuchten behutsam, was hinter den Wänden für Fantasien lauern könnten. Und das alles so mit pathetischer Lakonie, als würde Wallace Stevens ein poetisches Remake einiger typischer Sujets Franz Kafkas versuchen.

Über die Lyrik Stevens' hat Hofmann geschrieben, dass er im Stande war, ein ganzes Orchester nachzuahmen, aber dabei eben auch nicht die Triangel verachtet. Für Hofmann selbst scheint zu gelten, dass ihm reicht, die Imagination dieses Klangspektrums zu rhythmisieren, ein gesampleter und gedämpfter Coltrane in Endlosschleife. Das Leben scheint anderswo, "ein Stromzähler hängt mit ein paar Drähten ans Leben geklemmt …", doch der Blick dann auf die Bruchstelle des eigenen Selbst verliert eben das: die Identität. "Ich war nur irgendwer."

Hofmann führt unmerkliche, dafür aber umso wirkungsvollere Unterscheidungen ein, um das Gegenwärtige wie das Verzweifelte seiner Existenz in den Blick, besser: in Worte zu bekommen, um wie hier auseinanderhalten zu können, was ein Zimmer ist und was eine Höhle. Dafür lehrt uns Hofmann einen milden, weichen Blick der sich ans Nebensächliche klammert und Menschliches vom Unmenschlichen sondern kann. Hier saß er in einer Höhle und zuverlässig meldete sich der Reflex von Flucht und Empathie.

Als Übersetzer ist der Lyriker und Romanautor Marcel Beyer bislang mit kleineren Stücken von Gertrude Stein und William S. Burroughs in Erscheinung getreten. Er hat unter anderem Anglistik studiert und hat nun hier einen Band mit einer ebenso persönlichen wie symptomatischen Affinität zum Deutschen übersetzt, ohne Michael Hofmanns Originalen allzu nahe zu treten. Zuvor hat es von Hofmann nur verstreut in einigen Literaturzeitschriften Übersetzungen gegeben.

Beyers umfangreiche Auswahl stellt einen stillen großen Dichter vor, doch Stille, so schreibt Hofmann einmal, kann eine Einladung sein, sie zu stören. Das hat Beyer leider nicht oder nur selten wahrgenommen oder eben in einer sehr deutschen Weise, indem er der leisen untergründigen Anarchie von Hofmanns Zeilen eine Ordnung einzieht, die dem Satzbau des Deutschen sehr vertraut und ohne Not den ebenmäßigen Stil Hofmanns in Aufzählungen zergliedert. In dem Titelgedicht des Bandes "Feineinstellungen" schreibt Hofmann von der Unruhe, die in der Ruhe liegt, die er zum Schreiben und zum Übersetzen braucht, und von einem Zittern, das nur dann hochkommt, "where I blurt in German, dissatisfied and unproficient", was Beyer übersetzt mit "wo ich auf Deutsch radebreche, ein unzufriedener Stümper". Von dem Druck, den das Deutsche auf Hofmann - als Übersetzer, aber eben auch als Sohn des deutsch schreibenden Vaters Gert Hofmann - ausübt, ist hier nicht mehr viel zu spüren, von dem Druck, der ihn die Worte nur wie zusammenhanglos hervorstoßen lässt, und der sich in weiteren ähnlichen Ausdrücken durch das ganze Gedicht zieht.

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