Feine Freunde von Donna Leon, Diogenes, 20011.) - 2.)

Feine Freunde.
Roman von Donna Leon (2001, Diogenes).
Besprechung von Karl-Markus Gauß in der Wochenzeitung, Zürich, 7.10.1999:

Commissario Brunettis Fälle

Ich gebs ja zu: Auch ich habe Vorurteile. Selbst ich. Jedenfalls habe ich mir mein Vorurteil gegen Donna Leon vor zwei Jahren im Sommer zugezogen. An irgendeinem Strand war ich eingenickt, und als ich etwas benommen aus dem brennend-heissen Schlaf hochschreckte, sah ich auf der Liegewiese rundherum alle Kinder mit einem Buch von Thomas Brezina in der Hand und alle Erwachsenen mit einem Fall von Commissario Brunetti beschäftigt. Und weil ich weiss, dass Kinder, die einmal in die Literaturmaschine Brezina geraten sind, ihre Kindheit nur als fantasielose Geschöpfe verlassen können, kam mir ein furchtbarer Verdacht, die Leserschaft in Badehose und Bikini betreffend: So sehen also, dachte ich, die Erwachsenen aus, die als Kinder Brezina gelesen haben. Aber das stimmt natürlich in keiner Hinsicht, schon vom Zeitablauf her passt es nicht zusammen. Denn wer mit Brezina lesen gelernt hat, kann jetzt noch nicht erwachsen sein und wird sich auch als Erwachsener allerhöchstens durch TomTurbo-Abenteuer buchstabieren, und natürlich liegen auch sonst zwischen Donna Brezina und Thomas Leon literarische Welten. Obwohl…
Zugegeben, das Nächste, was mich gegen die Dame Leon aufbrachte, war wieder eine eher private Erfahrung, der ich durch Aufbietung von ein paar Ressentiments Herr zu werden suchte. Ich bin nämlich mit einigen Leuten befreundet, die furchtbar viel arbeiten müssen. Und obwohl sie behaupten, keine Zeit zum Lesen von Büchern, zum Beispiel meinen eigenen, zu haben, schaffen sie es rätselhafterweise doch, jedes neue Buch von Donna Leon zu verschlingen; lesefaule Leseratten gewissermassen.
Das Dritte aber war, dass ich dann doch einmal in die USA fuhr, weil schliesslich alle schon dort gewesen waren und so viel Interessantes zu erzählen wussten, und in den USA bemerkte ich erstaunt, dass kein US-Amerikaner die US-Autorin Donna Leon kennt. Kommt noch hinzu, dass alle meine italienischen Freunde auf die Frage, was sie von den venezianischen Kriminalromanen der Donna Leon hielten, verständnislos antworteten: Donna qui, Brunetti qua? So haben wir es also mit einer amerikanischen Autorin zu tun, deren Geschichten ausnahmslos in Venedig spielen und deren Fans vorzüglich in Österreich, Deutschland und in der Schweiz leben. Das ist für sich gesehen noch keine ehrenrührige Anhängerschaft. Aber etwas befremdlich mutet es schon an, wenn Donna Leon peinlich darüber wacht, dass ihre Bücher nur ja nicht ins Italienische übersetzt und womöglich dort gelesen werden, wo sie spielen, und andrerseits niemand ihre Bücher in der Originalsprache lesen möchte. Donna Leon ist also ein vom Diogenes-Verlag geschickt vermarktetes deutsch-österreichisch-schweizerisches Seelenphänomen. Die Seele hat in Zeiten wie diesen, da sie sich im harten Geschäfts- und Erwerbsleben kaum einer leisten kann, natürlich etwas Urlaubsmässiges. Und bei Donna Leon, die mit den Klischees von Italien so rabiat hantiert, dass sie noch als vermeintliche Kritikerin dieser Klischees an ihnen partizipiert, kommt unvermeidlich die Erinnerung an seelenvolle Urlaubstage auf.
Immerhin sieben Venedig-Romane hat Donna Leon bisher veröffentlicht. Die ersten drei tragen Venedig noch im Titel, «Venezianisches Finale», «Endstation Venedig», «Venezianische Scharade». Ab Band vier kommt die venezianische Abkassiere ohne eigenen Titelbezug aus, weil die Leserschaft jetzt schon begriffen hat, dass Leon nur ein Pseudonym für Venedig ist. Im «ersten Fall des Commissario Brunetti» – die Untertitel der Bücher zählen fleissig mit – geht es um den gewaltsamen Tod, den ein deutscher Dirigent mit Nazivergangenheit in Venedigs Opernhaus La Fenice erleidet; im zweiten geht es um Giftmüll, im dritten um Korruption in der Bauindustrie, im vierten sind die Mädchenhändler aus guten Kreisen dran, im fünften die Kunstfälscher, die das Gewerbe im grossen Stil und unter Beteiligung führender Galerien betreiben, im sechsten werden just die reaktionärsten Geheimorganisationen des italienischen Klerus überführt, Keuschheit zu predigen und sexuelle Ausschweifung zu leben. Damit hat die Autorin die italienische Oberschicht und die Themen, über die jetzt halt ein jeder so redet, schon beiläufig durch. Aber, verehrte Donna Leon, was ist eigentlich mit dem italienischen Adel und mit dem Atomschmuggel aus Russland? Oh, pardon, hier sehen wir ihn schon, Commissario Brunetti, wie er sich in seinem «siebten Fall» daran macht, den Adel kräftig aufzumischen und den Atomschmuggel aufzudecken.
Was die literarische Bewältigung des eigentlichen Kriminalfalles anbelangt, so ist sie in «Nobilità» geradezu hanebüchen gelungen. Da wird ein Jüngling aus dem reichen Haus der Adelsdynastie Lorenzoni entführt und nie gefunden. Als zwei Jahre später in einem abgelegenen Dolomitenacker sein Skelett beim Umpflügen zutage gefördert wird, möchten Familie wie Polizei die Akten am liebsten über einen ungeklärten Mordfall schliessen. Brunetti will es nicht, und die Spuren, die er findet, führen in die Innenwelt der venezianischen Aristokratie und die auch nicht ganz friedliche Aussenwelt der osteuropäischen Nuklearschmuggler.
An dieser Stelle muss ich eine Warnung aussprechen: Wer den Krimi noch lesen möchte, der soll jetzt die Augen zumachen, denn ich verrate gleich, wer der Täter ist. Allen Ernstes findet Brunetti heraus, dass die adeligen Lorenzonis ihr Milliardenvermögen ein wenig mit Nuklearmaterial auffetten wollten, dabei unabsichtlich ihren Haupterben, den innig geliebten einzigen und völlig ahnungslosen Sohn verstrahlten und ihn, damit die Ärzte nicht aufgrund der drastischen Symptomatik seines Leidens, die richtigen Schlüsse zögen und hinter das Verbrechen kämen, zum Sterben selber in eine einsame Waldhütte entführten und nach seinem jämmerlichen Tod verscharrten. Aber der Geigerzähler bringts ans Licht, und das Ganze ist eine jener Abrechnungen mit der Oberschicht, die so beinhart sind, dass sich zuallererst die Logik das Genick bricht.
Nicht alle Fälle, die Brunetti zu klären hat, sind so grob an den Haaren herbeigezogen wie dieser, aber die novellistische Schürzung des Kriminalfalles zählt in keinem ihrer Bücher zu den Stärken der Leon. Die müssen anderswo liegen, und recht besehen, hat sie nur zwei: die eine heisst Venedig, die andere Brunetti. Donna Leon zeigt uns Venedig hinreichend vertraut, sodass wir es aus unzähligen Filmen und Büchern wieder erkennen, aber sie schafft es auf literarisch durchaus raffinierte Weise, zugleich als Kritikerin der Klischees zu wirken, die sie selber verbreitet.
In den deutschen Übersetzungen Leons, und diese machen ihr Œuvre ja recht eigentlich aus, wird die Ausbeutung von südlichen Klischees und nördlicher Seelenlage immer wieder in einer geradezu plumpen Vertraulichkeit manifest, mit der sich die Autorin des Zuspruchs ihrer Leser versichert. Alle paar Seiten fügt sie in den deutschsprachigen Text kursiv gesetzte italienische Phrasen und Begriffe ein: «Um drei hatte Brunetti seinen Termin beim Avvocato. Auf dessen Avanti! öffnete er die Tür und trat ein. Buon di, Commissario, sagte er…» Wie Signallampen, die die Leser autoritativ an ihre italienischen Urlaubserfahrungen erinnern sollen, sind solche ansonsten vollkommen sinnlosen Italiazismen in den deutschen Text eingestreut, sie suggerieren Authentizität, wollen aber nichts als Sentimentalität bewirken.
Bleibt noch Brunetti, den die Serie im Untertitel nennt; dass man über ihn, die Hauptfigur, nicht allzu viel erfährt, sichert der Sympathie, die wir für ihn empfinden, eine gewisse Dauerhaftigkeit. Brunetti ist bieder, brav, ein typischer Italiener, wie man ihn sich vorstellt; als solcher hat er eine fesche, liebenswerte Frau, die aus der Oberschicht stammt, die Gesellschaft daher viel kritischer sieht als er, und eine richtige mamma ist, weswegen es auch mit den reizenden Kindern keine Schwierigkeiten gibt, weder was Rauschgift noch was Politik anbelangt; und weil Brunetti von erotischen Anfechtungen so frei ist wie von den Verlockungen der Korruption, könnte das Glück eigentlich ein vollkommenes sein. In ihren Interviews, von denen es nach journalistischer Instantherstellung mittlerweile wohl schon weit über tausend gibt, zieht Donna Leon gerne kräftig vom Leder. Über die Sexualmoral der verklemmten Kirchenoberen meinte sie etwa in den österreichischen «News»: «Wenn jemand in Ihr Büro käme und sagte, er hätte sich entschieden, dass er keinen Sex mehr haben will, würden Sie sagen, der ist verrückt. Da ist etwas falsch.» Falsch ist aber auch etwas an Donna Leon, zeigt sie bei anderen Leuten doch gerne dorthin, wo ihr selber etwas fehlt. Sieht man davon ab, dass Brunetti gelegentlich die gleichen Ansichten über die kirchliche Sexualmoral zum Besten gibt wie seine Schöpferin, sind Donna Leons Romane so rigide asexuell, so frei von jeder Erotik, dass man sich über die markigen Worte der Autorin nur wundern kann.
Sexuelle Freuden, wie sie Donna Leon jedem pensionierten Kirchenmann als Ausweis perversionsfreier Normalität abverlangt, enthält sie ihrem Brunetti, der immerhin in den besten Jahren steht, durchaus vor. Überhaupt führt sie ihren Commissario an der kurzen Leine; seit die wesentlichen Züge seines Charakters in den ersten Folgen der Serie entworfen wurden, darf er gegen die Erwartungen, die man in ihn setzt, nicht verstossen, zuverlässig bleibt er der Biedermann mit seinen paar kauzigen Eigenheiten, der seine Familie so wenig wie seine Leserschaft je mit einem Ausbruch von Lebendigkeit überraschen wird.
Wenn Donna Leon eine Autorin wäre, die die Wirklichkeit mit ihren Widersprüchen und nicht die Leser mit ihrer Sehnsucht nach Beschwichtigung im Auge hätte, dann bedürfte es nur einer leichten Drehung des Geschehens, eines unmerklichen Wechsels in der Perspektive, und der unanfechtbare Biedermann Brunetti erschiene als jener unangenehme Spiesser, der zweifellos auch in ihm steckt. Zu einer solchen Wendung, die ein Fall von literarischer Geschäftsstörung wäre, wird es aber nicht kommen.
Im Gegenteil, die gut gewartete Literaturmaschine Leon arbeitet zuverlässig und wird mittlerweile von einer Hundertschaft von Journalisten unterstützt, die die Werbung des Diogenes-Verlag schon von sich aus betreibt. Wir werden also im Fernsehen und in den Zeitschriften noch in ungezählten Berichten über Venedig Dinge erfahren, die wir ohnehin schon wissen, veramente; das freut uns und treibt uns in die Buchhandlungen, wo der Vorrat an Donna Leons Fastfood für Gebildete wie von selbst immer wieder nachwächst.

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Feine Freunde von Donna Leon, Diogenes, 20012.)

Feine Freunde.
Roman von Donna Leon (2001, Diogenes).
Besprechung von Beate von Brentano, Focus, 2001:

Wäre dieser Roman stark gekürzt worden, hätte er an Umfang eingebüßt, bestimmt aber nicht an Esprit und Aussagekraft. In gleichbleibendem Tempo, ohne spannende Höhen und Tiefen, die gerade einem Kriminalroman gut anstehen, plätschern in Donna Leons neuntem Krimifall die Ermittlungen von Commissario Brunetti dahin, und der Leser ist geradezu dankbar, wenn er in regelmäßigen Abständen dem Geplauder und den harmlosen Witzchen der Familie Brunetti lauschen darf.
 
Anfänglich vermutet man noch, angefüllt mit dem Eifer, sich auch kriminalistisch zu betätigen, allerlei Bedeutungsvolles in den Dialogen des Herrn Brunetti und seiner meist kochenden Akademikergattin. Aber dieser Eifer ist überflüssig. Die illustre Kulisse Venedigs, das sympathische Wesen des Kommissars und seine heile Familie retten diese müde Kriminalgeschichte diesmal leider nicht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]

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