Feinde in Scharen.Briefwechsel Herwarth Walden mit Karl Kraus, 2003, WalllsteinFeinde in Scharen. Ein wahres Vergnügen dazusein.
Briefwechsel von Karl Kraus mit Herwarth Walden (2003, Wallstein-Verlag, hrsg. von George C. Avery).
Besprechung von Bernhard Fetz in Neue Zürcher Zeitung vom 29.04.2004:

Sturm und Drang
Karl Kraus und Herwarth Walden tauschen sich in Briefen aus

«Ich sage Ihnen, dass die ganze deutsche Literatur Druckfehler vertragen kann - ich nicht .» Bis unmittelbar vor Druckbeginn der «Fackel» hat Karl Kraus seine Manuskripte unzähligen Korrekturgängen unterworfen - ein Albtraum für den Setzer und ein Glücksfall für den Autographenfetischisten. Denn steht in einem Satz ein Druckfehler und ergibt er trotzdem einen Sinn, «so war der Satz kein Gedanke». Im Bewusstsein der Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen focht Kraus seinen Kampf um die Reinheit der Sprache und die Reinheit der Kunst.

Im eigenen Haus war die Unordnung in Griff zu bekommen, aber wehe, die Manuskripte gelangten in die Hände anderer Herausgeber: Der voluminöse Briefwechsel mit Herwarth Walden, der ab 1910 mit seinem «Sturm» zu einem der wichtigsten Mentoren der jungen expressionistischen Literatur wurde, handelt über weite Strecken von den verzweifelten Versuchen, den Druckfehlerteufel zwischen Wien und Berlin auszutreiben. Der Kraus-Verehrer Walden betrieb ausserdem ein schliesslich gescheitertes Berliner Büro der «Fackel». Was die persönliche Beziehung scheitern liess, war Kraus' Urteil über den «Sturm», dessen Polemik für den Absolutheitsfanatiker blosse «Meinung» und dessen «Kunstpolitik» Ausdruck einer pädagogisch lauen Haltung ist. Was Kraus dem Komponisten Walden zugesteht, gilt nicht für den Literaturvermittler: Dessen Konzessionen an die Machbarkeit des «Sturms» widersprechen der Rücksichtslosigkeit und Rückhaltlosigkeit, die für den «Fackel»-Herausgeber Bedingung seiner ganzen Existenz ist.

Andere als die eigenen Regeln zu akzeptieren, schloss das System Kraus aus. Geltung gesteht er von all den «Sturm»-Beiträgern fast nur Waldens Frau, der Dichterin Else Lasker-Schüler, zu. Der Leser des Briefwechsels verliert inmitten der Telegramm- und Briefstafetten, die zu einem beträchtlichen Teil auch um nicht enden wollende Ehrenbeleidigungsprozesse kreisen, den Überblick. Der ausführliche Sachkommentar trägt mit seinen Quellennachweisen und Querverweisen zur Unübersichtlichkeit eher noch bei, als dass er klarer machte, in welch prekärem Verhältnis mediale Öffentlichkeit und die Kunst ihrer Kritik damals standen und heute nur noch mehr stehen. Die Beschränkung auf eine Briefauswahl wäre in diesem Falle wohl mehr gewesen.

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