Fehlfarben von Kito Lorenc, 2005, Nessing'sche1.) - 2.)

Kepsy-barby/Fehlfarben.
Gedichte, sorbisch-deutsch von Kito Lorenc (2004, Verlag der Nessing'schen Buchdruckerei/Nessing'sche Hefte).
Besprechung von Reinhold Stumpf für die REZENSIONENwelt, 05/2005:

Der Zauber in den Löchern

Kito Lorenc, die "personalisierte Lyrik" der Sorben in den Sechziger und Siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, zählt auch heute noch zu den wichtigsten literarischen Vertretern dieser slawischen Volksgruppe im Osten Deutschlands.

In seiner neuesten Publikation, die als aufwendiger Bleisatz-Buchdruck in handgemachter Fadenheftung erschienen ist, versteht Lorenc auf nur dreißig Seiten seine lyrische Meisterschaft zu bündeln. Die wenigen Gedichte vermögen beim Leser eine unmittelbare poetische Erfahrung zu hinterlassen und ihm zugleich eine Vorstellung dessen zu vermitteln, was dieser Dichter geschrieben, vor allem aber nicht geschrieben hat. 

Wie wohl sich die Motive in Lorenc Gedichten um Alltag, Kultur und Natur der ca. 60.000 Zugehörigen zählenden Volksgruppe drehen, sind sie weit von Folklore und ideologischer Verklärung entfernt. Der Pathos ist Lorenc Sache nicht, Heimatliebe begegnet er höchstens auf satirische Art und Weise. Gerade in der Entmythisierung und Dekonstruktion finden seine Gedichte die Bilder und Klänge, die sich letztlich nur mit Poesie bezeichnen lassen. So wunderbar schreiten die Verse des "Nachfahren" durch das zerstörte Haus: "Einmal noch atmet der Sohn / die ummauerte Luft, / die leere Stirn, darin weiße Verse / nach Spuren tasten, berührt er / mit Lippen." Lorenc hat ein außergewöhnliches Gespür für Rhythmus, der durch seine Zartheit betört und durch seine Kompromisslosigkeit irritiert. Er zeichnet Perfektion in das Fehlerhafte und versprüht Zauber in den Löchern zwischen der Harmonie. So sind selbst die Makel des Alters letztlich nur Farbtöne.

Die Gedichte kommen zweisprachig, wobei es sich nicht unbedingt um Übertragungen vom Sorbischen ins Deutsche oder umgekehrt handelt. Der Autor, der sich auch als Übersetzer aus zahlreichen slawischen Literaturen einen Namen gemacht hat, gibt an, dass zwischen den verschieden sprachlichen Versionen oft einige Jahre vergangen und später durchaus eigenständige Gedichte entstanden sind. Das jeweilige "Originalgedicht" kann dabei entweder sorbisch oder deutsch gewesen sein. Hier werden Differenzen nicht als solche verstanden sondern bieten gerade den Raum für Kreativität, wie sie nur auf diese Weise entstehen kann.

Lorenc lotet die Gräben und Brücken zwischen der sorbischen und deutschen Sprache aus und gewinnt dadurch eine faszinierende Inspiration. Dieser von Text zu Text mehr oder weniger deutliche Unterschied, so schreibt der Autor im Nachwort, mag gerade dem zweisprachigen, also sorbischen Leser als zusätzliches "zwischensprachliches" Erlebnis aufgehen. Obwohl mir mangels Sprachkenntnis diese Erfahrung nicht vergönnt ist, vermag ich doch die Melodien der deutschen Versionen in den sorbischen Fassungen wieder zu finden. 

Der bibliophilen Publikation ist eine Tusche-Reproduktion der sorbischen Künstlerin Iris Brankatschk beigelegt.

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Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Reinhold Stumpf

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Fehlfarben von Kito Lorenc, 2005, Nessing'sche2.)

Kepsy-barby/Fehlfarben.
Gedichte, sorbisch-deutsch von Kito Lorenc (2004, Verlag der Nessing'schen Buchdruckerei/Nessing'sche Hefte)
Besprechung von Dr. phil. W. Berger, Wien für die REZENSIONENwelt, 06/2006:

„Kepsy-barby/ Fehlfarben“ von Kito Lorenc in Berlin vorgestellt

Am 30.06. fand ein Leseabend der besonderen Art statt.In der kleinen aber feinen Galerie Kube im alten Berliner Westen war eine der ausgesprochen raren Lesungen des Altmeisters der Sorbischen Poesie, Kito Lorenc, zu hören, der sein im vergangenen Jahr im bibliophilen Verlag der Nessing’schen Buchdruckerei Berlin in der Reihe der Nessing’sche(n) Hefte erschienenes bilinguales Heft „Kepsy-barby/Fehlfarben“ dort vorstellte

Das in Gutenbergmanier gedruckte Heft in selten schöner Aufmachung, stellt jüngere Texte des Autors vor, die im Vergleich mit den älteren Lorenc’ nichts an Frische, Lebendigkeit und Humor eingebüßt haben. Der Dichter las in der ihm eigentümlichen Diktion seine Texte in sorbischer wie auch deutscher Sprache, betonend, daß jedes der Gedichte, wiewohl Übertragungen von einer in die andere Sprache (wobei oft Jahre zwischen jenen liegen), ein eigenständiges Gedicht darstelle, keine bloße Übertragung sei.

Zusätzlich zu Texten aus „Fehlfarben“ las Lorenc aus dem im entlegenen Aschersleben in der Heft- und Lesereihe „Zeitzeichen“ erschienenen „Zungenblätter“ und neueste Texte.

Die Reihe „Zeitzeichen“ (Veranstaltungsträger ist der Aschersleber Kunstverein) verdiente (als Folgereihe der in der ehemaligen DDR beliebten Lyrikreihe „Poesiealbum“) eine eigene Würdigung, welches hier aus Platzgründen unterbleiben muß - eine Darstellung der Konzeption und des Programms der Reihe kann im Internationalen Netz unter www.lyrikwelt.de/sonderseiten.htm aufgerufen werden).

Der Herausgeber beider Reihen, der in Berlin lebende Lyriker Paul Alfred Kleinert, führte in freier und informativer Rede mit einem Überblick zur Sorbischen Poesie in den Abend ein, der gleichzeitig eine Finissage der sorbischen Graphikerin und Malerin Iris Brankatschk bot, die dem Band „Fehlfarben“ auch die Graphik beisteuerte. Die Sorben hatten offenbar getrommelt und so war denn unter den etwa 50 Gästen des Abends manches Gespräch in dieser westslawischen Sprache zu hören. Das Ambiente der Galerie Kube, die Atmosphäre der Finissage der Brankatschk, die Einführung Kleinerts und die eindrückliche Lesung Lorenc’ gaben dem Abend ein unverwechselbares und beeindruckendes Gepräge. Buchbestellungen: „Kepsy-barby/Fehlfarben“ unter: Fax 030.6770011 (vnb/ Lutz Nessing).

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Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt © Werner Berger