Federwach das Vorwärts von Julia Lajta-Novak, 2015, HernalsFederwach das Vorwärts.
Gedichte von Julia Lajta-Novak (
2015, Verlagshaus Hernals).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Juli 2015:

Keine Wand der Welt/ hält deinen Sprung
Was erwarte ich von einem Gedichtbuch, verfasst von einer Leichtathletin und Lyrikerin, Julia Lajta-Novak, geboren 1979 in Wien, die ihre Sportgedichte mit dem interessanten Begriff „Leichtathlyrik“ belegt hat?

Als Sportmuffel bin ich geneigt, mich eher ironisch mit dem Churchill-Zitat „Sport ist Mord“ dazu zu äußern, als jemand, der sich sein Leben lang mit Gedichten beschäftigt, bin ich gespannt auf Neues aus dem Fundus zeitgenössischer Lyrik, in der alles möglich ist von der großen Form bis zum Gedankensplitter.

Und in der Tat bin ich in „Federwach das Vorwärts“ wie die Gedichte von Julia Lajta-Novak betitelt sind, fündig geworden und habe einfühlsame und lesenswerte Gedichte entdeckt, die zeigen, dass die Dichterin ihren Weg vom Start bis zum Ziel gefunden hat.

Beim großen italienischen Dichter Milo De Angelis sind mir Gedichte begegnet, die er dem Sport gewidmet hat, der für ihn, um es kurz zu machen, ein reiner, vom Denken unberührter Vorgang oder beinahe etwas Sakrales ist. Die Gedichte von Julia Lajta-Novak sind da eher geerdet, verkörpern den Sport und die ihn betreiben schlechthin und vermitteln dem geneigten Leser einen fundamentalen  Einblick in die Welt und das Leben dieser und anderer Leichtathletinnen, tangierend bisweilen auch in das männlicher Zeitgenossen. Wir begegnen der Dichterin in allen Disziplinen, die die Leichtathletik zu bieten hat, vom Kurzstrecken- bis zu Marathonlauf, vom Stabhochsprung bis zum Speer- und Hammerwerfen oder Kugelstoßen oder Mehrkampf. Wir begleiten sie während des Trainings, während der Wettkämpfe, bei Sieg oder Nieder-Lage, „eine Lunge voll/ Lächeln“.

Wir erfahren von ihren Hoffnungen und Ängsten, von ihrer Euphorie und ihren Schmerzen, von ihrem Hadern und wie schwierig es ist, nicht abgelenkt zu werden, wenn volle Konzentration gefragt ist. All das bringt sie nachvollziehbar und berührend, manchmal in kraftvolle, manchmal in zarte Verse mit unverbrauchter Metaphorik, als entdecke sie die Sprache für ihren Sport neu bei dem Versuch, alles von ihr Beschriebene adäquat umzusetzen und auszudrücken.

Das gelingt ihr derart gut, dass ich mich beim Lesen oft in ihre Haut versetzt fühlte.

„Es ist so weit/ bei Kilometer drei tut deine/ Lunge sich so liederlich/ hervor du wirst  zum Fels in grüner/ Brandung die vorbeizischt/ rechts und links“.
Berauschend sind ihre Klangbilder, den Bewegungsabläufen der jeweiligen Sportdisziplin angepasst, dem Laufstil, dem Abwurf, dem Schwung. „Am Start//…Nicht butterleicht/ verlockert/ eingeblubber/ wabermollig/ flaumend/ Schlaff ver/nudel/ nicht: // Federwach/ das Vorwärts/ im Sinn“.

Auch einem Nichtsportler macht es Freude diese Gedichte zu lesen, deren Poesie leidenschaftlich herausfordernd daherkommt, „jeder Tritt ein Löwenschrei“. Er leidet mit: „Dritter Versuch//…Dein Top ist hochgerutscht du/ ziehst am Saum (zum dritten Mal) du/ siehst die Schramme/ blinkt am Knie so/ fahnenrot“. Oder: „Wespen hinter deinen Augen/ der Asphalt der unterm Tartan/ ächzt/ die Sonne liebt dich/ hängt verbissen Dir im Nacken“.

Auch die Psyche wird von der Dichterin in allen Nuancen thematisiert: „Sieg// … wie/ es sich anfühlt - /so leicht so schwer so/ taub und wund und/ dick umarmt/ du atmest atmest/wonnig weichgelenkig/ sonnenkopfig blubbert/ deine Seele schwappt/ das  Lachen aus dem Leib“.

Es tut Julia Lajta-Novaks Gedichten gut, dass sie auf Satzzeichen verzichtet hat, dass sie unerwartete Zeilensprünge macht, die irritierend einhalten lassen, der Dynamik ihrer Gedichte aber gerecht werden und sie steigern.

„Sturkopf// Steck den Käfig ab dir innerlich/ dann pack die Stahlschnur - / lass die Augen ruh’n/ und jetzt/ und jetzt/ dreh durch“.

So gekonnt, wie sie schreibt, darf man wohl sagen, dass die Dichterin ihre eigene Sprache gefunden hat, mehr noch, dass sie sie für ihren Sport so zu instrumentalisieren versteht, dass Leichtathletin und Lyrikerin eine Symbiose eingehen.

„Sommersprung//… Der Sand von weitem/ flimmert euch/ wie Salz/ wie Motten/ werft euch/ in sein Licht.

Oder: „Hop Step Jumb//…ein Blick zurück/ ein Zwinkern/ der kantigen Schönheit/ deines Abdrucks“.

Die Dichterin erzählt in ihren Gedichten nicht nur von sich selbst, sondern auch von mehr oder weniger berühmten Sportlerkolleginnen und hat, durchaus nicht unkritisch, mancher wie etwa Wilma Rudolph, Florence Griffith Joynes oder Grete Waitz poetische Denkmäler, geschrieben, die womöglich von ganz anderer Qualität sind als manche Medaille. Besonders beeindruckt hat mich das Birgit Dressel gewidmete Gedicht, die nach rasantem mehrfachen Organversagen in Folge von übermäßigem Doping- und Medikamenteneinnahme im Alter von 26 Jahren starb: „Wo ist Wasser/ Gebt ihr Wasser/ Gebt ihr Blut/ ihr rast das Herz/ dem Mädl mit den blauen/ Lippenfingernägeln// Gebt ihr Natron und Hormone“.

Julia Lajta-Novak scheut sich nicht, auch von den dunklen Seiten des Sportes zu schreiben. Ihre Gedichte haben Format und Klasse und sind auch für ihre Kolleginnen, vielleicht gerade für die, und alle Lyrikliebhaber lesens- und nachdenkenswert. Ich, für meine Person, halte sie, übrigens von der Dichterin gekonnt illustriert, für etwas Besonderes.

„Leichtathlyrik// Finger hart am Holz/ die Laute suchen ihre Bahn/ aus dem Wurf geschlungen/ deine Silben zünden/ durchs Graphit/ umverben Sprünge/ treiben Schatten/ schwarz auf weiß“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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