Favoritensterben.
Gedichte von Stefan
Heuer (2006, Yedermann).
Besprechung von Frank Milautzcki aus der titel-magazin,
31.10.2006:
Wer immer noch AC/DC hören will, ist hier in
der falschen Disco
Heuers
Augenmerk gilt der kleinen Geschichte, die in jeder Situation enthalten ist und
die er nacherzählt, auf seine Weise.
Nach seinem Prosaband Die
Flügel der letzten Kastanie veröffentlicht Stefan Heuer 2006
sein zweites Buch – den Lyrikband favoritensterben.
Herausgebracht wird er vom yedermann Verlag, der mit Stefan Heuer, Adrian
Kasnitz, Gerald
Fiebig, Achim Wagner u.a. mutig und entschlossen junge moderne Lyrik einer konsequenten
und hervorragenden Qualität zu seinem Programm gemacht hat. Hier sind die
soundhaften Momente der Jetzt-Zeit eingefangen, Tracks, die sich anders kaum
brennen lassen.
Beginnen wir weiter vorne, mit dem Blick auf Heuers Buch: In der Entwicklung
der modernen Lyrik gewinnt der Gedanke der anders- und neuartigen Konstruktion
mehr und mehr Gewicht. So werden Satzmelodien etabliert, welche die Wörter
auch entlang ihrer Silben brechen lassen wollen und müssen. Zeilenbruch
taktet den Atem und hier erkennen wir etwas von der Poetologie der Texte: sie
zerhacken Satz und Inhalt, um zu einem neuen Fluss zu kommen. Melodien, die so
sonst nicht möglich sind. So wird eine Welt abgebildet, die kurz und schnell
atmet, um sich rasch zu erneuern, dann wieder durcheinander läuft und konfus
wirkt, Leben in unserer Zeit, das befremdet (da steht die Sonne so kalt am
Himmel, als habe jemand vergessen die Schutzfolie zu entfernen) und
vereinzelt, das aber auch auf Triebe reduziert (die
loveparade treibt sie alle in den urin) und trotzdem voller Sehnsüchte
steckt. Dazu gibt es bei Stefan Heuer neue, unbekümmerte Bilder (wie
blindgänger die robben im watt) und es gibt das scheinbar
Lapidare (jetzt ist es also soweit: cure
nicht mehr unter / independent sondern hinter petula clark), das in
Heuers Sinnzusammenhängen eine Bedeutung erhält, die der Geschichte dient,
ohne unnütz ins Rätselhafte hinübergehoben zu werden. Es geht hier nicht um
Entstellen oder Verbergen, sondern um das Erzeugen und Darstellen. Und gerade
im Alltäglichsten sind wir oft besonders eindeutig und besonders verletzbar.
Situation und Kommentar
Heuers Augenmerk gilt der kleinen Geschichte, die in jeder Situation enthalten
ist und die er nacherzählt auf seine Weise. Insofern ist er sehr verwandt mit
der Lyrik des Expressionismus. Nur ist die Welt heute eine andere, knapper und
direkter, komprimierter in manchem, kaum mehr zu überblicken in anderem, mit
vergleichsweise eingeschränkten, ja, vorbestimmten Perspektiven (man glaube
dem Lügenmärchen nicht, die Technik bringe uns sicher in die Zukunft: Sie
ermöglicht uns Dinge, nicht Seelen.). Und es geht Heuer auch um Kommentar.
Ohne sich auszusparen. Er ist enthalten und will enthalten sein. Anders geht
es nicht, sonst fielen wir zurück in Allgemeinplatz und Tralala. So ist
Authentizität jenseits der Klagemauer etwas, das gute Dichtkunst immer
ausgezeichnet hat. Ganz klar, Gedichte sind Konstrukte. Aber wenn sie gut
sind, stört an ihnen nichts, sind sie kompatibel mit etwas im Leser. Dann ist
ihre Technik eindeutig und einleuchtend, im Sinne des Resultats.
Situation und Kommentar – aus mehr besteht das wirkliche Leben auch nicht.
Dargestellt in überwiegend Drei- und Vierzeilern zu jeweils drei vier
Strophen, in konsequenter Kleinschreibung übrigens. Die Sätze haben Länge,
ruhen nicht aus auf der Sinngewalt einzelner Worte oder bemühen deren
esoterische Auslotungen, sondern leben von und durch ihre Kombination, den
Spannungen untereinander und bringen so die Gedichte zum Laufen. Heuer führt
und taktet seine Sätze gekonnt, weiß aber auch, dass ein Gedicht ein
Eigenleben hat/haben muß, und zieht im richtigen Moment zurück. Das Schwanke
ist immer das Schöne, das Unvorhergesehene und Unvorhersehbare immer der
katalytische Moment, in dem ein Gedicht zündet. Vieles davon ist in der
richtigen Dosis bei Heuer vorhanden. Allerdings: Leicht wird es dem Leser
nicht. Heuer ist zwar ein Erzähler, der seine Texte aus dem eigenen Leben
destilliert, und sich traut, seinen Empfindungen und Wahrnehmungen Namen zu
geben, aber eben auch ein Architekt, dem das Konstrukt ebenso viel wert ist
wie das Material, und der mit durchaus eigenwilligen Maßstäben ansetzt /
umsetzt, was an Poesie in den Sätzen steckt. Das ist Handwerk einer mutigen,
modernen Lyrik, die auf Tradition und Sicherheiten verzichtet und dies auch
vom Leser verlangt. Wer immer noch AC/DC hören will, ist hier in der falschen
Disco.
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