1.) -2.)

Fast ein bisschen Frühling.
Erzählung von Alex Capus (2002, Residenz).
Besprechung von Ulrike Gasteiger aus der Münchner Merkur, 19.4.2002:

Tango mit den Gangstern
Eine wahre Schweizer Geschichte

Also, wenn Dorly Schupp geahnt hätte, wer da vor ihr steht, dann hätte sich die flotte Schallplattenverkäuferin garantiert nicht von den Herren zum Tangotanzen auffordern lassen. Sie hat es aber nicht gewusst. Wer konnte auch vermuten, dass die zwei Ganoven, die vormittags noch in der Baseler Sparkasse einen blutrünstigen Banküberfall verübt hatten, nachmittags zum Einkaufsbummel durch die Innenstadt ziehen, dort auf Dorly treffen und der Liebe wegen zu lange in Basel bleiben würden. Die Tangoliebhaber hießen Kurt Sandweg und Waldemar Velte.

Diese beiden arbeitslosen jungen Männer, die 1933 aus Nazi-Deutschland in die Schweiz flohen, hat es gegeben. Und auch die Geschichte, die wie ein Märchen klingt, hat sich fast genauso zugetragen. Der Schriftsteller Alex Capus ("Eigermönchundjungfrau") hat aus alten Polizeiprotokollen, Zeitungsmeldungen und Zeitzeugen-Berichten ein Mosaik zusammengetragen, in dem die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen. Wie auch in der Legende von "Bonnie und Clyde", die Capus für seine Darstellung allerdings ein wenig arg strapaziert, sind die Verbrecher die eigentlich sympathischen Figuren. Capus verhilft ihnen in seiner schnörkellosen Erzählung zu einer überzeugenden Erklärung für ihre Taten und zeichnet mit leichter Hand ein buntes Sittengemälde der damaligen Zeit. Jede der Figuren, die scheinbar nur zufällig in die Handlung stolpern, hat nämlich noch eine eigene Geschichte, die Capus in wenigen Sätzen gekonnt skizziert.

Durch diesen häufigen Wechsel der Erzählpositionen gewinnt "Fast ein bisschen Frühling" an Farbe und Emotion. Geschickt variiert der Autor je nach Situation das Tempo, beschreibt die ortsansässigen Dummköpfe, ohne sie zu denunzieren, und die Verhältnisse, ohne zu jammern. Fern von jeder Larmoyanz berichtet Schriftsteller Capus von einem Ereignis, das 1933 die Schweiz erbeben ließ, während die Ereignisse, die sich zeitgleich in Deutschland abspielten, nur auf äußerst geringes Interesse der Baseler Bevölkerung stießen. Und in ein paar besonders gelungenen Passagen scheint sogar die immer wieder gültige Erkenntnis durch, dass der Mensch sich selbst immer der ärgste Feind ist und sein wird.

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2.)

Fast ein bisschen Frühling.
Erzählung von Alex Capus (2002, Residenz).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 20.9.2002:

Vier graue Schachteln
Alex Capus las in der Romanfabrik und erzählte Kurioses von Räubern und anderen

Im Archiv der Basler Kriminalpolizei lagert folgende Geschichte: Es waren einmal zwei junge Männer, die in einer schlechten Zeit lebten. Sie hatten keine Arbeit und waren arm; also beschlossen sie, weit fortzugehen, nach Indien, denn dort hatte ein Verwandter eine Teeplantage. Doch die Reisekasse war leer, und sie überfielen eine Bank. Aus Versehen kam dabei der Filialleiter zu Tode, nun waren die arglosen jungen Männer plötzlich Mörder. Sie flohen aus dem kalten Land, in dem noch dazu ein böser Diktator regierte, blieben aber schon nach wenigen Kilometern hängen, in Basel, weil der eine sich in einem Kaufhaus in eine Schallplattenverkäuferin verliebte. Das Ende dieser Geschichte wird nicht verraten, denn das ist nachzulesen - in Fast ein bißchen Frühling, dem Roman des 1961 geborenen Alex Capus.

Spannender als die eigentliche Lesung waren die Kuriositäten rund um die Recherche, die der Schweizer Autor in der Romanfabrik erzählte: Die von den vier grauen Schachteln zum Beispiel, die Capus 1987 bei der Basler Kripo aufspürte und in denen die Verhörprotokolle und Zeugenaussagen im Fall Kurt Sandweg und Waldemar Velte aufbewahrt wurden, die am 12.11.1933 in Stuttgart genannten Banküberfall ausführten.

Jene vier grauen Schachteln sind heute verschollen, ebenso wie die Schallplattenverkäuferin Dorly Schupp, die dem Autor wenige Tage nach Erscheinen seines Romans eine Postkarte schickte und ihm zu seinem Buch gratulierte. Nach Dorly, die mittlerweile weit mehr als 100 Jahre alt sein muss, suchen sowohl Alex Capus als auch die Kriminalpolizei vergeblich, ebenso wie nach den Schachteln, die sich möglicherweise ein pensionierter Polizeibeamter als Souvenir in den Ruhestand mitgenommen hat.

Oder auch die "erheblichen diplomatischen Verwicklungen", denen sich Capus innerhalb seiner Familie ausgesetzt sieht, weil diese den Ich-Erzähler in Fast ein bißchen Frühling für den Autor hält und dieser Ich-Erzähler die platonische Liebe zwischen Dorly und dem Bankräuber mit der ganz und gar nicht platonischen, dafür mit deftigen Details ausgeschmückten Liebesgeschichte zwischen seinen eigenen Großelten konterkariert, die, das muss betont werden, nicht die Großeltern von Alex Capus sind.

Capus' Roman, für den er nach eigenen Angaben 22 Fassungen schrieb, ist eine Art von dokumentarischer Funktion, die ein wenig unter dem bewussten Verzicht auf das Innenleben seiner Figuren leidet. Denn Capus kann zwar amüsant erzählen, doch die Diskretion, die er sich selbst als erzählerische Haltung auferlegt hat ("eine Tür, die geschlossen war, breche ich nicht auf") mindert naturgemäß auch den Grad der Literarisierung. Doch schon in den Geschichten rund um den Roman liegt schon wieder ein neuer Roman.

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