Fassen Sie sich bitte kurz.
Gedanken und Erinnerungen von Vaclav Havel (2007, Rowohlt, hrsg. von Karel Hviz'dala).
Besprechung von Rudolf Stamm in Neue Zürcher Zeitung vom 1.6.2007:

Die Bilanz des Dichter-Präsidenten
Vaclav Havels Memoiren 1990–2003

Der Titel ist missverständlich. Auf Seite 322 des Memoirenwerks «Fassen Sie sich bitte kurz» nimmt Vaclav Havel einen Fernsehmoderator aufs Korn, der die zu den Diskussionen geladenen Gäste ständig dazu anhält, ihre Gedanken möglichst knapp auszudrücken. Daraufhin sind die mit dem Fernsehen nicht vertrauten Gesprächspartner blockiert, flüchten sich in einen Gemeinplatz. Das Authentische ist dahin, die Aussage wird wertlos, aber der nachfolgende Werbeblock wird gerettet. Die banale Szene erinnert an die frühen Einakter Havels, in denen es um scheinbar unbedeutende Vorgänge im täglichen Leben ging, die jedoch das Leben der Protagonisten konditionierten. Damals unter kommunistischer Unterdrückung, heute in der Freiheit; damals als Dissident, danach als Präsident – Havel geht es um das Unverfälschte. Da kann und muss man sich gegen grosses und kleines Unrecht aufbäumen, und dabei kann man sich nicht immer kurz fassen. Havel braucht dafür 408 Seiten.

Existenzielle Details

Der wegen seines Kampfes für Freiheit und Recht mehrfach eingesperrte tschechische Dramatiker und Dissident hat die Bilanz seiner Präsidentschaft dreischichtig aufgezogen. Das Herzstück bilden seine Gespräche mit dem Journalisten Karel Hvízd'ala, einem Stichwortbringer, der nicht nachhakt und das Havelsche Gedankengebäude nicht erschüttert. Das Vorgehen ist nicht unproblematisch; immerhin kommen so die Erläuterungen des Befragten unverfälscht zum Ausdruck. Notizen zum Tage geben sodann die Zeitumstände der neunziger Jahre und zu Jahrhundertbeginn wieder, und abermals schreckt Havel nicht vor der Anführung scheinbarer Banalitäten wie des Blumenschmucks auf der Prager Burg oder des menschenverachtenden Verhaltens eines Catering-Betriebs zurück. Havels Technik schielt nicht nach Volksnähe, sondern verlangt Einfühlung in die existenzielle Situation. Schliesslich lässt er den Leser an den äusseren Umständen der Entstehung des Werkes teilhaben. Die Schichten sind mit dramaturgischem Geschick verwoben, bald stärker, bald lockerer gefügt. Zufällig ist am Mosaik wenig, und der Schreiber selber setzt sich der Beobachtung von drei Seiten aus.

Enttäuschung eines Bürgerrechtlers

Havels politische Philosophie und Ethik ist unverkennbar in der Atmosphäre der geistigen Unterdrückung, der Entfremdung und der materiellen Not seines Landes nach 1948 gewachsen. Er war einer der grossen Vorkämpfer für die Wiederherstellung der durch zwei aufeinanderfolgende Diktaturen zerstörten materiellen und geistigen Werte. Dass dieser Kampf schon unmittelbar nach dem Fall des Kommunismus in Vergessenheit geriet, dass leicht verdientes Geld und Konsumismus zu den bestimmenden Grössen des Lebens aufrückten, hat ihn während der dreizehn Jahre auf dem Hradschin in wachsendem Masse beschäftigt. Nach seiner grossbürgerlichen Herkunft durchaus kein Gegner des Kapitalismus, verabscheute er doch dessen Auswüchse. Ein Rezept, wie die Entwicklung in eine andere Richtung zu leiten gewesen wäre, hatte er nicht, das persönliche Vorbild allein reichte nicht.

Abrechnung mit Vaclav Klaus

Dass nach der «samtenen Revolution» vom Herbst 1989 in Prag die Dinge anders liefen als erwartet, dass die Bürgerrechtler mehr und mehr ins Abseits gerieten, begleitete Havel als Sorge durch die Zeit seines Präsidentendaseins und, wie zahlreiche Stellen im Buch belegen, darüber hinaus. Nach der Beseitigung des Kommunismus hätten Anpasser, die stumm geblieben waren, das Bedürfnis verspürt, auf kraftmeierische Art ihre frühere Erniedrigung zu kompensieren. Ins Visier hätten sie die Dissidenten genommen, weil sie der lebende Vorwurf ihres schlechten Gewissens waren.

Besonders scharf ins Gericht geht Havel in diesem Zusammenhang mit seinem Nachfolger und Gegenspieler Vaclav Klaus, der die Ansicht vertritt, mehr als die Dissidenten hätten sich jene Bürger um den Sturz des Kommunismus verdient gemacht, die raffiniert Loyalität vortäuschten und still den Staat beklauten. Er bedauert lebhaft die innige Beziehung der Polen zu ihrer «Staatlichkeit», ihre Fähigkeit, Opfer zu bringen, derweil es die Tschechen mit dem Ideal hielten, vom Schicksal Geschenke entgegenzunehmen, ohne Kampf, ohne Gegenleistung. Die Abrechnung mit Klaus erfolgt in mehreren Etappen; er ist in den Augen Havels ein aufgeblähter Opportunist, der einer generischen Westorientierung zum Trotz wichtige Entscheidungen wie den Nato-Beitritt und die Visegrad-Kooperation nicht verstand.

Bliebe die Frage, weshalb er den Widersacher in die Regierung holte. Nach Havel war Klaus einer der wenigen Fachleute auf dem Finanzsektor. Alte Freunde meinten, es sei besser, ihn einzubinden, als ihn im freien Raum wirken zu lassen. Später versuchte Havel, Klaus in die Nationalbank abzuschieben, doch der Betroffene beharrte auf dem Amt des Wirtschaftsministers. Havel übersprang den entsprechenden Parteibeschluss und gab dem Drängen von Klaus nach. Auch grosse Männer haben ihre Schwächen. Havel gehört zu den wenigen, die sie eingestehen. Andere tun solche Schwenker als Notwendigkeit der Realpolitik ab, was es ja in der Tat auch war.... Fortsetzung

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