1.) - 2.)

Fancsikó und Pinta.
Geschichten von Péter Esterházy (2002, Rowohlt - Übertragung Zsuzsanna Gahse).
Besprechung von Käthe Trettin in der Frankfurter Rundschau, 17.9.2002:

Schnüre, Perlen
Mora und Esterházy lesen

"Hat Europa einen Rand?" fragte Péter Esterházy. "Wenn ich aus Florenz nach Budapest zurückkomme, habe ich Zweifel, ob ich ein Europäer bin." Europa sei wie eine "pingelige Großtante", die Dazugehörigkeitsregeln überwache.

Mit seinen Europa-Texten intonierte Esterházy jetzt eine Lesung, die zur Veranstaltung "Neues aus Europa: Ungarn" gehörte und vom Europa-Büro der Stadt Frankfurt organisiert wurde. Und weil er das Wort "Europa-Büro" so schön gefunden habe, trug er noch eine kleine Hommage an dasselbe vor.

Analog zu einem Kinderspiel, bei dem man bei Nennung eines bestimmten Wortes etwas in die Strafkasse einzahlen müsse, habe er ein Europa-Konto eröffnet, erklärte Schriftsteller Esterházy, mit gestaffelten Strafeinzahlungen. Am schlimmsten dran ist, wer vom "europäischen Haus" spricht: Beschlagnahmung des gesamten Kapitals.

Nach dieser Kostprobe des mittlerweile als Esterházy-typisch geltenden frechen, listigen Humors präsentierte der Autor dem zahlreich erschienenen Publikum ein altes Buch brandneu. Fancsikó und Pinta, Geschichten auf ein Stück Schnur gefädelt ist der früheste Versuch, das Projekt Familienroman in Angriff zu nehmen, ein Projekt, das in Harmonia Caelestis vorerst seinen Höhepunkt erreicht hat.

Dieser im vergangenen Jahr auf deutsch erschienene umfangreiche Roman, wunderbar übersetzt von Terézia Mora, hat Kritiker zu Lobeshymnen veranlasst. Was aber kann man über die frühen Fingerübungen sagen, im Jahre 1976 in Ungarn veröffentlicht und nun druckfrisch in deutscher Ausgabe auf dem Literaturhaus-Büchertisch?

Wohl nicht jede Geschichte ist gelungen, aber viele sind tatsächlich Perlen auf der Schnur. Am besten ist vielleicht sogar die Schnur selbst, der Rahmen, nämlich dass der kleine Ich-Erzähler-Junge sich zwei lustige, altkluge und manchmal auch dumme Spießgesellen erfindet, eben Fancsikó und Pinta, um das komplizierte Leben mit den immer viel zu beschäftigten Erwachsenen, sprich Vater und Mutter, ins Gleichgewicht zu bringen.

Vor Esterházys Präsentation seines frühesten und zugleich neuesten Buchs, hatte es eine Premiere ganz anderer Art gegeben. Terézia Mora, seit mehr als zehn Jahren in Berlin lebende Ungarin, Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin 1999, die im gleichen Jahr ihr literarische Debüt mit dem Erzählungsband Seltsame Materie hatte, las aus ihrem neuen, noch nicht fertigen Romanmanuskript.

Lesen ist jedoch ein viel zu schwaches Wort für das, was die Autorin, machte. Es war vielmehr ein rasanter Sprechakt, in bestem und akzentfreiem Deutsch, versteht sich, selbst dirigiert durch entschiedene und pointierende Bewegungen des linken Arms: Terézia rast, obwohl sie brav am Tisch sitzt. Alle Tage soll das Buch heißen. Als Strukturelemente erkennbar waren den betäubten Zuhörern mindestens zwei Themen: Zeit und Zeitverlust einerseits, Liebe, Hingabe und Glauben im Kampf mit Skepsis und Zweifel andererseits.

Diese abstrakten Ideen drängen sich glücklicherweise nur selten in den Vordergrund, sondern werden in sprachlicher Konkretion poetisch verarbeitet, mit vielen (möglicherweise zu vielen?) Figuren und Situationen.

Egal, was demnächst die Kritiker über dieses Buch sagen werden, klar wurde bereits jetzt während dieser aufregenden Manuskript-Lesung, dass Terézia Mora weit mehr ist als eine hervorragende Übersetzerin.

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2.)

Fancsikó und Pinta.
Geschichten von Péter Esterházy (2002, Rowohlt - Übertragung Zsuzsanna Gahse).
Besprechung von
Marion Löhnhof in Neue Zürcher Zeitung vom 1.3.2003:

Als der Vater die Tür hinter sich zuschlug
Péter Esterházys Erstling «Fancsikó und Pinta»

Im Alter von 26 Jahren schrieb Péter Esterházy eine phantastische Geschichte, die den Schrecken der Kindheit und die Schönheit ihrer Fluchtwege vermisst. Wie sein grosser Roman «Harmonia Caelestis» und der «Produktionsroman» ist das 1976 in Ungarn erstmals veröffentlichte Werk nach Auskunft des Autors eine Variation «über ein und dasselbe Bild, alle drei sind Familienromane».

Die Titelhelden Fancsikó und Pinta sind weder Menschen noch Dämonen oder himmlische Wesen, sondern eine Mischung daraus: Kopfgeburten des aus dem Rückblick schreibenden Ich-Erzählers, eines kleinen Knaben. Er erfand sich Fancsikó und Pinta als ideale Gefährten, die immer dann stark waren, wenn er es nicht war: Wenn die Eltern stritten und litten, wenn langweilige Spielgefährten zu unterhalten oder unerreichbare Mädchen zu umwerben waren.

«Geschichten auf ein Stück Schnur gefädelt» nannte Péter Esterházy sein Buch im Untertitel. In kurzen Kapiteln werden die Momentaufnahmen dieser Kindheit wie Teile eines nie vollständig werdenden und so zum Teil unverständlich bleibenden Puzzles zusammengefügt. Die Abschnitte tragen in Klammern gesetzte Überschriften, von denen manche wie «Traumross», «Staub und Asche» und «Die drei silbernen Löffel» an Märchentitel erinnern, wohingegen andere wie «Bayerische Motorenwerke» und «Programm» der Entstehung romantischen Zaubers entgegenwirken: Auf diese, schwerelose Zauberwelten gegen die Ernüchterung des oft unerfreulichen Faktischen setzende Weise verfährt der Erzähler auch innerhalb seiner Geschichten.

Fancsikó und Pinta, die sich der Ich-Erzähler als grossmäulige, freche Wesen vorstellt, unterhalten ihn mit grotesken Ausführungen, Vorträgen, Gedichten und phantastischen Abenteuern. Aber es gelingt ihnen nicht, die traurige Wirklichkeit verschwinden zu lassen: Sie ist von den fortwährenden Auseinandersetzungen der Eltern geprägt, die wie «weisse Schleier» an das Ohr des Sohnes im Nebenraum dringen. Im Kapitel «Als mein Vater das letzte Mal die Tür hinter sich zuschlug» heisst es: «Mit kreideweissen Gesichtern standen Pinta und Fáncsikó am äussersten Rand meiner zerschlagenen Phantasie. Sie winkten mir zu, nicht wütend, aber verzichtend . . .»

In zwei sogenannten «Strängen» werden der Zerfall der elterlichen Ehe geschildert und das Leben mit der Mutter als Kind eines getrennten Paares. Grosse Gefühle zeigen sich dabei in nebensächlichen Alltagssituationen. Als die Mutter den Sohn wütend in der Badewanne abschrubbt, erklärt Fancsikó dem irritierten Kind, sie versuche die Erinnerung an den Vater von ihm «wegzukratzen». Die Besuche beim Vater werden zu Ereignissen, in denen Vater und Sohn in manchmal komischen, tastenden Versuchen eine Verbindung zueinander suchen. Sie wird gestört durch die Abwesenheit der Mutter, die Geliebten des Vaters und dessen - verständliche - Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen. Wie in Esterházys Roman «Harmonia Caelestis» erscheint auch hier der Vater als heimliches Zentrum der Geschichte, eine ambivalente Figur, die Unbehagen auslöst, aber doch auch geliebt, bewundert und zugleich belächelt wird. Viele unausgesprochene Fragen schweben zaghaft durch den Text: Wie ist das Verhältnis des Vaters zur Mutter zu beurteilen, wie seine Frauengeschichten? Darf der Sohn sich überhaupt ein moralisches Urteil über ihn anmassen? Im letzten Kapitel erhebt sich der Vater aus dem Bett, das er mit einer Geliebten teilt, und sagt, indem er sich über eine Photographie des Sohnes auf dem Schreibtisch beugt: «Der Hochmut, Chef, hat dich übermannt.»

Obgleich die literarischen Splitter dieser Kindheit so grotesk witzig, elegant entrückt und hochkompliziert erzählt werden, kommen darin auffallend oft Vokabeln vor, die Düsteres anklingen lassen: Viel ist von Tränen und Kummer die Rede; und in Wahrheit findet der Ich-Erzähler nur in seinen Phantasiegestalten Gesprächspartner. Manchmal lugt unverbrämtes Gefühl unter dem Deckmantel der Ironie hervor, aber meist scheint der Erzähler über sein Elend und das der Welt, die er evoziert, spotten und hinter jeden Satz ein Fragezeichen setzen zu wollen: So wird der Stil zum Auffallendsten, Markantesten seiner Geschichte, deren Kunst nicht im Was, sondern im Wie liegt. Manchmal wird darin höchste Verfeinerung und Verspieltheit in der Sprache kindlicher Einfachheit dargeboten: Dann ist es, als hätten Fancsikó und Pinta dem Erzähler die Feder geführt. Und tatsächlich sagt er im ersten Kapitel, dessen Überschrift «Einige Worte, die der Sohn in der Maske eines Vorworts sagt» als einzige nicht in Klammern gesetzt ist: «Fancsikó und Pinta waren meine Freunde, dabei sind sie nichts anderes als zwei Pole meiner damaligen Denkweise, meiner Wünsche und Anstrengungen - in der Verzerrung meines heutigen Wissens und im Licht meines Unwissens.»

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