Familie Salzmann von Erich Hackl, 2010, DiogenesFamilie Salzmann.
Erzählung aus unserer Mitte von Erich Hackl, (2010, Diogenes).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 22.8.2010:

Erich Hackl: Familie Salzmann ohne Ende
100 Jahre, drei Generationen: Welche schmerzt am meisten im neuen Buch des großen Chronisten?

Manchmal, wenn Journalisten ihn nach dem Interview bitten, für sie ein Buch zu signieren, dann kritzelt er hinein: "Für den Kollegen ..." Dann fühlt man sich zwar geschmeichelt, aber eigentlich tut's weh.

Erich Hackl war leider nie Kollege. Nicht bei "Abschied von Sidonie", nicht später bei "Als ob ein Engel" und schon gar nicht bei der "Familie Salzmann", seinem neuen, seinem literarischsten Werk. Er ist ein um Wahrheit bemühter Schriftsteller, der sich nicht aufbläst, sondern sich durch die Form der Dokumentation künstlerisch einschränkt, um bindend sein zu können.

... und dann kommt der 56-jährige gebürtige Oberösterreicher dahergeschlapft, in ein türkisches Lokal auf dem Wiener Mexikoplatz, das er fürs KURIER-Gespräch ausgesucht hat: Warum ist er nicht abgehoben wie - hier passt es - seine Kollegen?
"Ich bin ja gar nicht da", antwortet er. "In meinen Büchern geht es um Aurora, Sidonie, Salzmann. Ich stelle mich hinter meine Protagonisten. Ich bin gut geschützt."

"Familie Salzmann" ist ein Erinnerungsbuch ohne Ende. Dass es mehr Widerstand gegen Hitler gegeben hat als von Stauffenberg und den Geschwistern Scholl, wird gezeigt. Und das Leben in Zuchthäusern der Nazis wird gezeigt. Es kommt in der Literatur selten vor.

Welchen Abschnitt nimmt man sich am stärksten zu Herzen?
Erste Generation: Hugo Salzmann, 1903 in einem deutschen Kurort geboren, sieht im Unrecht nichts Naturgegebenes. Der Metalldreher stellt sich sogar bei einer Nazi-Kundgebung aufs Rednerpult und steckt Prügel weg. Ein Antifaschist und Kommunist, der in die Steiermark heiratet. Nach Stainz.

Juliana ist die Abwesende in diesem Buch: Hugo flüchtet in nach Paris, wird gefangen, verurteilt, überlebt. Juliana stirbt im 1944 KZ Ravensbrück an Entkräftung. Hackl druckt zwei Briefe von ihr ab, die voll Wärme sind.

Bei Mutter

Zweite Generation: Deren Sohn heißt ebenfalls Hugo, und bis heute - 77 ist er - bemüht er sich, seiner Mutter nahe zu sein. Mit der Widerstandskämpferin Rosa Jochmann (gestorben 1994), die mit Juliana eingesperrt war, konnte er nie reden.

Hugo wurde von seiner Tante am Leben gehalten. Nach dem Krieg - das Vater-Sohn-Drama. Der alte Salzmann hatte sich nie um den Jungen gekümmert. Auch nicht, als er hätte können. Jetzt forscht er Nazi-Verbrecher aus. Sein Sohn geht in die DDR. Aber flüchtet, enttäuscht von diesem Sozialismus, zurück in die Steiermark. Vater hat ihn deshalb nie mehr angeschaut.

Hackls Buch hat den Untertitel "Erzählung aus unserer Mitte". Deshalb die dritte Generation, die Gegenwart: Das Enkelkind bekommt einen Job bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Graz. 24 ist Hanno. Einmal sagt er im Büro: "Meine Oma ist in einem KZ umgekommen." Das reicht, um ihn zu mobben. Hier und jetzt. Das reicht, um ihn "Oberrabbiner" zu nennen und "Hitler lebt!" zu rufen.

"Ich habe nichts gegen Juden", sagt der Abteilungsleiter, bei dem sich Hanno beschwert. "Ich bin kein Jude." Macht ja nichts, Hanno möge nicht so sensibel sein.
Wer bekommt die Kündigung? Hanno bekommt die Kündigung. 100 Jahre wahres Leben auf 179 Seiten. Jede geht uns etwas an. Einige handeln von Liebe, Treue. Die meisten aber sind wie ein Stich.

KURIER: Was ist es, was Sie antreibt? Den Menschen ihre Namen zurückzugeben? Ihr politischer Anspruch?
Erich Hackl: Dieser Anspruch besteht eigentlich darin, dass ich für die Leute schreibe, über die ich schreibe.

Und der Familie Salzmann geht's darum, dass ihr Leben die Leser bewegt?
In diesem Fall könnte es sogar zu einer Familienzusammenführung kommen. Hoffe ich. Eine Halbschwester lebt noch irgendwo und höchstwahrscheinlich auch eine Cousine.

Wenn Hackl von einem Kastanienbaum schreibt, den man 1943 durchs Fenster des Vernehmungsraums im Pariser Polizeigefängnis sehen konnte, so darf man sicher sein: den gab es. Diesmal kann man auch sicher sein, dass man den Baum beim Lesen sieht. Man wird nach ihm greifen. Man wird ihn fassen können.

Kritik: "Familie Salzmann"

Erich Hackl beklagt, dass er für manche einfache Beschreibungen in "Familie Salzmann" Tage gebraucht hat. Ist es ein Wunder? Er wird immer strenger und achtsamer, was die Wahrheit betrifft. Er wird knapper. Er will jenen Menschen, über die er schreibt, immer näher kommen. Sein Schreiben ist abhängig vom Material, von den Quellen. Das Gerüst, das dadurch entsteht, lässt ihm keine freie Wahl, wie er seine Erzählung gestaltet. Hackl sagt, er sei bloß ein Chronist. Die Wahrheiten, die er dadurch an den Tag bringt, sind nicht nur zumutbar: Vor allem in seinem neuesten Buch sind sie Literatur.

KURIER-Wertung: ***** von *****

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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