Familienleben.
Roman von Viola
Roggenkamp (2004, Arche-Verlag).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 14.04.2004:
Gefüttert mit Küssen
Viola Roggenkamp erzählt in ihrem hinreißend
einfühlsamen, verzweifelt komischen, heiter kritischen Roman ein deutsch-jüdisches
Familienleben in Hamburg
Eine marode Villa im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude. Dort lebt Paul Schiefer, Vertreter für Brillengestelle, mit seiner Frau Alma, seiner Schwiegermutter Hedwig und den beiden Töchtern Vera und Fania. Eine Familienidylle mit Abschieds- und Begrüßungsküssen an der Terrassentür und Tischtennispartien im großen Garten. Eine ganz normale Familie mit einer sehr speziellen Geschichte. Denn, so beschreibt es die dreizehnjährige Fania: "Vera und ich bestehen aus drei Teilen, so kompliziert sind wir, jüdisch, nicht jüdisch und deutsch".
Im Haus der DenunziantinDenn sie waren ja nach 1945 nicht auf einmal
verschwunden, die deutschen Nachbarn, Lehrer, Vorgesetzte, Beamte, die vorher
mitgelaufen waren, schikaniert und verraten hatten. Lebte man doch in einem
Land, in dem viele ehemalige Täter unbestraft ihrer Wege gingen, das alte
Gedankengut in den Köpfen unbeschadet fortexistierte, und jüdische Überlebende,
wie Alma Schiefer, noch immer zusammenzuckten, wenn es an der Tür klopfte. In
einem Land, in dem fast nichts mehr übriggeblieben war an jüdischem Leben und
jüdischer Kultur, und das Wort "Jude" oder "jüdisch" auch
zweiundzwanzig Jahre nach Kriegsende wie ein Tabu umgangen wurde.
Noch immer bestimmen die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit die
Kindheit der Schwestern. Von der Schule zurückgekehrt, dürfen sie den
elterlichen Garten nicht verlassen. Keine alleinigen Streifzüge durchs Viertel,
Stadtbummel, Kinobesuche. Sobald Vera und Fania aus dem Gesichtskreis ihrer
Mutter verschwinden, fällt diese ansonsten hypervitale, mutige,
durchsetzungsstarke Frau in panische Furcht.
Die beiden leben in einem einzigartigen Kokon aus Liebe, Fürsorge, Trennungs-
und Verlustängsten. Eine Welt, in der die verschwenderisch unter den
Familienmitgliedern ausgeteilten Küsse nicht nur Zärtlichkeitsbezeugungen
sind, sondern auch Gesten zur "Beschwichtigung, zur Beruhigung, zum Zeichen
des Einverständnisses und zum Wiederfinden aus der Verlorenheit, meine Eltern füttern
uns mit Küssen, und wir füttern sie, wir lecken ihnen ihre Unruhe aus dem
Gesicht."
Aus der Liebesgeschichte der Eltern, die sich noch immer gegenseitig vergöttern,
könnte man einen Hollywoodfilm machen - finden die Töchter. Paul Schiefer, ein
sanfter, weicher Mann mit Magenproblemen, hatte seine blutjunge Alma nicht
sitzen lassen, als er erfuhr, dass sie Jüdin war. Er schützte sie in den
Zeiten der Verfolgung. Und auch nach über zwanzig Jahren Ehe sitzt seine
liebevolle Sorge um sie noch tief, wenn er sagt, er möchte einmal, dass seine
Frau vor ihm stürbe, "damit ich sie in Sicherheit weiß".
Die Mutter wiederum war im Zorn aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, weil es
nicht möglich war, zusammen mit ihrem deutschen, nicht-jüdischen Mann nach
Israel auszuwandern. Die Figur der Alma in Viola Roggenkamps zugewandt einfühlsamem,
furiosen wie liebevoll-kritischen Porträt, ist ein Vulkan an hitzigem
Temperament, eine noch immer höchst attraktive Frau unter Strom, dickköpfig,
dogmatisch, eloquent, charmant, kokett, wenn sie sich "rasch ein Lächeln
umwirft" - für heranwachsende Töchter gewiss ein erdrückendes Vorbild.
Vera die achtzehnjährige rebelliert denn auch heftig gegen die Mutter, während
die sehnsüchtig ihre Pubertät herbeiwünschende Fania aus ihrer Erzählerperspektive
heraus minutiös die Positionskämpfe der anderen studiert und analysiert. Denn
dieses Familienleben besteht überwiegend aus Frauenleben - der Vater verlässt
jeden Montagmorgen das Haus mit seinen Musterkoffern und kehrt am Freitag
"zum Happyend der Woche" zurück.
Betrogen ums Leben
Unterdessen reibt sich seine Frau am
Zusammenleben mit ihrer Mutter, die sich "aus dem Leben der Tochter saugt,
worum sie in ihrem eigenen betrogen wurde". Hedwig Glitzer, geborene
Wasserstrahl, die einen Schuss Sahne an die Bratensoße tut, obwohl das nicht
ganz koscher ist und sich regelmäßig mit ihren Freundinnen, dem
"Theresienstädter Kränzchen" trifft, ist es, die ihrer Enkelin Fania
am meisten Auskunft geben kann über ihre verschwundene jüdische Familie, von
der sie jüdische Bräuche und Worte lernt. In kleinen Andeutungen nur tut sich
eine Welt auf an Farbigkeit, Kraft, Witz, Menschlichkeit - Alltagsleben einer jüdisch
geprägten Familie, eine heute seltene Kostbarkeit an Kulturgeschichte, auch von
Kulturgeschichte in Deutschland.
Ein grandioses Beispiel dafür, wie die Autorin Vorhandensein und Verdrängung
des Jüdischen erzählerisch sinnlich macht, ist die folgende Szene, in der es
vordergründig um den strahlenden Tenor und die Gesangskunst von Vater Paul
Schiefer geht: "Richard Tauber, sagt meine Großmutter versonnen. Er sang
besser als Richard Tauber, sagt meine Mutter. Der auch, sagt meine Großmutter,
der auch, fragt meine Mutter, ja, sagt mein Vater, der auch, wusste ich gar
nicht, dass der auch, sagt meine Mutter, stimmt das denn, aber ja, sagt meine
Großmutter, der auch, wenn ich es dir sage, was auch, was auch, knirscht Vera
nervös, sie kann es nicht leiden, wenn es in der Erzählung unerwartet holpert,
Jude, sag ich, ach sagt Vera und lässt ihr mit Butter und Krabbensalat belegtes
Brötchen vor ihrem geöffneten Mund schweben, Richard Tauber jüdisch, woher
weißt du das denn, Fania, und ich sage, wenn sie so reden, was soll er sonst
sein."
Nicht nur diese Szene sieht man beim Lesen
plastisch vor sich. Viola Roggenkamp ist eine Erzählerin von hohen Graden, die
traumverlorene, poetische Phantasien und komplizierte Seelenlagen eines
Teenagers genauso gut einzufangen versteht, wie die beklemmend peinlichen
Wortwechsel zwischen Grauen und Komik beim Besuch der nicht-jüdischen väterlichen
Verwandtschaft. Sie versteht sich auf den vielbeschworenen jüdischen Witz -
wenn es mit Lust am Makabren heißt, Tante Betty habe "ihre
Wiedergutmachung im Mund, damit sie ihr niemand klauen kann", oder wenn sie
die wunderbaren Dialoge unter den Damen des Kaffekränzchens mit tief-schwarzem
Humor wie kleine Sketche präsentiert.
Ein Zentrum des Buches ist ganz gewiss das wahre Märchen von Alma und Paul: ein
wunderschönes, anrührendes Denkmal für eine Liebe, eine Lebensgeschichte, von
der die Autorin ihre Heldin Fania denken lässt, dass die ihrer Schwester und
ihre eigene nie daran heranreichen werden. Eine Geschichte über unverbrüchliche
Treue, Leidenschaft, Mut, Aufrichtigkeit, Toleranz, Charakter in guten und
schlechten Zeiten.
Tradition des Memorierens
Die andere Geschichte handelt von Schwesternliebe
und Erwachsenwerden. Von den kleinen Intimitäten, der offenen und heimlichen
Bewunderung, den Sehnsüchten und dem Beneiden, von einer im Leben vielleicht
einzigartigen Vertrautheit zwischen großer und kleiner Schwester. Eine
Beziehung, in der man auch den Schlüssel für das eigene Erwachsenwerden
entdecken kann, den Weg hinaus aus dem großen Harvestehuder Garten der
Kindheit.
Ein an großen und kleinen Geschichten reiches Buch, das seine vielen kleinen
"Erinnerungsscherben" zusammenfügt zu einer literarischen
Selbstvergewisserung und zu einem über das persönliche Schicksal
hinausweisenden, universellen Gedächtnis. Kein Wunder, denn, so sagt Viola
Roggenkamp: "Memorieren, das ist eine alte jüdische Tradition".
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