Familienfest von Anna Mitgutsch, 2003, Luchterhand

Familienfest.
Roman von Anna Mitgutsch (2003, Luchterhand).
Besprechung von Primus-Heinz Kucher aus Rezensionen-online *LuK*:

Grandioser Zerfall
Anna Mitgutschs Roman "Familienfest"

Bilder aus einem Familienalbum, so der rückseitige Klappentext, stellt der neue Roman der amerikaerfahrenen Autorin Anna Mitgutsch in Aussicht, Bilder "vor dem Hintergrund der zur Metropole wachsenden Hafenstadt Boston". In der Tat betritt Mitgutsch mit ihrem Roman ein erwartungsweckendes, aber auch vielbeackertes, Klischierungen wie Anfeindungen ausgesetztes Terrain. Den lauernden Blick der Kritik im Nacken, die mit Familienromanen mitunter ihre Schwierigkeiten hat, sofern diese abseits deutscher Jahrhundert-Katastrophen, österreichischer Hinterfotzigkeiten oder vertrackt-verkünstelter Nabelschau nach anderen Horizonten Ausschau halten, wagt sich die Autorin an ein großes Thema heran: die Nachzeichnung des Zerfalls einer über fünf Generationen vorangetriebenen Integration, auch partiellen Assimilation, einer jüdischen Familie sefardo-levantinischer Prägung in und an den amerikanischen Traum. Bereits die erste Seite rückt diese Perspektive in den Vordergrund: Edna, die unumstrittene Patriarchin, Tochter des schillernden Clan-Begründers und Einwanderers Joseph Leondouri, bereitet in einem Zimmer ihres Hauses heimlich den Bruch mit ihrem sozialen Umfeld vor, d. h. die Übersiedelung in ein Altersheim, während in einem anderen Zimmer noch einmal Pessach im Kreis der Familie gefeiert und die genealogische Ordnung illusionär beschworen werden soll. Vom Ansatz her gewiss auch als dankbares Motiv der Identifikation mit dem jüdischen Festkalender und quasi als subtiles Seitenstück zu austriakischen barockkatholischen Schreib-Liturgien fassbar, bedeutet das Pessachfest für Edna und für den Roman eigentlich viel mehr: die Möglichkeit, eine große Stärke auszuspielen: das wohltemperierte Eintauchen in das Erzählen und dessen komplexe Konturen, meist Überblendungen von Zeit und Erinnerung. Vermeintlich sichtbare, Gewissheit suggerierende Grenzen und memoriale Bezirke zerfließen in gekonnt ineinander geschichteten fragmentarischen flash backs, die das Weiterleben in den aus- wie unausgesprochenen Landschaften, aus denen Ednas Gedächtnis geformt ist, ermöglichen und fortbestehende Fremdheiten, subtile borderlines, unerfüllte Begehren und Träume, mit einem Wort: lebenslange Kränkungen durch moduliebare Formgebung in der erzählten Erinnerung erträglich erscheinen lassen.

Zwar ist der Text in drei Abschnitte klar gegliedert, die jeweils eine Gestalt aus drei verschiedenen Generationen dieser Familie ins Blickfeld stellen, doch der Edna-Strang überlagert das gesamte Geschehen, reißt nie völlig ab und bewegt sich konsequenterweise auf ihren Tod zu. Auf den vielen Seiten dazwischen entfaltet sich freilich ein schillerndes Panorama, in dem die Akzente auf innerfamiliäre Katastrophen zu liegen kommen und nur signalhaft die denkbaren großen Themen der Geschichte (Prohibitionsjahre, Krieg, Vietnam, Rassenkonflikte) aufblitzen. Besonders im narrativen Umgang mit dem familialen Kosmos, ein ununterbrochen ausfransender (dem Band ist daher eine hilfreiche Genealogie vorangestellt), zeigen sich die Stärken des Buches. Den allseits lauernden Versuchungen, sich mäandernd in Erinnerungen zu verlieren und auf lässig triviales Konversationsgerede abzurutschen, begegnet Mitgutsch mit einer präzisen narrativen Regie, der es gelingt, die Erinnerungsarbeit zu reflektieren, auf jeweils tiefer liegende Schichten aufprallen zu lassen und das banal Formelhafte in manchem Gespräch als figurenadäquat, situationsgerecht und damit wieder als semantisch plausibel zu markieren. Der mythenumrankte Clanbegründer, an dem sich einerseits eine faszinierende Familiengeschichte zurück in die kabbalistische Welt der Sefardim, ihre Vertreibung aus Kastilien und Flucht auf den Peloponnes andeuten lässt, entpuppt sich in seiner Alltäglichkeit als durchaus profaner Lebemensch, der die Existenz seiner Familie durch anrüchige Geschäfte im Hafenviertel, durch Beziehungen jenseits der Legalität - er gilt als kleiner "Pate" - sicher stellt. Womit auch eine der gar nicht seltenen Grenzüberschreitungen angesprochen wird, die der ebenso sichtbaren wie programmatisch einbekannten Verankerung des Romangeschehens in jüdischer Kultur und Lebenswelt - "schließlich seien auch Familiengeschichten eine Art Haggada" - gegenüberstehen. Amerika erscheint Edna einerseits als "goldene medinah" und schlägt andererseits, eine Generation später, durch die korrodierende Macht der Integration und Assimilation Stück für Stück aus der kulturell-religiösen Geborgenheit heraus. Das beginnt bei den Namen der Nachkommen, die aus Gründen der Konvenienz und Integration protestantische sind - quasi ein Opfer an Thanksgiving - und bei religiösen Anlässen gegen jüdische, gegen einen "Geheimcode", eingetauscht werden, und gipfelt in umstrittenen Mischehen, Ausgrenzungen und radikalen Abwendungen. Symptomatisch auch der Exodus aus dem einst jüdischen Viertel Dorchester in den 60er Jahren, das als Folge von Bauspekulation, Rassenkonflikten und sozialem Aufstieg zum schwarzen Slum verkommt. Unverkennbar spinnt diese Exodus-Erfahrung das Grundmuster der Diaspora weiter und taucht an Schnittstellen der Edna-Erzählung öfter auf.

Edna ist zweifellos eine starke Frauengestalt, fast ein Gegenentwurf zu den fragileren, in sich gebrochenen der vorangegangenen Bücher, zu Hildegard/ Dvorah oder zu Nadja, um nur zwei zu nennen. Sie trägt die schwere Last einer persönlichen Katastrophe und fühlt sich verpflichtet, die familiären Verstrickungen in scheinbarer Gelassenheit mitzubetreuen. Stück für Stück legt Edna in ihren Erinnerungen (wenige) unbeschwerte sowie eine Reihe trister, auch feiger Episoden frei, etwa das Scheitern ihrer ersten Ehe nach einem Autounfall, der ihr eine Behinderung, den unauslöschbaren Makel einer sorgsam verhüllten Beinprothese eingetragen hat und in eine nachfolgende Konvenienzehe, in "unerfüllte Leidenschaften" mündete. Wäre da nicht die Familie mit ihren zahllosen Lebenskatastrophen; erst in deren Archivierung und narrativen Verwaltung kann sie Halt finden, so auch im Gespräch über die vom Vater dekretierte Verleugnung der Schwester nach deren (kurzer) Ehe mit einem grobklotzigen irischen Hafenarbeiter, der im Suff zum wüsten Antisemiten auszuarten pflegte.

Während in Adina, der zur Frau heranwachsenden Großnichte, im Schlussteil eine geradezu unkomplizierte Lichtgestalt aufblitzt, gehört der Großneffe Marvin, Professor an einem College und Protagonist im zweiten Teil des Romans, zur Galerie der vom Leben Geschlagenen, zum Strandgut des amerikanischen Küstentraum(a)s. Angezogen vom "schlampigen Charme einer ewigen Boheme" verfängt er sich im Kleinbürgerkitsch des Aufsteigers und scheitert in seiner Beziehung mit Carol, einer selbstbewussten, zum Judentum konvertierten Pastorentochter, als der gemeinsame Sohn nach einem Autounfall zum lebenslänglichen Pflegefall wird. Früher attraktiv und überlegen, mit Ednas Sohn in eine Affäre verstrickt, sieht sie sich zurückgeworfen auf eine blasse Kameradin des Unglücks, die den alternden Filou nach seinen Fluchtfahrten, seinem nutz- und fruchtlosen, fast kindlich-trotzigen Aufbegehren um ein banales (weil sexistisches) Recht auf Glück, missmutig aufnimmt in die finale Stummheit eines leeren Hauses. Gefahren wird überhaupt viel im Roman, auf Ausfallsstraßen, der Küste oder Peripherien entlang, wobei die Faszination der einsamen Straßen spiegelbildlich der übertünchten Leere mancher Figuren zu korrespondieren scheint. Eine Leere freilich, die Mitgutsch stimmig bis ins Detail auszugestalten vermag. Auch das Nebensächlichste, Disparate hat Teil an dieser grandiosen Verfallsmaschinerie: die (klassische) Beschreibung von Dünenstränden ebenso wie eine Autofahrt nach Vermont, der Hinweis auf die größte Achterbahn Amerikas in Hampton Beach nicht minder als eine deprimierende Fresshalle im campusnahen Brockton, der Endstation resignierter Fast-Food-Junkies. Dort hätte man sich Marvin nach seinem kläglich abgestürzten erotischen Internetchat auch narrativ entsorgt vorstellen können. Könnte die eine oder andere Konstellation auch schärfere Akzente, Zuspitzung oder mehr Widerständigkeit, vertragen, z. B. jene der Verstrickungen in das semikriminelle Paten-Milieu oder das der merkwürdig prickelnden Distanz Adinas zu ihrer Mutter, so vermag dies nichts am grundlegenden Eindruck zu ändern: dieser Roman ist ein glanzvoller Beweis dafür, dass Mitgutsch zu erzählen versteht, indem sie vordergründig private Erinnerungen und die in ihnen verdeckte, mittönende größere Geschichte, aber auch den verborgenen, den verdrängten Schmerz ihres Stimmenensembles zu einer hochpoetischen und komplexen Komposition zu fügen weiß.

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