Familienbrand
Roman von Vladimir Zarev (2009,
Deuticke - Übertragung Thomas Frahm).
Besprechung von Wolfgang Kühn in DUM
- Das alternative Magazin, 2009:
Ganze 783 (!) Seiten umfasst der 2009 bei
Deuticke erschienene Roman "Familienbrand" des 1947 in Sofia geborenen Vladimir
Zarev. Zu verdanken haben wir dieses großartige Stück Bulgarien nicht nur dem
Autor selbst, der in seiner Heimat bereits 15 Romane veröffentlicht hat, sondern
auch seinem in Österreich seit seinem Debütroman "Engelszungen" bestens
bekannten Landsmann Dimitré Dinev, der
Vladimir Zarev wie es auf gut österreichisch so schön heißt, die Rutsche zu
Deuticke gelegt hat. Dinev war bzw. ist von
Zarev, der als einer der wichtigsten Autoren Bulgariens gilt, so angetan, dass
er gerüchteweise Zarevs Bücher in weiten Hosen aus bulgarischen Büchereien
geschmuggelt haben soll, nur um dessen (vergriffene) Literatur zu besitzen …
783 Seiten, zwei Bücher in einem, wenn man so will, das erste Buch beginnt so
wunderbar skurril, dass man den Roman am liebsten gar nicht mehr aus der Hand
legen möchte. Der alte Weltschev, am (Sterbe-) Bett liegend, fühlt, dass es mit
ihm zu Ende geht und bittet seine Frau um eine Kerze. Diese, von ihrem Mann
zeitlebens zum Narren gehalten worden, denkt an einen weiteren dummen Scherz und
steckt ihm eine Stange Lauch zwischen die gefalteten Hände. Doch der alte Assen
Weltschev haucht tatsächlich sein Leben aus, seine Hände schon in Totenstarre
zum den Lauch gekrallt, so dass der alten Petruniza gar nichts anderes übrig
bleibt, als den Lauch mit ihrem zahnlosen Mund abzuknabbern. Nun liegt es an
Petruniza Weltschev die Familie, bestehend aus vier völlig konträren Söhnen und
einer hellsehenden Tochter zusammenzuhalten.
"Wundersame Sätze"
Ort der Handlung des ersten Buches ist die verschlafene Kleinstadt Vidin an der
Donau, wir steigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Roman ein, zu einer
Zeit, als die politischen Ereignisse auch vor Vidin nicht halt machen. Die
Brüder Weltschev versuchen ihr Glück auf unterschiedliche Art und Weise. Panto
macht Karriere als Banker, jedoch mehr durch glückliche und gleichzeitig
unglückliche Verheiratung, Ilija profiliert sich als Fabrikant und Ausbeuter,
Christo wird unfreiwillig zum Helden des Volkes und Jordan, der Träumer, baut
Luftschlösser, ähm Kirchen, doch anstelle einer Stätte der Ruhe entsteht eine
Gaststätte, auf ihre ganz eigene Art sind alle vier zum Scheitern verurteilt.
Das erste Buch zeichnet ein wunderbares Sittengemälde einer kleinen bulgarischen
Stadt, Weinen und Lachen liegen eng beieinander, im zweiten Teil des 1978 in
Bulgarien erstmals erschienenen Romans verlagert sich die Handlung in die
Hauptstadt Sofia, wo wir dem verbliebenen Rest der Weltschevs und deren Kinder
wieder begegnen, das Geschehen wird zusehends politischer, die Wirren des
Krieges machen auch vor Bulgarien nicht halt.
"Wundersame Sätze sind das, die einen jung und mächtig und leidenschaftlich,
aber auch weise, zärtlich und gut machen können." Urteilt Dimitré Dinev am
Buchcover - dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!
Fazit: Ein nicht nur dicker, sondern auch großer Roman! Ein Muss für alle, die
slawische Literatur und slawische Mentalität lieben! 783 Seiten - der Winter mag
ruhig kommen!
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