Familie Jäger.
Zwei kurze Romane von Claire Messud (2004, DVA - Übertragung Dora Winkler).
Besprechung von Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 31.07.2004:

Wohltemperiertes Unbehagen
Zwei Kurzromane von Claire Messud

Wenn sich im Titel «Eine einfache Geschichte» ankündigt, steht in der Regel das Gegenteil zu erwarten: So auch im gleichnamigen, gut hundertseitigen Text der 1966 geborenen Claire Messud, der jetzt zusammen mit «Familie Jäger», einem weiteren Kurzroman, in deutscher Übersetzung vorliegt. Messuds Eltern sind französischer und kanadischer Herkunft, sie selbst ist in den USA aufgewachsen; daher mag die Selbstverständlichkeit rühren, mit der die Schriftstellerin ihre Figuren in wechselnden geographischen und historischen Kontexten situiert.

Die «einfache Geschichte» beginnt immerhin mit einer Odyssee durch die Arbeits- und Auffanglager des Zweiten Weltkriegs: wobei der dramatische Auftakt gebrochen wird durch die bodennahe Perspektive der Protagonistin. Maria Poniatowski, in einem ukrainischen Bauerndorf geboren, ist mit Dürftigkeit und Kälte von Kind auf vertraut; erträgt nach der Deportation den Hunger und die Zwangsarbeit bei Krupp auf die einzig mögliche Art, indem sie Hoffnung und Begehren auslöscht. Maria überlebt Bombardements und Flucht, wird als «displaced person» durch weitere Lager geschleust, findet sich am Ende mit Ehemann und Kind im gastfreundlichen Kanada wieder; dort wird sie als Haushalthilfe von bessergestellten Damen beschäftigt, die «ein unausgesprochenes Mitleid mit ihrem unausgesprochenen Leid» empfinden. Aber ihr bleibt der verengte Blick, der nur das ängstliche Behüten der endlich erlangten kleinbürgerlichen Häuslichkeit kennt: Den Tod ihres Ehemanns etwa verwindet Maria, indem sie die gemeinsam benutzten Möbel und Teppiche unter Schonbezügen aus Plastic und billigen Läufern konserviert - und dabei gleich noch die Beziehung zu Sohn und Schwiegertochter in diesem gehorteten Raum erstickt, der nichts Fremdes und Neues zulassen will. Nur dem Leser teilen sich die sparsamen Regungen in diesem schmal gespurten Leben mit, die nicht nur das «unausgesprochene» Leid, sondern auch - und hier berührt die Erzählung am meisten - die winzigen, spät eroberten Freiräume ausmessen.

Deutlicher und trüber zeigen sich die Unterströmungen im ebenfalls rabiat kanalisierten Leben der Ich-Erzählerin von «Familie Jäger». Nach menschlichen und beruflichen Enttäuschungen hat sich die amerikanische Wissenschafterin für einen Sommer in einer Londoner Wohnung eingemietet, um ihre Recherchen zu Sterben und Tod im England des 18. Jahrhunderts voranzutreiben - eine wenig ermunternde Beschäftigung, für die sich die Protagonistin mit in trotziger Einsamkeit verzehrten Leckereien aus dem Hause Marks & Spencer entschädigt. Da drängt sich eines Tages ungerufen die Nachbarin mit ihrem reizlosen breiten Gesicht, ihrer «blechernen Ausdünstung von Unglück», ihrem gepressten Kichern ins abendliche Essritual: Ist diese molluskenhafte Vertreterin der «Pflegebranche» eine Art Billigversion der Nemesis, wie ihre bekümmerten Andeutungen über den raschen Hinschied ihrer Patienten glauben machen? Oder ist es vielmehr die Ich-Erzählerin, die bald schon spinnengleich ein Netz aus abwegigen Phantasien um eine vom Schicksal vernachlässigte Kreatur auslegt, um damit dem eigenen, in Ennui und Frustration versumpfenden Leben einen armseligen Kick zu verpassen? Der Text scheint das Material zur Beurteilung dieser Fragen nur bereitzustellen, um es der vorschnellen Anwendung mit taschenspielerhafter Geste wieder zu entziehen.

Wenn es ein wohltemperiertes Unbehagen gäbe: dann liessen sich Claire Messuds exakt austarierte Texte als Etüden in dieser Stimmung lesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © NZZ