Fama von Hans-Joachim Neubauer, 2001, Manutius1.) - 3.)

Fama.
Eine Geschichte des Gerüchts von Hans-Joachim Neubauer (1998, Berlin-Verlag).
Besprechung von Nikolaus Stemmer bei Amazon:

Hätte man auf dem Höhepunkt des Lewinksky-Clinton-Skandals ein passenderes Buch vorlegen können? Keine Frage, Hans-Joachim Neubauers Kulturgeschichte des Gerüchts kommt zur rechten Zeit. Andererseits: Wann käme ein Ausflug ins "Reich des Hörensagens" je zur Unzeit?
Gerüchte gibt es, seitdem Menschen miteinander reden. Formeln wie "man sagt", "es heißt", "ich habe gehört" nimmt jeder in den Mund. Wen interessiert es, ob es wahr ist? Wichtig sei nur, schreibt Neubauer, daß es aktuell ist. Die Sache mit der Glaubwürdigkeit erledigt sich von selbst. "Es ist so, weil es alle sagen, und alle sagen es, weil es so ist." Wo sollte man da einhaken? Neubauer, von Haus aus Literaturwissenschaftler, nähert sich der vielgesichtigen Figur des Gerüchts als rhetorischem Phänomen. Für ihn sind Gerüchte selbstbezüglich, immer zugleich Information und Verweis auf die Kommunikationssituation: "Wer sie erwähnt, meint eine Nachricht und zugleich ihr Medium, die Botschaft und den Boten." Deshalb sei nicht schon das ein Gerücht, was alle sagen, "sondern das, von dem man sagt, daß es alle sagen"

Den Versuch einer theoretischen Fixierung der Fama unternimmt Neubauer nur kursorisch. Das trägt viel bei zum Vergnügen an diesem Buch, ohne daß man sich intellektuell unterfordert fühlen müßte. Im Vordergrund stehen die Episoden aus der abendländischen Gerüchteküche, an denen Neubauer sein Fama-Modell ausprobiert. Der Parcours führt von Vergil und Ovid über die römischen Imperatoren zur allegorischen Literatur und Kunst der Renaissance und des Barock und endet im Internet -- Neubauers Geschichte des Gerüchts ist also auch eine Geschichte des Medienwandels. Im Zentrum des Buchs steht allerdings die Frage nach dem historischen Zusammenspiel von Krieg und Gerücht. Beispiel Zweiter Weltkrieg: Hier diente die Gerüchteproduktion gezielt als strategisches Instrument psychologischer Kriegsführung. Auf deutscher wie auf amerikanischer Seite war längst nicht mehr die Flut der Gerüchte, sondern nur noch der Schaden zu begrenzen: "Feind hört mit" oder "Zip your lip and save a ship".

Ein kluges, gutgeschriebenes Buch, ein Beispiel dafür, daß Wissenschaft keineswegs trocken, geschweige denn der Zeit hinterher sein muß. Dies ist mit Sicherheit eine der ersten Kulturgeschichten, die im Register zwischen Lessing und Louis XV. den Namen einer gewissen Praktikantin aufführt.

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Fama von Hans-Joachim Neubauer, 1998, Berlin-Verlag2.)

Fama.
Eine Geschichte des Gerüchts von Hans-Joachim Neubauer (1998, Berlin-Verlag).
Besprechung von Daniel Speich aus der Neue Zürcher Zeitung:

Von der Macht des Hörensagens
Die Geschichte des Gerüchts nach Hans-Joachim Neubauer

Bedeckt mit unzähligen Augen, Ohren und Zungen, geistert Fama, die Göttin des Gerüchts, als allegorische Darstellung durch die Geschichte der europäischen Kultur. In der einen Hand hält sie das «schwarze Blechhorn Übelruf», in der anderen lockt die «Goldtrompete Lobeklar». Oft schreitet sie kräftig aus – und erlangt im Gehen schliesslich jene Kraft, die auch ihren göttlichen Brüdern, den Giganten, eigen war. Sogar der angeblich mächtigste Mann der Welt kann sich ihr nicht entziehen: Bill Clintons Glaubwürdigkeitsprobleme begannen mit der Reaktion auf ein Gerücht. Für einmal wurde seine Agenda von dem bestimmt, «was die Leute sagen».

Die Furcht davor kannten schon die alten Römer. Pheme, Fama, Rumor – das Hörensagen scheint eine Konstante menschlicher Vergesellschaftung zu sein. Wie kann da einer eine Geschichte des Gerüchts schreiben? Wohl nur dank einem sanften Ebenenwechsel. In Hans-Joachim Neubauers «Fama» verschwinden die Gerüchte in den Untergrund und machen einer Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Hörensagen Platz. Sein Buch untersucht die Funktion der Bildung antiker Mythen über Pheme und Fama, es stellt literarische Werke vor, die sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, und es handelt von der wissenschaftlichen Gerüchteforschung der neuesten Zeit. So entsteht eine Meta-Geschichte des Gerüchts. Neubauer erzählt vom Erzählen über Gerüchte. Und das tut er so, dass man ihm gerne zuhört. Denn an allen Ecken und Enden tauchen die kleinen Histörchen, die vielleicht stimmen oder vielleicht erlogen sind, doch wieder auf.

Deutlich grenzt sich Neubauer dabei von einer Kulturgeschichte ab, die sich auf das Präsentieren «origineller Funde» beschränkt. Nicht alles, was vergangen sei, sei notwendig auch Geschichte, hält er programmatisch fest. Gemeint ist damit wohl, dass die Kulturgeschichte, wenn sie heutige Selbstverständlichkeiten historisch verfremden will, nicht ohne Selbstreflexion und nicht ohne Theoriearbeit auskommt. Oder konkreter: dass sich eine Geschichte des Gerüchts auch mit einer Theorie des Gerüchts beschäftigen muss. Neubauer verbindet beides, indem er aus vergangenen Konzeptualisierungen des Hörensagens eine Theorie des Gerüchts destilliert.

Ein Gerücht ist etwas Doppeltes, lautet die zentrale Botschaft. Es besteht gleichzeitig aus einem Informationsgehalt und aus dessen Weitergabe in einer spezifischen Form. Dabei ist die flüchtig-anonyme Übertragung vom Hören zum Weitersagen immer auch ein Teil des Inhalts. Dass «die Leute» etwas sagen, ist genauso wichtig, wie das, was diese Leute von anderen Leuten erzählen. Medium und Botschaft sind vielschichtig verknüpft. Diese Definition macht klar, dass das Hörensagen mehr ist als ein quasi prätechnisches Massenmedium. Es muss auf seine soziale Funktion hin befragt werden.

Neubauer zitiert ethnologische Studien, welche die gruppenstiftende Funktion von Gerücht und Klatsch betonen, und er beschäftigt sich mit C. G. Jung, der diese Wissensform als Ausdruck komplexer Regungen des kollektiven Bewusstseins gedeutet hat. So wird deutlich, dass die Analyse von Gerüchten in den Kategorien von wahr und falsch am Phänomen selbst vorbeizielt. Dabei sind es gerade diese Konzepte, welche den gesellschaftlichen Umgang mit Gerüchten seit der Aufklärung dominiert haben. Im Zeitalter der Vernunft widerspricht der anonyme Ursprung von Gerüchten dem Bedürfnis nach benennbaren Autoren, und ihr verantwortungsloses Weitergeben verträgt sich schlecht mit der Vorstellung von mündigen Bürgern. Vielleicht hängt es mit dem Männlichkeitskonzept der Aufklärung zusammen, dass Gerücht und Klatsch stark weiblich konnotiert sind. Auf diese Zusammenhänge geht Neubauer leider nicht ein. Trotzdem zeigt er eindrücklich auf, wie sich im Umgang mit Gerüchten das Verhältnis von Wissen, Macht und Masse spiegelt. Niccolò Machiavelli und Francis Bacon haben den Mächtigen geraten, sich der Mechanismen des Gerüchts zur Herrschaftssicherung zu bedienen. Die Könige des Ancien Régime und die Exponenten der Französischen Revolution versuchten später, die Rede des Volkes zu kontrollieren. Es gelang ihnen genausowenig wie den amerikanischen «rumor clinics» in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die unkontrollierbaren Halbwahrheiten überlebten, obwohl sie als «letzte Aristokraten» und als «Virus im Volkskörper» mit obrigkeitlicher Autorität bekämpft wurden.

Es ist eine grosse Stärke von Neubauers Buch, viele soziologische und sozialpsychologische Studien über das Hörensagen in diesem Kontext des modernen Herrschaftswissens zu verorten. Dass seine eigene Untersuchung keine Anleitung zur Gerüchtekontrolle liefert, versteht sich von selbst. Vielmehr neigt sie dazu, die subversive Kraft des Volksgeredes zu zelebrieren. Nicht von ungefähr, so darf man annehmen, meinte Adorno, der Antisemitismus sei «das Gerücht über die Juden». Da scheint es doch etwas unverbindlich, wenn Neubauer die Macht des Hörensagens lediglich als «fatale Poesie auf der anderen Seite der Geschichte» versteht.

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Fama von Hans-Joachim Neubauer, 1998, Berlin-Verlag3.)

Fama.
Eine Geschichte des Gerüchts von Hans-Joachim Neubauer (1998, Berlin-Verlag).
Besprechung von Gerhart Sälter aus der H-Soz-u-Kult:

Der Autor, der bereits andere Arbeiten zum Thema publizierte, hat sich einem der flüchtigsten Phänomene der Geschichte zugewandt. Gerüchte sind als Element vor allem mündlicher Kommunikation quellenmäßig schwer zu greifen. Die Forschung ist auf deren schriftliche Überlieferung angewiesen. Wohl auch aus diesem Grund erschließt Neubauer das Thema nicht über einen systematischen Zugang, sondern indem er anhand historischer Momentaufnahmen einzelne Aspekte diskutiert, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Hervorzuheben ist die Verbindung ethnologischer, literaturwissenschaftlicher und historischer Ansätze und besonders gelungen scheint mir die Integration fiktionaler literarischer Texte in die Argumentation. Leider beruht die Darstellung fast ausschließlich auf Quellen, in denen über Gerüchte gesprochen wird und nur selten auf der Überlieferung von Gerüchten selbst. Da eine große Zeitspanne von der Antike bis ins 20. Jahrhundert abgedeckt wird, ist das allerdings ein verständlicher Mangel.

Die Einleitung formuliert eine doppelte Problemstellung: das Buch handelt von den "Bildern, die sich verschiedene Epochen und Kulturen von diesem Phänomen gemacht haben, von den sozialen Praktiken, mit denen man es gebannt, bekämpft oder produziert hat." (S. 13) Es geht also nicht nur um die Praxis der Kommunikation, sondern auch um deren Beurteilung durch Zeitgenossen. Wobei Neubauer, um dies vorwegzunehmen, die Rekonstruktion der Diskurse über das Gerücht besser gelingt als die der durch Gerüchte geführten Diskurse selbst.

Der konzeptionelle Zugang weist zwei Schwächen auf, die der Autor zwar selbst kritisiert, die Kritik allerdings nicht konsequent umsetzt. Definiert wird das Gerücht als "Information im Medium des Hörensagens", die keinen bestimmbaren Autor besitzt. (S. 13) Im weiteren grenzt er es von anderen Kommunikationsformen ab. Dabei stellt er heraus, daß es sich bei Gerüchten nicht um ein Medium handelt, wobei ihm als Kontrast moderne Massenmedien dienen. (S. 14-15) Diese Abgrenzung beruht allerdings darauf, daß die Funktion von Gerüchten wesentlich auf die Weitergabe von Informationen eingegrenzt wird. Demgegenüber würde ich sehr viel stärker darauf abheben, daß durch Gerüchte nicht nur Informationen kolportiert, sondern diesen auch Interpretationen beigegeben werden und Gerüchte darüber auch zum Austausch individueller und zur Produktion kollektiver Meinungen dienen. Gerüchte sind also insofern Medien, als sie Träger von um Deutungen erweiterter Informationen sind. Der Aspekt der Kolportage von Deutungen und Meinungen im Gerücht wird zwar in einem späteren Abschnitt aufgegriffen (S. 116-122, 169), aber die definitorische Abgrenzung von Medium und Gerücht führt in einigen Abschnitten zu Verzerrungen.

Eine weitere Schwäche des Textes besteht darin, daß Gerüchte gelegentlich zu einer wesenhaften Erscheinung geraten, hinter der die tatsächlichen historischen Akteure nahezu verschwinden. Neubauer kritisiert dies selbst, indem er die häufige Verwendung von Metaphern in der Forschung zum Gerücht moniert: "Dann erscheint es wie in der Alltagssprache als eine ontologische Größe, als ein irgendwie aktives Wesen, das läuft, eilt, sich verbreitet oder überspringt." (S. 210) Dieses Problem findet sich allerdings auch in seinem Text, da er sich mehr an Diskursen über Gerüchte orientiert als an den kolportierten Gerüchten selbst und er deshalb bereits durch seine Quellen bedingt keinen Zugang zu den Akteuren findet. Wenn er zum Beispiel beschreibt, wie vorsichtig Agamemnon in der Tragödie des Aischylos auf die in Gerüchten formulierte öffentliche Meinung reagiert, so übt nicht "die göttliche Stimme [des Gerüchts] soziale Kontrolle über die Herrscher aus" (S. 38), sondern es ist das Volk, das Machtausübung und Repräsentation des Königs in Grenzen zu halten versucht. So gesehen ist das Gerücht weniger die "mündliche Nabelschnur zu den mythischen Urgründen" (S. 40) als ein von verschiedenen Akteuren geformtes kollektives Bewußtsein und Gedächtnis.

Das 1. Kapitel widmet sich der Antike. Am Beispiel eines Friseurs im Athen der klassischen Zeit beschreibt Neubauer, wie das Gerücht als unautorisierte Nachricht dem Überbringer schaden konnte, wenn sein Inhalt unerwünscht war. Die meisten Autoren der Zeit identifizieren es allerdings mit den Boten der Götter und von einigen wurde es selbst in den Rang einer Gottheit erhoben. Die Begrifflichkeit "pheme" und "ossa" umfaßte aber sehr viel mehr als nur die unbestätigte Information ohne Urheber, nämlich auch den Ruhm, den guten oder schlechten Ruf einer Person und allgemein die Kunde. Diese Termini beschreiben also fast die gesamte Spanne mündlicher Kommunikation. Daß das Gerücht auch "die Sprache des Politischen im Alltag, im Krieg und bei den Wahlen" (S. 64) war, betont Neubauer im 2. Kapitel am Beispiel Roms in der Kaiserzeit. Am Zeugnis von Vergil, Ovid und Quintilian belegt er, welche Macht dem Gerücht über Menschen und Mächte zuerkannt wurde. Das römische Konzept der "Fama" unterscheidet sich von seinen griechischen Vorbildern und so werden in der Antike mehrere gegeneinander verschobene Konzepte des Gerüchts entworfen, die in unterschiedlicher Weise aufgegriffen werden konnten.

In die westeuropäische Tradition wurden die göttlichen Gestalten der Antike als Allegorien übernommen. Seit dem 14. Jahrhundert zeichnet sich eine konzeptionelle Trennung von Fama als Göttin des Nachruhms und dem Gerücht ab. Seit der Renaissance ist die Fama in der Form eines weiblichen geflügelten Wesens mit einer oder zwei Trompeten auch zu einer festen Größe im Repertoire bildlicher Darstellungen geworden. Es steht für einen guten oder schlechten Ruf, aber auch für irdischen und ewigen Ruhm. Das Konzept behält seine Ambivalenz, da die Gefahr der üblen Nachrede als ein mit dem Ruhm korrespondierendes Übel präsent bleibt. Gleichzeitig entwickelt sich die Bezeichnung "Fama" als Synonym für Nachrichten allgemein und für Zeitungen. Dagegen wird das Gerücht seit Beginn des 17. Jahrhunderts häufiger durch den Rumor repräsentiert, der zugleich für das Gerücht und den Aufruhr steht. Mit der französischen Revolution zeichnet sich ein weiterer Bruch ab. Die größere Betonung des politischen Subjekts und des verantwortlichen Autors läßt das anonyme Gerücht bei einigen Autoren zum Feind der neuen Gesellschaft werden.

Angekommen in der Moderne, wird das 3. Kapitel eingeleitet mit Bemerkungen zur Entstehung von Gerüchten im Kriege. Zwei Bedingungen haben zu ihrer intensiven Verbreitung während des 1. Weltkrieges beigetragen: einerseits das Bestreben der politischen und militärischen Führung, Informationen zu kanalisieren und zurückzuhalten, und andererseits die Unmöglichkeit für den Einzelnen, in einer durch Technik und Masse dominierten Kriegführung den Überblick über das Geschehen zu behalten. Zudem ermöglichen Gerüchte den Beteiligten, Kriegsereignisse in Einzelschicksalen zu veranschaulichen und in variierten Erzählungen zu deuten, sowie auch Bereiche anzusprechen, die sonst mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt sind. Mit Marc Bloch spricht Neubauer von einer "Zone der Legendenbildung", die sich dort bildet, wo die Beteiligten trotz zunehmender Perfektionierung des Tötens und der Kommunikation vom Informationsfluß und von der Übersicht über das Geschehen abgeschnitten sind. Ob hier eine "historische Diskontinuität" (S. 133) aufscheint, würde ich allerdings vorsichtiger beurteilen, da Gerüchte auch im Zeitalter technisierter Kommunikation im politischen wie alltäglichen Leben eine wesentliche Rolle spielen.

Dem politischen Alltag des Gerüchts spürt er im 4. Kapitel nach. Im Juni 1969 wird in Orléans das Gerücht verbreitet, in jüdischen Boutiquen würden Mädchen betäubt, um an orientalische Bordelle verkauft zu werden. Die Öffentlichkeit reagiert mit Ansammlungen mit antisemitischer Tendenz vor den verdächtigten Geschäften. Ähnliche Gerüchte beunruhigen auch die Bevölkerung anderer französischer Städte. Neubauer interpretiert dies im Kontext der seit dem Mittelalter kolportierten Ritualmordbezichtigungen, die in das "latente Wissen" der Bevölkerung eingegangen sei. Er weist auch darauf hin, daß durch die Teilhabe an umlaufenden Gerüchten Gruppenidentitäten produziert werden können. Darüber hinaus werden in der Kolportage von Gerüchten "elementare soziale Normen" entworfen und kontrolliert (S. 187) und die Weitergabe des Hörensagens dient zur stetigen Vergewisserung über den Bestand dieser Normen. Die Bezugsquelle des "man sagt" unterstützt diese Funktion, da es ein Kollektiv immer schon voraussetzt, das sich in der Weitergabe erst konstituiert. Deshalb sind Gerüchte geeignet, "die Schaltstelle von Norm und Abweichung, von Macht und Marginalität" zu bezeichnen (S. 161).

Das 5. Kapitel wendet sich staatlichen Bemühungen zu, die mündliche Weitergabe von Informationen und Deutungen zu kontrollieren. Staatliche Instanzen haben zumeist um die Bedeutung mündlicher Kommunikation gewußt. Sie versuchten, Informationen darüber zu sammeln, welche Gerüchte umliefen, und reagierten mit Dementis, gerichtlicher Verfolgung, Informationskampagnen und dem Versuch, anderslautende Gerüchte zu lancieren. Strategien des Dementis werden sichtbar im Bemühen der amerikanischen Regierung während des 2. Weltkrieges, das Umlaufen für schädlich erachteter Gerüchte zu unterbinden. In sog. "rumor clinics" wurden kriegsrelevante Gerüchte systematisch gesammelt, ausgewertet und durch öffentliche Richtigstellungen bekämpft. Auch in anderen Ländern wurden in dieser Zeit Schweigekampagnen lanciert. Wie groß der Erfolg solcher Kampagnen tatsächlich war, läßt sich kaum abschätzen, auch wenn die beteiligten Spezialisten in den USA nach dem Krieg die Meinung vertraten, bedeutende Fortschritte bei der Lenkung und Kontrolle der öffentlichen Meinung gemacht zu haben. Auch danach wurde in politischen Krisenzeiten immer wieder der Versuch unternommen, die mündliche Kommunikation einer staatlichen Kontrolle zu unterwerfen. Neubauer beurteilt ihre Erfolge als sehr gering, da die Bekämpfung zumeist darauf abzielte, die Verzerrung von Informationen zu unterbinden, und dem Aspekt der Deutung wenig Beachtung schenkte. Zudem ist in neuerer Zeit mit dem Internet ein Medium entstanden, das auch die technisierte Kommunikation zumindest kurzfristig weniger kontrollierbar macht und gut für die Verbreitung von Gerüchten geeignet ist. Ähnliche Fehleinschätzungen wie der Bekämpfung lagen auch der Erforschung von Gerüchten zugrunde. Forscher machten zunächst die Verfälschung von Nachrichten durch mündliche Weitergabe zum Gegenstand. Seit den fünfziger Jahren versuchten vor allem Sozialpsychologen unter der Prämisse der Kontrollierbarkeit, die Verbreitung von Gerüchten in Formeln zu fassen. Solche Ansätze vermögen jedoch die beteiligten Akteure nicht zu fassen. Für hilfreicher hält Neubauer Ansätze der Anthropologie, bei denen dem Aspekt der Interpretation größere Bedeutung eingeräumt wird und die betonen, daß in Gerüchten kollektive Meinungen zum Ausdruck gebracht werden können, indem sie zu einem Bild verdichtet werden.

Die Arbeit von Neubauer bietet eine gut fundierte Zusammenfassung der bisherigen Forschungen zum Thema, eine Fülle von Material und interessante thematische wie methodische Ansatzpunkte für weitere Studien zur mündlichen Kommunikation.

Leseprobe I Buchbestellung 0204 LYRIKwelt © Gerhard Sälter