Falscher Hase von Kerstin Hensel, 2005, Luchterhand

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Falscher Hase.
Roman von Kerstin Hensel (2005, Luchterhand).
Besprechung von Inge Rauh in den Nürnberger Nachrichten vom 16.02.2005:

Verkorkstes Weltbild
„Falscher Hase“: Kerstin Hensel liest in Nürnberg

Druckfrisch ist Kerstins Hensels Roman „Falscher Hase“ über zwei Männer, die berufsmäßig im Dienst der Öffentlichkeit in fataler Weise an deutscher Geschichte mitwirken. Die Autorin, 1961 in Chemnitz geboren, stellt ihr Buch bei einer Lesung heute um 20 Uhr im Nürnberger Literaturhaus (Luitpoldstraße 6) vor.

Wer mit eingetragenem Geburtsnamen Heini heißt, hat schon verspielt. Der junge Paffrath, der als Kind während der Berliner Bombenangriffe sein „Donnermützchen“ trug, läuft mit furchtbar verkorksten Weltbildern herum. Wohin das führt, zeigt Kerstin Hensel anhand einer stark „miljöh“-bestimmten, grotesken Familienchronik, in der sie hin- und herblättert. Alles, was Klein-Heini auch in späten Jahren noch bewegt, orientiert sich am Elternhaus, das in dumpfer Kleinbürgerlichkeit politikfern im eigenen Mief erstickt.

Hauptursache der gefährlichen Verschrobenheit ist der Brandmeister Heinrich Paffrath, Feuer und Flamme für den Beruf, schon von der verwitweten Mutter angehalten, sich im Leben einzuordnen. Wie es das Schicksal will, löscht Paffrath den Reichstagsbrand 1933 in vorderer Reihe mit. Der Dank der Nazis war ihm gewiss.

Der Traum von der Liebe

Sein Sohn hat, wie der Senior, im Grunde keine weiteren Ambitionen, bricht ein Physik-Studium ab und muss sich sämtliche Zähne ziehen lassen, weil er manisch Süßes isst. Der Außenseiter wird nicht weiter auffällig, vernarrt sich aber in eine Zahnarzthelferin, der er nach dem Mauerbau 1961 in die „Zone“ folgt. Sehr plastisch erzählt Hensel von einer Art Delirium, in dem ihr Held den Grenzübergang Friedrichstraße passiert, ohne den Vopos erklären zu können, was er da eigentlich will.

In Form einer düsteren DDR-Köpenickiade kommt Heini bei der Polizei voran, ein verdruckster Genosse, der die Stempelrädchen im Büro ordentlich einstellt, in Pankow gern auf Streife geht und die ewig erträumte Liebste sucht. Was Realität ist und was Wahn, ist zunehmend nicht mehr auszumachen, Hensel versieht ihren „falschen Hasen“ mit allen erdenklichen Attributen einer gestörten Psyche, die nur keiner so richtig wahrnimmt. Auf die Bedeutung des „falschen Hasen“ wird der Leser frühzeitig hingewiesen: Mutter Paffrath servierte den Hackbraten stets als Leibgericht, das der Sohnemann auch später im Osten regelmäßig in seiner Stammkneipe verzehrt.

Die drastische Komik, die der Geschichte immer wieder Halt gibt, nimmt mörderische Züge an. Hensels Szenario rückt ins Absurde. Heini, eine unerträgliche, verwahrloste Figur, paranoisch auf Vernichtung aus, sieht sich am Tag seiner Pensionierung den eigenen Dämonen offen ausgeliefert. Im wüsten Showdown verschafft sich Kommissar Paffroth selbst Befreiung. Ein Fall für den Psychiater. Ziemlich erschöpfend.

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Falscher Hase von Kerstin Hensel, 2005, Luchterhand2.)

Falscher Hase.
Roman von Kerstin Hensel (2005, Luchterhand).
Besprechung von Petra Kohse in der Frankfurter Rundschau, 18.5.2005:

Der essende Untertan
Kerstin Hensel erzählt, wie "Falscher Hase" das Leben des ewig unfertigen Heini Pfaffrath bestimmt

Dieses Buch liest sich, als ob es einem Jemand ins Ohr raunte. Schnell, drängend, irgendwie geduckt, immer wieder neu ansetzend und doch mit jener bestandsaufnehmerischen Kühle, die einem eine Sache als quasi objektiv wichtig ans Herz legen will. Kerstin Hensel hat (nach Im Spinnhaus, 2003) einen zweiten Roman geschrieben. Schon im vorangegangenen hat sich die Berliner Autorin als Zusammenträgerin, Konstrukteurin und Neu-Schichterin alltäglichen Lebens präsentiert, fest daran glaubend, dass sich gerade im Beiläufigen das historische Ganze zu offenbaren vermag. Das war eine Sammlung verschränkter Biografien quer durch die Jahrzehnte, alle im Erzgebirgischen verortet. Jetzt geht es, in Falscher Hase, etwas konzentrierter um die Geschichte einer einzigen Familie. Genauer: um Vater und Sohn Paffrath, an deren geistig undurchlässigem Sosein sich der jeweilige Zeitgeist die Zähne zu wetzen hat.

Auf dem Schoß eines GI

Der Vater, Heinrich Theodor Paffrath, war Feuerwehrmann in Berlin, als, wie man immer so sagt, die Nazis kamen. Er löschte dann für Hitler, etwa den Reichstagsbrand, und in einem einzigen Fall auch ein winziges Bisschen gegen Hitler, als er nach der Pogromnacht vor der Synagoge in der Fasanenstraße "viel zu eifrig für den geltenden Befehl" die Schläuche entrollte. Er war eben Feuerwehrmann, Brandmeister sogar, nachdem er den vorigen Stelleninhaber als Marxisten denunziert hatte, sowie Erfinder des Schaumfeuerlöschers Venus, mit dem er sich für unbesiegbar hielt. Tatsächlich rettete er damit seiner Frau und dem neugeborenen Sohn in einer Bombennacht kurz vor Weihnachten 1941 das Leben.

Dass der Vater der Retter war und er selbst ein zu Rettender, bestenfalls Geretteter, blieb das Motto dieses neuen Lebens. Heini wurde der Junge genannt: einer, der es zum Heinrich nicht schaffen würde. Einige Jahre später war es - in der schlimmsten Hungerzeit während der Blockade Westberlins - zwar Klein Heini, der loszog und seiner Familie Fleisch beschaffte, während Heinrich Theodor arbeitslos und deprimiert im Sessel saß. Doch dieser Liebesdienst für den Vater, den Heini auf dem Schoß eines amerikanischen Soldaten vollzog, konnte die beschädigten Verhältnisse nicht wieder herstellen. Weder wurde der Vater wieder groß und mächtig durch den Fleischgenuss, noch dankte er dem Sohn dafür - er durfte es nämlich gar nicht wissen, dass Mutters kriegsüblich falscher Falscher Hase diesmal ein Braten mit echtem Hackfleisch war. Heini kompensierte. Auch später. In leichteren Fällen mit exzessivem Zuckerkonsum. In schwereren mit Wahnvorstellungen. Heini Paffraths Geschichte ist die Geschichte eines nicht stattgefundenen Erwachsenwerdens. Wie ein Kind seinem Ball, folgt er 1961 einer Zahnarzthelferin, von der er nur den Spitznamen kennt (Liebeswahn), blindlings in die DDR. Er landet in der NVA und bei der Volkspolizei, was er als selbstverständlich hinnimmt. Auf Streife sucht er seine "Maschula" und findet sie auch - als verheiratete Frau und Mutter. Da brennen bei Heini die Sicherungen durch. Gleiches geschieht, als ein benachbartes Ehepaar (Stasi-Leute übrigens), bei dem er gerne in aller Unschuld in die Bettritze gekrochen wäre, sich durch seine Zudringlichkeit befremdet von ihm abwendet.

Heini Paffrath, der tumbe Thor, die "Nappsülze", der im Pankower Gasthaus "Zur Post" Tag für Tag Falschen Hasen isst wie einst bei Muttern, der aber zum Begräbnis seiner Eltern nicht in den Westen fährt, weil es so etwas wie Westen für ihn nicht mehr gibt. Der, wenn er Kehrwoche hat, jeden Krümel von der Treppe schleckt und Enttäuschungen gewaltsam auslöscht. Er wird als der perfekte Ost-Untertan gezeigt, aber aus Unreife. Ein Kindkaiser, der die Grenzen zwischen dem Ich und der Welt nicht scharfstellen kann.

Ausgeschwitzte Alpträume

Kerstin Hensel erzählt in Rückblicken. Vielmehr in Alpträumen, die Heini Paffrath volltrunken ausschwitzt, nachdem er, im Jahre 2003, seinen letzten Arbeitstag hinter sich hat und nun nicht weiß, wohin mit sich. Sie erzählt sprachlich virtuos, mit großer wortfinderischer Eleganz und erstaunlichem Realismus im Milieu. Sie erzählt aber auch immerzu auf das Ziel einer Modellhaftigkeit hin, und das beschwert die Sache ziemlich. Reichstagsbrand, Pogromnacht, Blockade, später Mauerbau und Mauerfall - mit dem historischen Ereignis jederzeit auf Du und Du soll sich in den Paffraths, diesen "falschen Hasen", ganz unbedingt Deutsches spiegeln, und auch was daran an Abgründigem und Bizarrem aufblitzt, ist - so ein Heini! - offenbar nur die Überzeichnung einer durchaus allgemein gemeinten Psychopathologie.

Die "Nappsülze" als Update des Michels und Maskottchen einer Fortschrittsverweigerung aus Unfähigkeit. Der Osten als Wärmestube der Vaterlosen. Ewiger Hackbraten mit brauner Soße zieht dich hinan. So ungefähr? Ein Hauch von Schelmenroman ist natürlich auch dabei. Und gewissermaßen eine Utopie. Am Ende emanzipiert sich der einst Gerettete, der sein Leben als Davongekommener gefristet hat, als Untergehender.

Heini Paffrath fährt in den Westen, lässt ein Gutteil seines Gesparten beim Herrenausstatter, trumpft in einer Zigarrenbar unter dem Namen seines Vaters auf und setzt das Etablissement schlussendlich ohne Freude, aber mit großer Entschiedenheit in Brand. Keine zwei Tage nach seiner Verrentung kehrt Ex-Kommissar Heini Paffrath zu früher Morgenstunde im Taxi an seine ehemalige Dienststelle zurück und "streckt dem Kollegen Stefanek die blanken Handknöchel entgegen". Drei Morde hat er möglicherweise begangen. Genug, um für den Rest seines Lebens keine Pläne mehr machen zu müssen.

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Falscher Hase von Kerstin Hensel, 2005, Luchterhand3.)

Falscher Hase.
Roman von Kerstin Hensel (2005, Luchterhand).
Besprechung von Martin Zingg aus der Neue Zürcher Zeitung vom 13.9.2005:

Die Rückseite der Normalität
Kerstin Hensels beklemmender Roman «Falscher Hase»

Heinrich Theodor Paffrath und Heini Paffrath sind Vater und Sohn. Vater Paffrath ist Feuerwehrmann, in jungen Jahren höchst erfinderisch und in der Zeit des «Dritten Reiches» ein verlässlicher Fachmann für alle Arten Brände. Dass er sich 1933 beim Reichstagsbrand an vorderster Front einsetzt, trägt ihm ein Dankesschreiben von Adolf Hitler ein. Die Kriegsjahre übersteht er weitgehend ohne Schäden, er kann auf die Liebe seiner Martha zählen und auf seinen kleinen Sohn Heini, dem bei drohendem Lärm das «Donnermützchen» aufgesetzt wird, das jeden Schrecken abwehrt. Und am Sonntag gibt es seine Lieblingsmahlzeit, den falschen Hasen, ein Hackfleischgericht, von dem er nie genug kriegen kann. Den Beitritt zur NSDAP vollzieht er eher beiläufig, ohne Begeisterung; es muss sein, damit ist er lästige Fragen los. Und als der Krieg zu Ende ist, grollt er noch eine Weile, aber da nichts Schwerwiegendes gegen ihn vorliegt, wird auch er wieder gebraucht. Menschen wie er werden immer gebraucht, in jedem Land, unter jedem Regime.

Gebraucht wird auch sein Sohn Heini. Er ist die zentrale Figur in «Falscher Hase», dem jüngsten Roman von Kerstin Hensel. Mit Heini Paffrath entwirft die Berliner Autorin eine Gestalt, die wie eine Schaumkrone getragen wird von der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wobei die historischen Marken und das Motivgeflecht dieses Romans mitunter so dicht sind, dass ein Überschuss an Absicht das Erzählte zu überragen und zu erdrücken droht.

Seitenwechsel

Heini wird 1941 geboren und besucht in Westberlin die Schule, später die Universität. Am liebsten ist er allein, ein Grübler, und wenn er sich einmal für einen anderen Menschen begeistern kann, geschieht dies mit aller Wucht und für alle Zeiten. Maschula heisst die Zahnarztgehilfin, um derentwillen er seine schwer beschädigten Zähne mutwillig weiter beschädigt, denn jeder Besuch beim Zahnarzt bringt ihn der jungen Frau näher, die von seiner Verliebtheit allerdings nichts ahnen kann. Im August 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut – Maschula lebt fortan im Osten der Stadt. Heini Paffrath gibt sein Studium der Physik auf. Es zieht ihn, weil er Maschula finden will, in die andere Hälfte der Stadt. Er lässt sich in der DDR nieder. Dass er von der Macht angesprochen wird, ist ihm eine Freude: «Ich will zur Polizei. Ich will in diesem Land bleiben und will es schützen.»

Als der Polizeikommissar Heini Paffrath im Mai 2003 in den Ruhestand geht, gibt es die DDR längst nicht mehr, das Polizeirevier Berlin-Pankow hingegen ist unverändert. Heini hat, wie es scheint, alles überstanden und ist wieder dort, wo er eigentlich immer geblieben ist, bei sich selber – in seinem Elend, seinem Liebesunglück. Hier setzt der Roman ein, indem er von hinten her und in Schüben aufrollt, was Heini erlebt hat.

Der so harmlos wirkende Heini, der immer pflichtgemäss seine Arbeit besorgt und sich mit Bedacht aus allem Politischen heraushält, entpuppt sich als kleines Monster. Hatte der Vater bei seiner Brautschau mit einem einmaligen und knappen «Die oder keine» Erfolg gehabt, so hat Heini vergleichsweise Pech. Es will nichts klappen. Als er seine angebetete Maschula in Ostberlin endlich findet und unter Missbrauch seiner amtlichen Befugnisse auch gleich in Bedrängnis bringt, ist sie längst verheiratet und Mutter eines Kindes. Er wird sie im Tagtraum hinrichten. Und als er Jahre später im Haus neue Nachbarn bekommt, Eva und Bogumil, sucht er vergeblich deren Nähe. Er wird die beiden umbringen und sie als Tote in sein Wahnsystem integrieren: An Maschula, Eva und Bogumil denkt er jeden Tag, er lebt mit ihnen, spricht mit ihnen, die von ihm gar nichts wissen wollen oder können, und hat ihnen einen kleinen Altar eingerichtet.

Unerfüllte Sehnsucht

Heini ist fixiert auf seinen Vater, und wie bei Papa, so muss auch bei ihm der falsche Hase auf den Tisch, so oft es geht: «Er wollte wie immer.» Die deutsche Geschichte, die hier als Kulisse stets gegenwärtig ist, hat dieses «immer» einige Male verändert. «Jede Veränderung, die stattfand», heisst es einmal, «nahm er zwar wahr, aber er liess sie nicht für sich gelten.» Heini fügt sich jeder Norm, weil er damit auch alle Verantwortung abtreten kann. Es ist für ihn gesorgt, es wird für ihn gedacht, aber das, wonach er sich sehnt, bekommt er doch nicht. Als trage er ein Leben lang das «Donnermützchen». Am Ende, nachdem ihn im Suff immer wieder Bilder aus seinem Leben heimgesucht haben, wird er sich aufraffen und noch einmal in den Westen der Stadt gehen. Er kauft sich teure Kleider, lässt sich in einer Bar verwöhnen und zündet diese an. Dann stellt er sich den Kollegen, die noch nie so recht schlau geworden sind aus ihm. Nun ist er endlich auch den letzten Rest Verantwortung los.

Kerstin Hensel erzählt in einer schnellen, sehr farbigen und kühlen Sprache. Bisweilen geht sie nahe an die nachprüfbare Realität heran, dann wieder lässt sie Heini untergehen im dichten Nebel der verzweiflungsvollen Phantasien. Der Roman lebt sehr stark von den Dissonanzen zwischen der Wirklichkeit, die Heini nur wie durch eine Milchglasscheibe wahrnimmt, und seinem Verlangen nach einer Portion Glück, um das er sich geprellt fühlt. Die Welt und das Ich kommen hier nur schwer zusammen – die dennoch unvermeidliche Kollision erzählt Kerstin Hensels Roman als Halluzination, für die ein hoher Preis zu entrichten ist.

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