falsche
freunde.
Gedichte von Uljana Wolf (2009,
Kookbooks.
Besprechung von Michaela
Schmitz, 29.12.2009:
2005 debütierte sie mit dem Gedichtband "kochanie ich habe brot gekauft". Mit dieser ersten Veröffentlichung gewann sie 2006 als bisher jüngste Autorin den renommierten Peter-Huchel-Preis. Uljana Wolf, 1979 in Berlin geboren, lebt in ihrer Heimatstadt und in New York. Sie ist auch als Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch und als Herausgeberin tätig.
Was, wenn der Reisende in der Fremde fremd bleibt und dem
Heimkehrer auch und dem Heimkehrer auch die Heimat fremd geworden ist? Mit dem
typischen Silberblick des Zurückgekehrten staunt er über die fremd vertraute
Welt und horcht in sich hinein. Doch wer "doppelt sieht", dem zeigt auch das Ich
sich gespalten. Und wer in den Worten Halt sucht, wird dort auch nur "falsche
freunde" finden.
"falsche freunde" heißt der neue Gedichtband von Uljana Wolf. Die Autorin selbst
dazu:
"falsche freunde ist ein Begriff für Wortpaare in
zwei verschiedenen Sprachen, die gleich aussehen oder gleich klingen, aber ganz
unterschiedliche Bedeutung haben. Ich kannte das aus dem Englischunterricht
noch. Also ein Beispiel, zum Beispiel Gift im Deutschen ist eben das Gift, im
Englischen ist gift ein Geschenk. Sieht ganz genau so aus. Oder become und
bekommen. diese Worte, die eben ähnlich sind und die man gerne verwechselt.
Mich haben diese Worte damals schon vor Jahren im Englischunterricht
interessiert. Nicht, weil ich sie als Fehlerquellen gesehen habe, sondern
eigentlich als Quellen von ehrlichen Verwechslungen und Neuschöpfungen. Und
dieses ganze Konzept sozusagen des Fehlers als poetische Quelle war für mich
interessant."
Wer "doppelt sieht", macht Fehler. Aber der Fehler entlarvt die Wahrheit als
Möglichkeit. Dadurch öffnet sich der Blick auf die Welt, und das Missverstehen
wird kreativ. Ein poetisches Potenzial, das Uljana Wolf in ihrem erstem Zyklus "DICHTionary",
ein deutsch-englisches Wörterbuch, zu Gedichten macht. Sie nimmt sprachliche
Missverständnisse beim Wort und führt sich und den Leser vergnügt in die Irre.
Ihr "DICHTionary" ist ein lyrisches Wörterbuch der inszenierten Verwechslungen
mit heiteren Pointen zum Staunen und Schmunzeln. Wie im folgenden Gedicht, von
der Autorin selbst gelesen:
"island - iceland - island - island - instance ~z -
igel
bei aller liebe, auch auf reisen, führen wir uns zuweilen in die irre. for
instance island: i say geysers, you say eyes; they're watching us, you say, nay,
i say, they're blinded like a hedgehog in the fog. zuhause das gleiche spiel.
ich will die igel auf dem feld gewinnen lassen, dich dagegen plagen hasen, die
das nachsehen haben. in letzter instanz kommt ein eagle geflogen und stiehlt
uns, irgendwie unverfroren, die show."
Die Wörter und ihre Bedeutung geraten in Schwingung, die Sprache wird
federleicht. Die Fantasie übt sich am Alphabet und erfindet fantastische
Kombinationen. So kann man in Wolfs Prosagedichten Enkel am elften Finger
schaukeln und Pferde fliegen sehen. Der kleinste Buchstabe bekommt Post, und der
Leser lernt, mit dem Magen zu lesen. Immer überraschend, oft ausgelassen und
vergnügt, manchmal melancholisch, gelegentlich sanft wie die zärtliche
Liebesklage einer Strandschnecke.
"welle wink winkel
wär ich ein uferschneck, or more sophisticated: wentletrap, wühlte mich das meer
vor deine füße, doch du suchtest, pulend, stur, dem namen nach in meinem haus
die weißen treppen nur, und dunkle winkel. draußen gäb ich, ach vergeblich, mit
fühleraugen winke, algenschminke an der wange, wissend, dies wird niemals gut,
das heißt mit wellen enden. bloß ein rauschen bleibt zuletzt in deinem ohr."
Bedeutungsverschiebungen beim Übersetzen sind hier mehr als nur Anlass für
vergnügte lyrische Sprachspiele. Beim Übersetzen wird deutlich, wie Sprache
unser Bewusstsein und unsere Wahrnehmung formt. Beschäftigung mit dem Übersetzen
ist Spracherweiterungsprogramm und Seelenerkundung in einem, so Uljana Wolf,
" ... weil Nachdenken über das Eigene und das Fremde
einfach ne gute Möglichkeit ist, Identität als solche infrage zu stellen,
Authentizität. Das ist ja auch der Punkt, warum Übersetzung so spannend ist,
weil das irgendwann infrage stellen kann, was ist das Original, was ist die
Übersetzung, woran binden wir eigentlich unsere Auffassung von eigen und fremd
und so weiter."
Um reale Grenzüberschreitungen geht es im zweiten Teil des Gedichtbandes. "Alien
I: Eine Insel" heißt der erste Zyklus. Er handelt von "Ellis Island". Die Insel
vor New York war lange Zeit Sitz der Einreisebehörde und zentrale Sammelstelle
für Immigranten in die USA. Zwischen 1892 und 1954 kamen etwa 12 Millionen
Einwanderer hier an. Eine wenige Minuten dauernde medizinische Untersuchung
entschied über ihr weiteres Schicksal. Schon das unsichere Treppensteigen über
die 50 Stufen zum Registrierraum konnte darüber entscheiden, ob jemand gehen
musste oder durch die Tür "Push to New York" geschickt wurde. Kranke,
Analphabeten oder Kriminelle etwa durften nicht einreisen.
"Und dann bin ich darauf gestoßen, dass auch diese
Inspektoren eben eine Art Alphabet hatten, das heißt, sie hatten nicht viel
Zeit, sie mussten schnell entscheiden und sie mussten schnell ein Zeichen geben,
sie konnten ja keine Akten ausfüllen. Und deshalb haben sie den Einwanderern
einfach einen Buchstaben mit Kreide auf den Mantel gezeichnet, falls es etwas zu
beanstanden gab. Das eben an mit x - suspected mental defect, vermutliche
Geisteskrankheit, bis hin zu Füße, Schwangerschaft, Kropf, Gesicht, f face war
auch einfach ein Begriff. Und so wurde der ganze Körper abgearbeitet. Und als
ich dieses Alphabet sozusagen gefunden hatte, da war mir klar, okay, das ist das
Gegenstück zu dem Alphabet, was ich gerade mit den falschen freunden gemacht
habe."
Auch "auf Ellis Island hatte das Schicksal die Gestalt eines Alphabets", zitiert
die Autorin einen Bericht. Mithilfe des Alphabets wird kategorisiert,
gekennzeichnet und aussortiert. "G" steht hier nicht für Glück, sondern für "goiter",
Kropf. Uljana Wolf buchstabiert in ihren Gedichten über "Ellis Island" das
Alphabet der Tränen; durchdrungen von einem "prüfblick, den wir durch die Zeiten
spüren".
"x suspected mental defect
x marks the spot? und ob. wir, überführt allein durchs irre hiersein, auf der
stelle, am kopf der steilen treppe, in sechs sekunden ist alles entdeckt: wir
sind die stelle selbst. stinkende inseln. in tücher gehüllt, üble see im leib,
imbecile, labil, im besten fall bloß durch den wind. ein flatternder zettel
zwischen den zähnen, name, passage, die schatzkarte. selbst ausgegraben, selbst
hergetragen. in der gepäckstation: "ein blick auf die bündel, ich weiß alles.
die knoten verraten den knüpfer, seine zitternde hand."
Die Grenzkontrollen unserer globalisierten Welt sind andere geworden. Die
Arbeitsnomaden der Postmoderne führen ein Leben im Transit. Heimat ist überall,
Heimat ist nirgendwo. Fremde ist kein Ort, sondern ein Zustand. Genau das
beschreibt Uljana Wolf in ihren Gedichten im letzten Zyklus "Alien II - liquid
life". "liquid life" zitiert einen zentralen Begriff des Philosophen Zygmunt
Baumann. Seine These: Alle Strukturen der modernen Lebenswelt sind liquid,
flüssig geworden.
"Mir war dieser Begriff deshalb wichtig, weil, ja
weil er sehr gut angebracht ist, auch um die Grenzerfahrung, die wir heute
haben, beim Einwandern oder beim Überschreiten der Grenze zu beschreiben. Der
Körper immer noch eine Grenze spielt, eine Rolle spielt, wenn wir die Grenze
überschreiten, aber er ist flüssig geworden, er ist ein Datenpaket, dass uns
sozusagen vorausreist und dann mit uns abgeglichen wird, wenn wir die Grenze
überschreiten: Fingerabdruck, Iris-Scan und so weiter und so fort. Und das
sozusagen als Beispiel für die prekäre oder ständige Unsicherheit, die Baumann
beschreibt."
"There is no privacy", heißt es bei Uljana Wolf. Mit zunehmender Freiheit steigt
das Bedürfnis nach Sicherheit. Macht bewegt sich in der Postmoderne mit der
Geschwindigkeit elektronischer Signale, so Baumann. Das Individuum wird als
biometrisches Datenpaket gespeichert, das Leben zum elektronischen
Fingerabdruck. Uljana Wolf macht biometrische Texte zum Ausgangspunkt ihres
letzten Zyklus'. Die Gedichte sind Streichungen oder Auslöschungen dieser
Dokumente. Dabei verlieren die Wörter an poetischer Gravitation. Sie sind, als
seien sie explodiert, über die Seite zerstreut. Die Autorin selbst liest ein
Gedicht aus "liquid life":
"Durch Piktogramme wird der Teilnehmer
gültig
frei und gleich
Im inneren
erzeugt
der lokale
Andere
manuelle Grenz
Spuren im Bereich B
des
Teilnehmer s"
"look on my card" heißt es im letzten Gedicht von "falsche freunde". Doch das
Leben ist mehr als ein Datenpaket. Und kleine Fehler können große Rechensysteme
lahmlegen. Kreative Fehler werden in "falsche freunde" zu Quellen sanfter
poetischer Subversion. Uljana Wolfs Gedichte sind ein poetischer Widerspruch
gegen das Leben im Scheckkartenformat und ein überzeugendes Plädoyer für
kreatives Missverstehen - am stärksten im Zyklus "DICHTionary" und "Alien I:
eine Insel."
Die Autorin und Übersetzerin weiß: Fehler gehören zum Leben wie Missverstehen
zur Übersetzung. Übersetzen ist für Uljana Wolf keine Tätigkeit. Übersetzung
wird in ihren Gedichten zu Poesie. Poesie, so ein Diktum von
Novalis, ist Übersetzung. Uljana Wolf
buchstabiert das Alphabet der Irrtümer auf der Suche nach dem Punkt, wo
Verstehen und Missverstehen sich überschneiden wie zwei im Unendlichen sich
kreuzende Parallelen - und findet tatsächlich immer wieder erstaunliche
poetische Übersetzungen für das Unübersetzbare.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie auf der homepage von Michaela Schmitz]
Leseprobe I Buchbestellung 0810 LYRIKwelt © Michaela Schmitz