Falsche Filme von Bruno Steiger, 2006, Nagel&KimcheFalsche Filme.
Roman von Bruno Steiger (2006, Nagel&Kimche).
Besprechung von Nikolaos Georgakis aus der NRZ vom 22.06.2007:

Fremd im eigenen Lebensfilm
Bei Bruno Steiger ist die Erinnerung nicht mehr als ein unstimmiges Bild. 

Der Leser wähnt sich zunächst im Schneideraum einer Filmproduktion. Fast nach jedem Absatz folgt ein Schnitt. Einzelne Erinnerungsfetzen werden betrachtet, dann heißt es wieder: Szenenwechsel. Einen dominanten Handlungsstrang entwickelt Bruno Steiger auf den ersten Seiten seines neuen Romans "Falsche Filme" nicht. Es ist noch nicht mal klar, ob er überhaupt eine Geschichte erzählen will. 

Schlaglichtartig lässt der 1946 in Zürich geborene Schriftsteller und Journalist Bilder, Orte und Begebenheiten aufblitzen. Personen kommen, werden kurz vorgestellt und verschwinden dann wieder. Oder sie bleiben die ganze Zeit über präsent aber unsichtbar, ganz so wie eine ominöse Dienerin. Mittendrin entdeckt die Stimme des Erzählers sich dann selbst als den zwölfjährigen Jungen beim Familienurlaub im Ausland, "flankiert von Toten". Die Tanten und Onkel, die Eltern und Großeltern, die Freunde und Lieben von einst, sie sind fort gegangen, sind vor-, sind vergangen - und kommen nun in den Erinnerung des Erzählers zurück. 

Unmerklich folgt der Übergang in die Gegenwart, von der aus der Erzähler versucht, seine Erinnerungen zu sortieren. Wenn das Surren des Filmprojektors mit den Urlaubsfilmen verstummt, macht sich die Unsicherheit des eigenen Erinnerns breit, ist der Moment für Dichtung und Wahrheit gekommen. Tatsächlich sieht sich der Protagonist im falschen Film. Nichts fügt sich in ein stimmiges Bild.

Dreh- und Handlungsort ist Genua. Dorthin ist er als Kind über mehrere Jahre mit seiner Familie gereist, dort möchte, nein, soll er Urlaub machen. Wie andere Romanhelden Steigers auch, so ist auch dieser eine etwas skurrile, fast schrullige Person. Der Leser bekommt es hier mit einem neurotischen Urlaubsallergiker zu tun, der Freizeit als Grenzerfahrung, als existenzielle Bedrohung seiner wohl getakteten Selbstvergewisserung wahrnimmt.

Steigers neues Buch ist nicht gerade leicht zugänglich. Die teils klangvolle, teils unterkühlt sachliche, meist aber melancholische Sprache vermag den fragmentierten Plot durchaus zu rahmen. Das Gefühl der Entfremdung, der verkehrten, bruchstückhaften Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt ist das eigentliche Thema, der rote Faden des Buches.

Die Exkurse des Autors in die Sphären italienischer Teig- und Nudelgerichte könnten den Leser jedoch zur Zuversicht verleiten, dass es sehr wohl ein richtiges Leben im falschen Film gibt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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