fallstreifen von Nico Bleutge, 2008, Beckfallstreifen.
Gedichte von Nico Bleutge (2008, Beck).
Besprechung von Sybille Cramer in der Frankfurter Rundschau, 9.12.2009:

Eine Geschichte des Sehens
Wie Staub riecht (und klingt)

Das Interesse Nico Bleutges gilt nicht den schönen, vom Vorgefundenen, der Empirie abgelösten Bildern, die durch Einschmelzung seiner Teile gewonnen werden und vom Verstand an übergeordnete Sinnzusammenhänge gebunden werden. Sein erster, vor zwei Jahren erschienener Gedichtband löste sich von Wahrnehmungsformen, die sich der Distanz vom Gegenstand und der Wahl eines Ausschnitts aus dem Blickfeld verdanken. Seine Gedichte verabschieden eine auf Erkenntnis beruhende Sehform und Imaginationstätigkeit, die zur ästhetisch geschauten Natur des Landschaftsbildes hinzuführt, zur auf innere Einheit, Wahrheit und Sinn dringenden Gemäldestudie, Porträt oder Großstadt- und Alltagsbild.

Die Abkehr von der Perspektive, die Befreiung des Blicks und Entdeckung der freien Landschaft sind nicht Bleutges Erfindungen. Aber kaum ein zweiter junger Lyriker vollzieht mit solcher Konsequenz eine Geschichte des Sehens nach, die ins 18. Jahrhundert zurückgeht und mit der Entdeckung der Bewegung im Landschafterlebnis einherging. Damit kam die Ebene menschlicher Zeit ins Spiel, das bewegte Auge, der von Affekten, Gemütsschwankungen mitgesteuerte Wahrnehmungsvollzug, der die Mannigfaltigkeit dessen, was ist, entdeckt, und die Ohnmacht des Auges, die Unzulänglichkeit der Sprache. Beispielhaft für Bleutges Marginalisierung des Zentrums ist sein dem Debütband entstammendes Gedicht "bild der landschaft", das den Landschaftsprospekt an den Rand schiebt und in die ungegenständlichen Regionen des Räsonnements hinüberschiebt.

Sein nun erschienener zweiter Gedichtband geht einen Schritt weiter. Die programmatische Aussage des Buchs steckt im Eingangsgedicht "aufgeblitzt", einem 22 Verszeilen langen, kleinteilig zusammengeflickten komplexen Gebilde, dessen Formgedanke noch die Mikrostrukturen der Interpunktion erfasst. Die erste Zeile ruft im Blankvers einen Erinnerungsfetzen auf: "es war von schnee die rede, seiner härte". Was folgt, ordnet sich um kein Zentrum, lässt keine metrische, rhythmische, syntaktische, klanglich-phonetische Einheit erkennen; jede Zeile hat ihre eigene Struktur. lediglich die Ordnung zu einem breiten Fallstreifen ist erkennbar, der auf den metrisch beschwerten Schlussstein zuläuft: "staubgeruch".

Die Zersprengtheit und Vielgestaltigkeit der Verse entspricht der Zusammengesetztheit der Zeit- , Sprach- und Redeformen des Gedichts auf der semantisch-morphologischen Ebene. Erinnerung, heißt das, teilt mit dem Staub seine Ungestalt, Ungreifbarkeit und seine nicht unumschränkt zugängliche Stofflichkeit, seine Unverfügbarkeit. Was an Erinnerungen aufblitzt, sind Trümmer, Scherben, Späne, ein zuckender Farbhauch, Geräuschtropfen, ein hauchiger Rest, hautlos, farblos, spurlos an den äußersten Rändern des Sehens, Hörens, Tastens, Riechens. Das Gedächtnis ist bei ihrer Rückholung auf den Zufall angewiesen, den Glücksaugenblick der Madeleine-Episode bei Proust.

Das Gedicht "libellenkörper, wie erlegt ..." untersucht in zehn, penibel gegliederten, paarigen Strophen den poetischen Ordnungsvorgang, in dem das Rohmaterial des Gedächtnisses geformt wird. "die nadel wartet schon" lautet das Resumee des letzten Verses: der poetische Formungsakt ähnelt der Präparierung eines Libellenkörpers, bevor er zuletzt aufgespießt wird.

Das letzte Gedicht im letzten der sieben Abschnitte schlägt den Bogen zurück zum Schneemotiv des Beginns. Das Thema der Einkapselung und Unzugänglichkeit von Erinnerungen fasst das Gedicht ins Bild eines am Abend sich einrollenden Tages. Die Erlebnisse des Tages treten den Weg ins Innere der Rolle an oder, im Bild des Gedichts, breiten eine Schneedecke über sich. Das Archiv aber ist unzuverlässig. Das gespeicherte Erinnerungsmaterial wird bearbeitet, die Rohstoffe in die Merkform der "Geschichte" gebracht: "die ränder verschieben sich täglich", meldet die letzte Zeile.

Das Gedächtnismaterial, das im Tauchvorgang des Erinnerns ans Licht gehoben wird, hat einen Alterungsprozess hinter sich. Es gilt, hinter die "Geschichten" zurückzugehen und den Hintergrundstimmen und -geräuschen der Geschichten nachzuspüren. Dort warten die authentischen Späne, Splitter, Fetzen, Trümmern, Scherben auf den Gedächtniskünstler. Der Gedichtband Nico Bleutges ist das poetologische Werk eines wunderbar formsicheren, hochreflektierten Lyrikers, der seine Schritte in die Zukunft mit Bedacht setzt und auf den Schultern der Riesen, die vor ihm das Feld der Poesie bestellten. Das zeigt die Liste seiner Hausheiligen im Anhang des Bandes.

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