Fallschirmseide von Irina Korschunow,1990 HoCa/btb1.) - 2.)

Fallschirmseide.
Roman von Irina Korschunow (1990, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Hermann Henkel in der WAZ vom 7.3.1990:

Bilderbuch-Karriere in Buer
Irina Korschunows neuer Roman beschreibt ein Nachkriegsschicksal

Sie hat die Stadt ihrer Geschichte gründlich studiert. Tagelang war die Münchner Schriftstellerin Irina Korschunow mit Ministerialrat Bruno Tiedemann vom Kultusministerium durch Gelsenkirchen spaziert, hatte dabei Lage und Leute gemustert und reichlich vom Lokalkolorit gespeichert. "Schreiben sie doch mal einen Roman, der im Ruhrgebiet spielt." hatte der Beamte Tiedemann der Buchautorin ans Herz gelegt. Seinen Rat stuft Irina Korschunow heute als unschätzbar ein. Und es kam ein wirklich guter Roman dabei heraus.
Gestern abend las die 63jährige Erfolgsautorin im Schloß Berge vor ausgesuchtem Publikum aus ihrem Buch "Fallschirmseide" (Verlag Hoffmann & Campe Preis 36 DM) mehrere Kapitel. Wenige Stunden zuvor verriet sie der WAZ im Hotel Maritim die Entstehung ihres vierten Romans. Eigentlich hat die in Stendal geborene Tochter aus einer deutsch-russischen Ehe einen Hang zur norddeutschen Szene. Aber da war dieser Tiedemann, der ihr den Floh mit Buer ins Ohr setzte. "Das Revier", so hatte der Düsseldorfer Ministerialrat gesagt, "ist literarisch unterentwickelt und vernachlässigt."
Irina Korschunow war überzeugt. Ihr neuer Roman (denn schließlich drängte es sie nach ihren Erfolgsbüchern "Glück hat seinen Preis", "Der Eulenruf" und "Malenka" erneut an die Schreibmaschine) muß in einer Revierstadt spielen. Sie verkroch sich in ihre Tiroler Dichterstube, sortierte ihre vor Ort in Gelsenkirchen gewonnenen Eindrücke und erfand eine Familiengeschichte.
Daß diese ausgerechnet auf der Schokoladenseite der Stadt spielt, ist kein Zufall. Denn in Buer entstand nach dem Krieg ein hierzulande bis dato völlig neuer Fabriktypus: die Textilindustrie.
In ihrem Milieu wird die Geschichte einer Familie erzählt, deren Freud und Leid sich vorwiegend in einer Gründerzeit-Villa in der Erlestraße abspielt, eine Geschichte vom Ärmelaufkrempeln der jungen Nachkriegsgeneration im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik und von der Rebellion ihrer Kinder zur APO-Zeit. In dieser Ära (1968) endet der Roman, wehmütig, aber mit exakter Ortsbeschreibung.
Sie öffnete die Autotür, der letzte Blick auf das Haus, dahinter die Bäume des Berger Parks, und sie konnte sich nicht vorstellen, dies alles herzugeben, die Erlestraße, die Stadt mit dem Markt und dem kopflosen Turm von St. Urbanus, die feurige Silhouette Gelsenkirchens bei Nacht.
Als sie den Wagen anließ und langsam aus der Garage herausrollte, weinte sie...
Der rührselige Abschied, gleichzeitig Schluß des Buches, trügt ein wenig, denn der Romaninhalt ist ziemlich realistisch wie die gute Ortskenntnis der Autorin.

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Fallschirmseide von Irina Korschunow,1990 HoCa/btb2.)

Fallschirmseide.
Roman von Irina Korschunow (1990, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Hermann Henkel in der WAZ vom 4.4.1990:

Eine Karriere

Nur kurze Zeit ist Martin Cramme ein Kellerkind. Das ist mit 19, als er sich 1945 beim Rückzug seiner Kompanie in die Büsche schlägt, von einer Alten aufgefunden und im Luftschutzraum ihres Hauses bis Kriegsende versteckt wird. Bald schon gehört er zu denen, die man Wirtschaftswunderkinder nennt.
Irna Korschunows Roman, einer der wenigen mit ausnahmslos liebevoll skizzierter Ruhrgebietskulisse, schildert Crammes Bilderbuchkarriere vom Schwarzmarktkungler zum Fabrikanten, der im zerbombten Gelsenkirchener Stadtteil Buer anfangs mit einfachen Mitteln, später mit trickreichen Finten die Textilindustrie zu neuer Blüte bringt.
Dabei steht der Zufall Pate. Auf der Suche nach einem Liebesnest finden Martin und seine Freundin Dora in einer Ziegelei drei Ballen Fallschirmseide. Zu Blusen verarbeitet werden sie zum Hit, der zur Hochkonjunktur in der späteren Do-Ma-Textilfabrik führt.
Aufstieg und Fall einer typischen Neureich-Dynastie erzählt Irina Korschunow mit gutrecherchierter Millieukenntnis und schnörkelloser Fabulierkunst. Ihr vierter Roman vollendet den zeitgeschichtlichen Bogen (von 1886 bis 1968) ihres Romanwerks "Glück hat seinen Preis" (1983), "Der Eulenruf" (1985) und "Malenka" (1987).
"Fallschirmseide" ist kein Heimatroman, vielmehr ein leichtverdaulicher Geschichtsunterricht über die Zeit der Auseinandersetzung zwischen den Ärmelaufkremplern und den aufbegehrenden Kindern der APO-Jahre, deren Rebellion schließlich die Wirtschaftswunderwelt veränderte.

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