Fahrt ins Licht.
Roman von Hermynia ZurMühlen (1999, Sisyphus-Verlag).
Besprechung Christiane Zintzen aus Rezensionen-online *LuK*:

Schnitte durchs Leben
Hermynia zur Mühlen in Neuausgaben

Es blättert in landläufigen Lexika vergeblich, wer den Namen Hermynia zur Mühlens sucht: 1883 als Tochter des Diplomaten Victor Folliot de Crenneville in beste österreich-ungarische Aristokratenverhältnisse geboren, wich sie mit ihrem Leben beharrlich vom Konventionellen ab. Als produktive Publizistin, als "Revoluzza" und als Antifaschistin blieb sie den jeweils herrschenden Verhältnissen ihr Leben lang abhold. Aus- und immer erneuerter Aufbruch waren freilich nur anfangs frei gewählt, aufgezwungen sodann: So verließ sie den konservativen Junker, dem 1907 nach Livland sie gefolgt. Schrieb in Frankfurt, später Berlin um ihr Leben: für Kinder, für Zeitungen, für den Bedarf an sozialistischer Gesellschafts-Romanliteratur. Nahm Einspruch. Übte damit vorgeblich »Hochverrat« an der Weimarer Republik. Geriet alsbald auf faschistische Fahndungslisten. Besonders nach 1933 als remigrierte Dissidentin in Wien. »Unsere Töchter, die Nazinen«, eine romaneske Sozio-Psychogenese weiblicher Selbstgleichschaltung, wurde alsbald unterdrückt. Floh die kornblumenblauäugige »Ostmark« zunächst in die Slowakei, bevor sie nach England gelangte. Sah nach Kriegsende die kalte Schulter der österreichischen Bürokratie. Und verstarb – unter Zurücklassung eines umfangreichen Werkes an Erzähl- und Übersetzungsliteratur – im März 1951 im britischen Radlett. Rund eineinhalb Generationen lang sollte es dauern, bis Exil- und Literaturforscher sich der Vertriebenen entsannen und sich peu à peu der Neuauflage ihres Œuvres sowie der bio-bibliographischen Spurensuche unterfingen. Seit 1994 sind im ProMedia-Verlag die Bände »Als der Fremde kam« (1946/47) und »Ewiges Schattenspiel« (1943) erschienen, seit kurzem liegen die »Nazinen« (1934/35) bei ProMedia und die Kurzprosasammlung »Fahrt ins Licht« (1936) bei Sisyphus wieder vor.

Wie Legenden, wie Fabeln, gewähren die Miniaturen der »Fahrt ins Licht« kurze Blicke auf des Lebens vielgestaltige »Stationen«: So fällt das Spotlight der Titelgeschichte auf das Zaudern Kolumbus’ an seines Schiffes Steuerrruder inmitten der nachtschwarzen See. Dann die skizzierte »Schande« des böhmischen Stubenmädels Vizenza, die den natürlichen Sohn, ja die Enkel, über Jahrzehnte verdrängt: Mit der morschen Bürgerformel »ich bin ein ehrenhaftes Mädchen« wehrt noch die Greisin jedwede Anmutung ab. Oder die Initiation eines Kindes in das Mysterium der Zeit: »Das kleine Mädchen hatte wissen wollen, wohin die Zeit gehe, aber diese Frage schienen selbst die Erwachsenen nicht beantworten zu können.« Wenn sich der Großen Apodiktion »Keine Zeit!« zwischen das Kind und seine Begehren schiebt, erfährt es, wie übel es um die Zeit-Ungeister steht: »Jetzt wußte das kleine Mädchen mit einemmal, daß die Zeit etwas Böses ist, etwas, das einem die Freude zerstört… und gegen das man sich nicht wehren kann. Und auch die Uhren sind böse, denn sie gehorchen der Zeit.«

Die Genealogie von Freundschaft und Feindschaft im Haushalt zweier gealterter Fräuleins, der sonderbare Kontrakt der beiden ungarischen Grafen mit der Schönen in ihrer Mitte, welche ihrerseits exzeptionelle Liebesmomente mit einem meist abwesenden Afrikaforscher genießt: Wir blicken in sonderbare Konkubinagen, wir blicken in Ökonomien von Liebe und Haß. Der Knoten in diesen so offenbar leichthin und transparent entfalteten Stoffen und Texturen rührt vom schmerzhaften Antagonismus von Individuum und Gesellschaft her. Es entwerfen diese Figuren ihre je individuellen Systeme und Spielregeln als Schleuse zwischen dem Chaos der Welt und sich selbst. Sie erinnern damit an die heute verdrängten Bedeutungen der Vokabel »Schnittstelle«, die, vor ihrer Reduktion auf datenübertragungstechnische Verbindung, einst Einschnittt, Verwundung bezeichnete. Das Leiden eint das aus allen Gesellschaftsschichten entstammende Personal. Auf dem Spielbrett der Narration zeigen diese Figuren ihre Wunden und wie sie gelernt, zu verbinden: Die Wunden mit dem Mull eines Bedeutungsmodells, den Konnex zur Welt über ein Regelsystem. Man fürchte indes keine hohe Parabolik: Die Sinn-Tiefe dieser Skizzen bleibt moderat. Nicht Kafka noch Borges mag man bemühen, sondern das vergessene Genre der Kalendergeschichte. Wie Johann Peter Hebels 1811 erschienenes »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« legen zur Mühlens exemplarische Erzählungen Folgerungen nahe: Jedes Erzählschächtelchen eine Frage, die naturgemäß auch fürderhin einer Beantwortung harrt.

Mit der 1934 in der Saarbrückener »Deutschen Freiheit« vorabgedruckten, 1935 im links-katholischen Wiener Gsur-Verlag erschienenen Romanstudie »Unsere Töchter die Nazinen« beweist die erfahrene Autorin ihre hohe Versatilität im Spiel auf den verschiedensten Stil- und Genre-Registern: Mit der sanft-melancholischen Feuilleton-Prosa der »Fahrt ins Licht«-Miniaturen hat dieses agitatorisch-antifaschistische Textplanspiel allerdings so gut wie gar nichts gemein. Das bereits nach wenigen Wochen (pikanterweise in vorauseilendem Gehorsam von den österreichischen Behörden) aus Öffentlichkeit und Verkehr gezogene Werk vermag heute schon durch das dicht entlang der politischen Lebenswirklichkeit formulierte Zeitzeugnis zu interessieren: Aus erster – freilich polemischer! – Hand werden wir mit den Parolen und Ideologemen des frühen 1000jährigen Reiches beteilt. In einer formal einleuchtenden Choreographie modelliert »die rote Gräfin« drei Fallstudien zur weiblichen Verführung durch den Nationalsozialismus. Recte: drei Anamnesen des weiblichen »Sündenfalls«. Drei Leben, soziologisch auf Adel, Bürgertum und Arbeiterschaft verteilt, situativ im Mutter-Tochter-Konflikt zugespitzt. Sozialdruck, Rebellion und die daraus erwachsenden Spiele der "bösen Mädchen" werden als sozialpsychologische Motive geltend gemacht: Triebstrukturen im Marionettentheater, didaktisch anschaulich gewendet und gedreht. Und doch bietet dieser Text mehr als nur ein papierenes Stück Widerstandskolportage: Das Buch ist nicht zuletzt als phänomenologische Bestandsaufnahme der sich wandelnden Zeitzeichen im Jahr Eins nach der Hitlerschen Wende 1933 höchst bemerkenswert.

Wenn Zur Mühlen eine ihrer Figuren die »Unechtheit« und das »falsche Pathos« der nationalsozialistischen Selbstdarstellung konstatieren läßt, formuliert sie, wie kenntlich solche von klingendem Spiel camouflierte Barbarei den Aufmerksamen unter den Zeitgenossen gewesen sein konnte. Wo die Autorin in verblüffender Hellsichtigkeit ihre Figuren mit je klassenspezifischen – heute würde man sagen: soziologisch stimmigen – Attraktions- und Distinktionsprofilen hinsichtlich des faschistischen Wirkungsmodells versieht, spart sie auch die eigene Kaste nicht aus: »War doch anfangs«, läßt sie ihre Gräfin Agnes räsonnieren, »meine Antipathie gegen die Nationalsozialisten eine rein ästhetische, die Abneigung eines kultivierten Menschen gegen die Unkultur, des stillen Menschen gegen alles Laute.« Der ästhetisch begründete Rückzug der Intellektuellen aus dem politischen Handeln wird hier am Reißbrett ebenso deutlich vorgeführt wie die stilistische Selbstdarstellung der bürgerlichen Parvenus am Beispiel einer Frau Doktor Feldhüter, Nutznießerin von Arisierung und antisemitischem Wirtschaftskriegsgewinn: »Trotzdem wird mein Salon entzückend. Altdeutsch, mit Butzenscheiben, und im Erker werde ich ein Spinnrad aufstellen, als Symbol trauter deutscher Häuslichkeit.« Solche Stil-Karikaturen waren – nach 1870/71 – wohl schon einmal zu lesen gewesen und stehen denselben an Holzschnitthaftigkeit in keiner Weise nach: Hier wie dort erfolgt die Disqualifizierung einer Ideologie auf dem Felde des (guten) Geschmacks. Umso hellhöriger wird die Leserin, wird der Leser indes dort, wo Wortmaterial und Diskurstreibgut der nationalsozialistischen Propaganda in den Text verwoben sind: Wo »Rassenmakel« und »Konzentrationslager« als tägliches Wortkleingeld gehandelt werden, mag man erahnen, was 1934 – zur Zeit der Entstehung des Romans – von den Zeitgenossen gewußt hätte werden können. Fraglos klappert da die Didaktik mitunter ein wenig hölzern und bestehen die Figuren weitgehend aus Papier: Angesichts des hohen Grades an Konstruiertheit der neueren Dissensprosa etwa von Josef Haslinger oder von Elfriede Jelinek mag Hermynia Zur Mühlens Text-Triptychon allerdings einen lesenswerten Diskussionsbeitrag abgeben.

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