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"Frá Áarstovubrøðrunum til
Tórodd - føroysk yrking í hundrað ár /
Von Djurhuus bis Poulsen – färöische
Dichtung aus 100 Jahren".
Anthologie von Paul
Alfred Kleinert (2007, Pernobilis-Edition
des Engelsdorfer Verlages).
Besprechung von Lutz Volke für die RezensionenWelt,
Januar 2008:
"In der tausendjährigen Geschichte der
Færøer haben Trolle, Teufel und Wiedergänger eine ungewöhnlich große Rolle
gespielt. Ja, wohl jeder Held und jede hervorragende Persönlichkeit, die unsere
kleine Nation aufzuweisen hat und mit denen sie sich brüsten kann, hat mit mehr
als einem Bein in der Welt der Fabel gestanden…" schreibt der wohl
bekannteste Schriftsteller der Färöer, William
Heinesen, in seiner Erzählung
"Der Beelzemann" (Übersetzung: A.O. Schwede). Heinesen wurde im Jahr
1900 in Tórshavn, der Hauptstadt jener rauen Inselwelt im Nordatlantik,
geboren. In einer anderen Erzählung berichtet er von dem mit großem Brimborium
gefeierten Anschluss an die Außenwelt mithilfe eines Überseekabels, das war
1906. Eine neue Epoche brach an, betont Heinesen, "in dem ungeheuer
zählebigen und bis auf den heutigen Tag noch immer wild und anachronistisch
blühenden Mittelalter der Færøer". So ist es nicht verwunderlich, dass
den wenigen Inselbewohnern (Mitte des 19. Jahrhunderts zählte man fünftausend
Menschen) in ihrer Abgeschiedenheit nichts weiter übrig blieb, als sich zu
ihrer Unterhaltung und Erbauung auf das zu besinnen, was von den Vorfahren
überliefert wurde.
Die färöische Literatur kommt aus der mündlichen Überlieferung, erst vor
zirka 150 Jahren entstand eine eigenständige Schriftsprache. Natürlich war man
schreibkundig, aber die Amts- und Unterrichtssprache war Dänisch. Die Färöer
gehörten und gehören trotz weitgehender Autonomie noch heute zur dänischen
Krone. Die Überlieferung der reichen Sagen-, Legenden- und Fabelwelt geschah
also im Kreis der Familie und Dorfgemeinschaft. Die Färinger sind ein
Literaturvolk, ähnlich den Isländern. Warum aber weiß man so wenig über
diese Literatur?
Gewiss hängt das mit der Sprache zusammen. Wer spricht außerhalb der Inselwelt
schon Färöisch? Die selbständige Schriftsprache ist der Auftakt zur
eigenständigen Nationalliteratur. Was vorher war, ist weitgehend dem Kreis der
Nibelungensage zuzuordnen, gehörte zum Volksgut, fand den Niederschlag in
Balladen, die auch erst im 19. Jahrhundert aufgezeichnet wurden und nun in einem
umfangreichen "Corpus Carminum Faeroensium" versammelt sind. Die
Besinnung auf die Eigenartigkeit der färöischen Kultur und Sprache hatte
unmittelbare Rückwirkungen auf die bis heute andauernden
Selbständigkeitsbestrebungen bei gleichzeitiger Entwicklung einer
Nationalliteratur. Eine Nation gelangt zum Selbstbewusstsein über die Sprache.
Die Norweger haben sich sprachlich emanzipiert und ihre Schriftsprache
reformiert, als sie sich nach jahrhundertelanger Vorherrschaft von Dänen und
Schweden als Nation im eigenen Staat definierten. Die gegenwärtige Entwicklung
in aller Welt bestätigt Bestrebungen dieser Art.
Auf den Färöern wird das Weihnachtsfest von 1888 als nationaler Aufbruch
verstanden. Ein auf einer Versammlung vorgetragenes Gedicht von Jóannes
Patursson "Nun ist die Stunde zum Handeln gekommen" wurde zur Hymne
der vorerst kulturell bestimmten Nationalbewegung. Die Dichtungen von Jens
Henrik Oliver ("Janus") Djurhuus (1881-1948) fußen auf diesem
Nationalgeist, und zwei von ihnen stehen darum am Anfang der vorliegenden, von
Paul Alfred Kleinert edierten Anthologie. "Atlantis" heißt eines und
spricht in Balladenform von "jenem versunkenen, sagenumwobenen Reich",
in dem Brynhild Budladóttir eine Priesterin war.
So geht die Sage, wo die Färöer sich hoch im
Norden befinden,
lag in grauer Vorzeit das von Dichtern erträumte Land,
und die Priesterin, umspielt von Wellen und Winden,
reicht uns mondbleiche Nächte mit weißer Hand
heißt es in der gelungenen Übertragung von
Annemarie Bostroem. Wer einer skandinavischen Sprache einigermaßen kundig ist,
kann auf der gegenüberliegenden Seite Reim, Rhythmus und Wortwahl des Originals
verfolgen; denn der Vorzug der von Kleinert betreuten Lyrikausgaben der
"Nordischen Reihe" in der pernobilis edition im Engelsdorfer Verlag
besteht darin, grundsätzlich zweisprachig zu erscheinen (bzw. in diesem Fall
dreisprachig, Heinesen hat ausschließlich dänisch geschrieben).
Janus Djurhuus steht für den Beginn der modernen färöischen Literatur. Heute
zählt er zu den beliebtesten Dichtern auf den Inseln. Die färöische Post hat
eine Briefmarkenserie herausgegeben, die zehn seiner nationalromantischen
Gedichte gewidmet ist. Überhaupt die färöischen Briefmarken: An ihnen erkennt
man den Stolz der kleinen Nation auf ihre Persönlichkeiten. Dass William
Heinesen auch ein begnadeter Maler und Zeichner war, erfährt man ebenfalls auf
diese Weise. Bilder von ihm sind auf Postwertzeichen verewigt. Auch dem
jüngeren Bruder von Janus
Djurhuus, Hans Andrias (1883-1951,) sind Briefmarken
gewidmet mit farbigen Grafiken zu seinen Kindergedichten, die allen färöischen
Erwachsenen und Kindern bekannt sind. Eine Ahnung davon vermittelt in der
Anthologie das Gedicht "Am Nest" über einen kleinen Jungen, der
hungrige Jungvögel mit Würmern versorgt (humorvoll, die kindliche Naivität
nachempfindend, übertragen von Günther
Deicke). Aus diesem Genre hätte man
sich mehr gewünscht. Vorstellbar ist jedoch, dass Turid Sigurdardóttir von der
Universität Tórshavn, die die Auswahl der älteren Texte besorgte, möglichst
die ganze Bandbreite eines Lyrikers vorstellen wollte. Und das ist bei nur drei
Gedichten naturgemäß schwer. Insgesamt sind 15 Lyriker und eine Lyrikerin in
der Anthologie vertreten, die lebenden Autoren mit jeweils zwei von ihnen selbst
ausgewählten Gedichten. Es ist in einer Rezension schwer möglich, auf jeden
von ihnen einzugehen oder auch nur, alle Namen zu nennen, zumal für den
deutschen Sprachraum völliges Neuland betreten wird, nur im - sagen wir -
Schwesterland Dänemark sind einige mit ihren Gedichten bereits vorgestellt.
Natürlich versucht man Motivisches, das den Dichtern gemein ist, zu entdecken,
und das gelingt auch mühelos. Vor allem die Natur zieht sich als Hauptmotiv
durch: das Meer, die Berge, der Nebel, die Vögel und Schafe und inmitten der
arbeitende Mensch: Fischer, Seeleute, Vogelfänger, Bauern. "Hörtet ihr
den Atemzug des Meeres…" beginnt das Gedicht "Heuernte am Meer"
von William Heinesen. Weiter sei es hier nicht zitiert, weil es in der
Nachdichtung, nein, hier sollte man von einer Rohübersetzung sprechen (Inga
Meincke/Günther Deicke), nicht gelungen ist, den einfachen Rhythmus und die
Reime des Gedichts zu übertragen. Die Schlusszeilen lauten auf Dänisch:
Havsuset stiger for Skumringens Vind:
skynd jer, Høstfolk, før Nat strømmer ind!
- ein poetisches Bild, das an "Wanderers Nachtlied" von Goethe erinnert - und ist mit
das Meeresrauschen steigt an im Abendwind:
beeilt euch, Schnitter, ehe die Nacht hereinströmt!
zwar übersetzungstechnisch korrekt, aber bar
jeder Poesie wiedergegeben.
Wie schön dagegen ein von Annemarie Bostroem übertragener Vierzeiler von
Christian Matras (1900-1988), auch einem der ganz Bedeutenden in der
färöischen Literatur:
Das Licht und das Meer
begannen ein Spiel
zu uralter Zeit,
das währt bis in Ewigkeit.
So könnte man fortfahren und weitere Verse anderer Dichter zitieren: die Natur aus immer wieder anderen Blickwinkeln, aber auch ihre Bedrohung, wie bei einem dritten Djurhuus, Tummas Napoleon (1928-71). Ein Gedicht von ihm, "Und weiter der Tanz", ist in zwei Übertragungen abgedruckt. Hier sei die vierte Strophe zitiert:
Ohren vernehmen Fetzen von Psalmen,
- Boote und Segel verschwanden im Nichts -,
aufschreit ein Laut, wie sich Erze zermalmen,
wenn das eiserne Schiff auseinanderbricht. (Günther
Deicke)
Bei Annemarie Bostroem lautet sie so:
Fetzen von Psalmen vernehmen die Ohren,
die Schiffe sind in der Tiefe verschwunden,
ein Laut von berstendem Stahl - und verloren
erliegt der stählerne Rumpf seinen Wunden.
Ein interessantes Beispiel, wie eng an den
Originaltext gelehnt, zwei auf unterschiedliche Weise gelungene Übertragungen
entstehen können. Eine eigene Tragik liegt über diesem Gedicht: Die
Nachdichtung Deickes musste von Paul Alfred Kleinert ergänzt werden, weil der
Tod der Vollendung zuvor kam.
Soweit zu den "klassischen" färöischen Lyrikern. Es folgt ein
deutlicher Generationensprung, mit dem auch Themenwechsel angesagt ist. Zwar
spielt die Natur auch weiterhin eine Rolle, aber nicht so vordergründig. Am
ehesten noch bei Gudrid
Helmsdal, geboren 1941, der einzigen Frau in der
Dichtergalerie, die auch schon dem deutschen Leserpublikum in einer kleinen,
feinen zweisprachigen Ausgabe vorgestellt wurde: "Stjørnuakrar -
Sternenfelder". Auch hier war Paul Alfred Kleinert der Herausgeber, Annette
Nielsen, eine auf den Färöern lebende Deutsche, die Nachdichterin. Von den
zarten Gedichten der Helmsdal aus dem genannten Band sind zwei in die Anthologie
aufgenommen worden, von denen eines in seiner Schlichtheit und poetischen Kraft
in Gestalt des Austernfischers, eines Vogels, der regelmäßig am 12. März auf
die Inseln zurückkommt, gleichsam als Symbol für den ersehnten nordischen
Frühling stehen kann:
MorgunMorgen
i marsim März
Hjartad: Das Herz,
eitt tjaldurein Austernfischer
FlýgurFliegt
til tínzu dir.
Die Nachdichtungen der jüngeren Generation hat sonst größtenteils Inga Meincke übernommen, ebenfalls eine Kennerin der färöischen Sprache. Hier waren Übertragungen alter Fasson nicht gefragt, die Generationen ab den vierziger Jahren schreiben reimlos und in freien Rhythmen. Von Nationalromantik keine Spur, die Autonomie der Nation war ab 1948 festgeschrieben, der Balladenstil abgelegt. Aber vielleicht hat Heinesen recht, und die Färinger wollen sich nicht so ohne weiteres trennen von dem "wild und anachronistisch blühenden Mittelalter". So könnte man das Gedicht "Lass mich die Splitter in deinem Auge sehen" von Alexandur Kristiansen, geboren 1949, lesen:
Lass mich den Splitter
In deinen Augen sehen, Geliebte
weinen kannst du,
doch weine ihn nicht fort
dir die Augen reiben kannst du, doch
reib ihn nicht fort
lass ihn uns bewahren,
Geliebte
(…)
lass ihn Gegenstand sein
von Geschichten und Gedichten
ein Runenstab in den Händen von Wiedergängern
lass ihn uns bewahren, Geliebte
Bestimmt hat Heinesen recht, was die Alltagskultur der Inselbewohner betrifft. Die mittelalterliche Tanzform, der sogenannte Kettentanz, und die Ballade sind auch heute bei Festlichkeiten nicht wegzudenken. Der Lyriker der färöischen Moderne bewegt sich natürlich nicht in diesen alten Formen. Er ist an Bewusstseinsströmen geschult. Aber wenn z.B. Carl Jóhan Jensen, Jahrgang 57, im Motorboot über Felsbrocken schrammt, dann denkt er an den "schatten eines fenriswolfs-abkömmlings, hinrasend über ein halbdunkles/offenes feld oder einem, der bei mondaufgang noch unschlüssig wechselt" ("ellypsis"/"ellypsis"). Es finden sich erstaunlich wenig pessimistische Züge, am ehesten noch als Anklage formuliert wie bei Jóanes Skekjær Nielsen, geboren 1953.
Die Dichter bewegen sich vorsichtig zwischen den
Wörtern als seien
diese Blumen oder schlafende Kinder
haben vergessen dass Worte auch schreien und verführen
sitzen unrasiert im Dunkel und träumen vom Tod.
(…)
Wir waren nicht die ersten
werden auch kaum die letzten auf Erden sein.
Von jedem Zeitalter bleiben fünfzig, oder vielleicht
Hundert Bücher.
Der Rest Gräber mit vergessenen Worten.
Die vom Jahrgang 1957 sind die Jüngsten in der
Anthologie. Zwei Gedichte von Tóroddur Poulsen schließen den Band ab.
Poulsen
gilt als Punk-Poet, aber ist nun auch schon gute fünfzig Jahre alt. Wie mag es
in der wirklich jungen Lyrik der Färöer aussehen?
Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Fortsetzung. Aber ein vielversprechender
Anfang ist gemacht dank der hartnäckigen Bemühungen des Herausgebers. Leicht
war es sicherlich nicht, ein solches Projekt beim Verlag durchzusetzen. Im
Schweizer Unionsverlag ist ein Jahr zuvor schon ein Band mit Erzählungen
färöischer Schriftsteller erschienen, "Von Inseln weiß ich…". Nun
liegen also Gedichte vor. Und schon weiß man etwas mehr von einem
Literaturland, das in dieser Hinsicht bisher terra incognita war. Wie schon beim
Gedichtband von Gudrid Helmsdal hat Kleinert ein kenntnisreiches und
einfühlsames Nachwort geschrieben, in dem er auf Geschichte und Literatur des
Inselreichs im Norden eingeht. Daneben gibt es Bio-bibliographische Notizen zu
Autorinnen und Autoren samt allen, die übersetzt und nachgedichtet haben.
Es fehlt bei dieser sorgfältigen Edition auch nicht die Danksagung, denn ein
solches Projekt ist nicht ohne kräftige, auch finanzielle Unterstützung
machbar. Hilfreich wären allerdings Aussprachehinweise gewesen. Versucht man,
die färöischen Texte phonetisch einigermaßen richtig zu lesen, um den
Sprachklang nachzuempfinden, ist man auf verlorenem Posten. Isländisch hilft
keineswegs weiter, auch wenn die phonetischen Zeichen sich ähneln. Trotzdem
gibt es nichts Besseres für das lyrische Genre als eine zweisprachige Ausgabe,
die hilft auch über ein paar Fragwürdigkeiten in der Übertragung hinweg.
Wobei nicht unterstellt werden soll, die Übersetzerin kenne ihre Muttersprache
nicht, wenn da zu lesen ist: "Ich wollte dir nur besuchen". Warum
allerdings der Dativ statt des Akkusativs steht, bleibt (zumal sie keine
Berlinerin ist) ihr Geheimnis.
Goethe wusste Prioritäten zu setzen: "…was man auch von der
Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eines
der wichtigsten und würdigsten Geschäfte im allgemeinen Weltverkehr."
Man sollte des öfteren Post von den Färöern bekommen - und nicht nur wegen
der Briefmarken.
Am 21. Februar 2008 werden um 19 Uhr im Felleshus
der Nordischen Botschaften in Berlin der Herausgeber Paul Alfred Kleinert und
der Dichter Hedin Magni Klein die Anthologie vorstellen.
Gáva
Geschenk
Einki var
Nichts war
Sum hin gáva var wie jenes Geschenk war
Var sum hin angi War wie jener Duft
Av øllumder
alles
Bar
übertraf
(Hedin Magni Klein/Inga
Meincke)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © Lutz Volke
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"Frá Áarstovubrøðrunum til
Tórodd - føroysk yrking í hundrað ár /
Von Djurhuus bis Poulsen – färöische
Dichtung aus 100 Jahren".
Anthologie von Paul
Alfred Kleinert (2007, Pernobilis-Edition
des Engelsdorfer Verlages).
Besprechung von Dietmar
Pertsch, Berlin-Steglitz für die RezensionenWelt,
Januar 2008:
Segle,
Insel, hinaus in die Welt
Die erste klassisch-moderne färöisch-deutsche
Lyrikanthologie – ein literarisches Ereignis
18 baumlose, fjordreiche Felseninseln, von denen nur 17 mit insgesamt nicht einmal 50 000 hauptsächlich vom Fischfang lebenden Färingern (oder Färöerern) bewohnt sind, und zahlreiche Schären im Nordatlantik zwischen Schottland und Island bilden die Inselgruppe der Färöer. Dort spricht man kaum dänisch – die Färöer gehören zu Dänemark, besitzen aber seit 1948 Selbstverwaltung mit eigener Volksvertretung – sondern die Muttersprache von 60.000 (48 000 auf den Inseln lebenden) Färingern ist das Färöische. Diese mit dem Isländischen eng verwandte germanische Sprache hat eine eigenständige färöische Literatur hervorgebracht. Deren wichtigste Zeugnisse sind mündlich überliefert, zum Tanz gesungene Lieder und Balladen, die später aufgezeichnet wurden. Seit nun Mitte des 19. Jahrhunderts eine färöische Schriftsprache entstanden ist, gibt es auch eine schriftliche Literatur, Prosa und Lyrik, von hohen Graden. Es ist ein nicht genug zu beachtendes Phänomen, wie innerhalb von hundert Jahren eine höchst beachtliche Zahl überragender Lyriker aus dieser doch sehr kleinen Sprachgruppe des Färöischen erwuchs.
Paul Alfred Kleinert, geb. 1960 in Leipzig, Lyriker (sein neunter Gedichtband an Inseln gewiesen erscheint demnächst in Wien) und Herausgeber mehrerer Lyrikreihen, hat sich die verdienstvolle Aufgabe gestellt, die Sammlungen färöischer Lyrik zu sichten und auf der
Grundlage
der Interlinearversionen von Inga Meincke eine zweisprachige Anthologie färöischer
Dichtung aus hundert Jahren in einem auch äußerlich ansprechenden Band
herauszugeben. In Nachdichtungen und Übertragungen von Annemarie
Bostroem, Günther
Deicke, Inga Meincke, Annette Nielsen und ihm selbst präsentiert er
sechzehn färöische Dichter, beginnend mit dem Ältesten – Jens Henrik Oliver
Djurhuus (1881-1948) – und endend
mit dem Jüngsten –Tóroddur Poulsen (geb. 1957). – diese beiden Autoren geben der
Anthologie ihren Namen. Die Auswahl der klassischen Texte, die die erste Hälfte
des Buches füllt, besorgte Dr.
Turiđ Sigurđardóttir von der färöischen Universität Tórshavn,
die der lebenden Autoren Kleinert und Sigurđardóttir
unter Einbezug der Autoren gemeinsam. Jeder Autor ist mit drei (von den
klassischen) bzw. zwei (von den am Leben befindlichen Autoren) Textbeispielen
vertreten.
Die Anthologie belegt die
Reichhaltigkeit färöischer Literatur: meisterhafte Natur- und
Landschaftsschilderungen, Orientierung des Menschen im Äußeren der Welt,
Erfahrungen des Alltags, existenzialistisch geprägtes Denken, Hinterfragung des
Ich und dessen Bestimmung in der Welt – dies sind nur einige der Themen, wie
sie Kleinert in seinem Nachwort den einzelnen Autoren zuordnet und damit den
Leser auch herausfordert, diese Interpretation mit den eigenen Leseeindrücken
zu vergleichen. Was diesen Band so wertvoll, ja zum Ereignis macht, ist nicht
nur die Begegnung mit einer außerordentlichen, den meisten Literaturfreunden
bisher auf Grund der Sprachbarriere verschlossenen Dichtung, sondern auch die
sorgfältigen zusätzlichen Informationen, die Kleinert dem Leser im Anhang
angedeihen lässt: Biographische und bibliographische Anmerkungen zu jedem der
Autoren einschließlich der Übersetzerinnen, der Nachdichterinnen und
Nachdichter sowie ein Nachwort, in dem die Entwicklung der färöischen Sprache
und Literatur nachgezeichnet wird.
Unsere Leseempfehlung:
eine außerordentliche Lyrikanthologie, die zur Begegnung mit einer bisher
unbekannten Lyrikwelt in vorbildlicher Weise zu locken vermag.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © Dietmar Pertsch
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"Frá Áarstovubrøðrunum til
Tórodd - føroysk yrking í hundrað ár /
Von Djurhuus bis Poulsen – färöische
Dichtung aus 100 Jahren".
Anthologie von Paul
Alfred Kleinert (2007, Pernobilis-Edition
des Engelsdorfer Verlages).
Besprechung von Marek Jakubów ,
Professor am Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Lublin
für die RezensionenWelt,
Januar 2008:
Eine Anthologie der färöischer Poesie mag sogar für den literaturkundigen Leser ein wenig exotisch erscheinen. Erst bei genauerem Zusehen erweist sich, dass die kleine, geographisch als Reiseziel für anspruchsvolle Touristen fixierbare Landschaft im Norden – eine Sprachenklave von 60000 Färöisch sprechenden Menschen - keine tabula rasa auf der literaturgeschichtlichen Karte Europas ist. Die ältesten Sprachdenkmäler reichen weit in die Zeit des frühen Mittelalters zurück.
Der Herausgeber des Bandes Paul Alfred Kleinert, selbst ein Dichter, revidiert das vertraute postromantische Bild des sagenumwobenen Nordens, indem er zusammen mit dem Team von Nachdichter/innen den Versuch unternimmt, einen Überblick über die färöische Lyrik aus den letzten hundert Jahren zu präsentieren. Die Leser, die dunkle Töne einer ursprünglichen Dichtung erwarten, finden sie in den den Band eröffnenden älteren Gedichten von Jens Henrik (Janus) Djurhuus und vor allem in dem Schaffen der älteren färöischen Dichtergeneration. Die neuromantische Kulisse der Mondnächte, verschwommener Bilder an der Grenze zwischen Realität und Phantasie wird jedoch seit den 40er Jahren immer intensiver durch die moderne Distanz gebrochen, die mit der kritischen Wahrnehmung der poetischen Sprache einhergeht und das Überlieferte in die Sphäre des Spiels zwischen Erinnerung und dem Bewusstsein der bedingten Symbiose mit der heimatlichen Landschaft verlegt. Die idyllische Stimmung stören auch die nahen Kriegsechos, was in dem Gedicht Ein Sommer in Klaksvik 1941 herauszuhören ist, obwohl sich die Auslegung der Kriegsereignisse ähnlich wie in der deutschen Lyrik dieser Zeit in die Sphäre des Allgemein-Abstrakten vollzieht. Die Gegenwart kommt zu Wort nur am Rande. Auch in den späteren Gedichten ist sie nur als ferner Klang übergreifender Prozesse, die den heimischen Raum in einer neuen Perspektive erscheinen lässt. Bei K. Hoydal gewinnt das klassisch anmutende Menschliche, das aus der heimatlichen Umgebung schöpft, kosmische Dimension, die mit dem modernen Vokabular (Weltraum, Universum) ausgedrückt wird. Bei T. M. Djurhuus verbindet sich die existenzielle Angst mit der seit Hiroshima realen Gefahr der nuklearen Vernichtung.
Mit dem Erscheinen moderner Tendenzen in der färöischen Lyrik wird auch das traditionelle Bild der Nordinseln kritisch hinterfragt. In dem diskursiv angelegten Gedicht Färinger in Dublin von S.B. Jacobsen wird die färöische Tradition in isolierter Form als Museumsgegenstand gezeigt. Auf diese Weise gewinnt sie differenzierte Deutungsmöglichkeit sowohl als ruhmreicher Gründungsmythos und bleibender künstlerischer Wert als auch als verpasste Chance: „Das Vorbild gesunken im 8. Jahrhundert, lag im Torf“. Die ungestörte Affirmation der Natur scheint mit dem Verlust der Bindung an die Natur in den neuesten Gedichten aus den 90er und 2000er Jahren endgültig ein unwirkliches Postulat zu sein. Die Hürde bildet das städtische Bewusstsein, das in zitatartigen Redeweisen in dem Gedicht von R. R. Patursson Der Besuch zu Wort kommt: „Dort, wo man hinsieht, erheben sich häβlich die Berge“. Ebenso geht in Leuchtender Wind die Entfremdung zwischen zwei Personen mit dem Verlust der Fähigkeit, Erscheinungen mit natürlichen Farben zu vergleichen. Katastrophische Stimmung ist bei A. Kristiansen wahrzunehmen, der an sakrale Ausdrucksformen anknüpft, und bei J. S. Nielsen, der den alten Redeweisen und bildlichen Vorstellungen keinen eindeutigen Sinn mehr zuordnen kann: „Vielleicht ist es die Schwermut aus den tiefen nordeuropäischen/ Wäldern die uns verfolgt“. Bei C. J. Jensen erlaubt die Bilderflut keine klaren Zuordnungen mehr und lässt das Gefühl des Unbefriedigtseins, das mit dem in griechischer Sprache formulierten Titel – Das Zuwenig die einzige Konstante zu sein scheint.
Die äußeren Einflusse der modernen Lyriktendenzen, die im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in der färöischen Lyrik wahrzunehmen sind, lassen sie als Teil europäischer Literatur wahrnehmen, die auch einen deutlich regionalen Einschlag aufweist.
Die Ortsverbundenheit ist zweifelsfrei das prägende Moment für die ganze in der Anthologie präsentierte färöische Dichtung. Wie den biographischen Notizen zu entnehmen ist, finden die meisten Dichter trotz wechselnder Studien- und Aufenthaltsorte ihren festen Platz zum Leben eben auf den Färöern. Vom beinahe mythischen Glauben an die Macht ihres Lebenskreises über apologetisch-patriotische Töne, bis zur Dekonstruktion des Heimatbildes ist die insulare Meereslandschaft gegenwärtig in der Vorstellungskraft der Autoren und in der von ihnen geschaffenen Bildlichkeit, was die Eigenart der färöischen Poesie bestimmt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt © Marek Jakubów
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"Frá Áarstovubrøðrunum til
Tórodd - føroysk yrking í hundrað ár /
Von Djurhuus bis Poulsen – färöische
Dichtung aus 100 Jahren".
Anthologie von Paul
Alfred Kleinert (2007, Pernobilis-Edition
des Engelsdorfer Verlages).
Besprechung von Peter Bickel für Nordis,
Seite 74, Mai 2008:
100 Jahre färöische Poesie
Es ist die erste färöisch-deutsche Anthologie in Deutschland überhaupt und von daher ein besonderes Ereignis: Beginnend von Jens Henrik Oliver Janus Djurhuus (1881 - 1948) bis hin zu Tóroddur Poulsen (* 1957) stellt das Büchlein 16 färöische Dichter/innen mit meist zwei Werken vor, jeweils im Original und auf der gegenüber liegenden Seite in deutscher Übersetzung. Die poetische Tradition der Nordatlantik-Inseln ist ja noch jung, denn erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert eine färöische Schriftsprache. Und wie nicht anders zu erwarten findet sich die Natur als zentrales Thema in allen Texten, die das Fischfang-Volk auf den 18 baumlosen Inseln im Nordatlantik entscheidend prägt. „Offen und eisblau steht der Himmel im Norden, klar über diesig schlaftrunkener Erde, das Meeresrauschen steigt an im Abendwind, beeilt Euch, Schnitter, ehe die Nacht hereinströmt“, schreibt etwa William Heinesen in „Heuernte am Meer“. Hedin Brú – alias Hans Jacob Jacobsen – ist nicht direkt vertreten, sondern wird nur mit dem wunderschönen Fragment „… ein feuchter, flüchtiger Abdruck der Lebenswelle im Sand“ zitiert, das dem Buch als Motto voransteht. Sehr informativ: Herausgeber Paul Alfred Kleinert stellt alle Autorinnen und Autoren – auch die Übersetzer – in einer halbseitigen biobibliographischen Notiz vor und gibt in seinem Nachwort einen kurzen Abriss der färöischen Literaturgeschichte.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.peterbickel.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0508 LYRIKwelt © Peter Bickel