Fänger im Roggen von Jerome D. Salinger, 2003, KiWi1.) - 2.)

Fänger im Roggen.
Roman von Jerome D. Salinger (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Daniel Kehlmann in der Frankfurter Rundschau, 13.9.2003:

Welt, gebündelt im Geist eines kleinen Mädchens
Jerome D. Salinger nahm die Mystik ernst genug, um mit dem Publizieren aufzuhören: Sein Klassiker "Fänger im Roggen" in neuer Übersetzung

Holden Caulfield, angewidert vom verlogenen Milieu seiner teuren Privatschule und seines Elternhauses, wird von der Schule verwiesen, zieht räsonierend durch New York, trifft eitle Frauen und verlogene Männer, forscht den vom Eis vertriebenen Enten im Central Park nach, setzt zuletzt seine kleine Schwester auf ein Karussell, dessen Betrachtung ihm einen seltenen Moment völligen Einsseins mit sich selbst ermöglicht, und hat bald darauf einen Zusammenbruch, der ihn geradewegs in die Nervenheilanstalt bringt - das ist die Handlung des bis heute wirkungsmächtigsten Romans der fünfziger Jahre.

Obwohl der Fänger im Roggen sein Leben von unzähligen scharf beobachteten Details, von seinem Humor und der grandios eingefangenen Jugendsprache des Protagonisten erhält, verdankt er seine Grundmotive einer recht abstrakten Philosophie. Unsere Kindheit, schrieb Friedrich Schiller, sei die einzige unverdorbene Natur, die wir in der Menschheit anträfen: "Kinder sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen." Damit umreißt er die Weltsicht Salingers und die Sehnsucht seines verirrten jungen Helden.

Das Kind ist der Hauptdarsteller jeder Entfremdungstheorie. Wir Menschen, sowohl in der Geschichte als auch im Lebenslauf jedes Einzelnen, waren Natur, plötzlich aber sind wir Künstelei und Verstellung, alles um uns wird zur Lüge, und der Weg zurück ist versperrt. Sich damit abgefunden zu haben, mit allen Kompromissen, aller Falschheit des verlogenen Lebens, das wäre das Erwachsensein. Die Übergangszeit, wenn solch ein Kompromiss noch unmöglich scheint, ist die Adoleszenz. Gerade in ihr, meinte Schiller, ist die Betrachtung von Kindern besonders schmerzhaft: "Das Gefühl, von dem ich rede, ist eher demütigend als begünstigend für die Eigenliebe; und wenn ja ein Vorzug dabei in Betrachtung kommt, so ist dieser wenigstens nicht auf unserer Seite."
In einer Traumphantasie möchte Holden die physische Überlegenheit des Erwachsenen einsetzen, um Kinder vor jenem "verrückten Abgrund" zu schützen: "Also, wenn sie rennen und nicht aufpassen, wo sie hinlaufen, dann muss ich irgendwo rauskommen und sie fangen. Und das würde ich den ganzen Tag lang machen. Ich wär einfach der Fänger im Roggen und so." In diesem Roman hat jeder Erwachsene unrecht und jedes Kind recht, und wie so oft bei Salinger, diesem mystischen Autor, der die Mystik ernst genug nahm, um das Publizieren aufzugeben, konzentriert die Weisheit der Welt sich auf den Geist eines kleinen Mädchens, Holdens Schwester Phoebe.

Dass die Ursprünglichkeit allein nicht unsere Befreiung sein kann, dass der Weg zur Wiedergewinnung des Naiven durch das Sentimentalische führt, dass die Erkenntnis, wie Kleist es im Traktat über das Marionettentheater ausführt "gleichsam durch ein Unendliches" gehen muss, von diesem Dilemma handeln Salingers drei Bücher nach dem Fänger im Roggen. So ist die Hauptfigur der buddhistischen Erzählung "Teddy" die Synthese zwischen Kindlichkeit und größtmöglicher Erfahrung, nämlich ein Junge, der nach Milliarden von Wiedergeburten mit seinen kleinbürgerlichen Eltern eine Ozeanüberfahrt macht und nebenher sein Wissen über den wenige Stunden entfernten eigenen Tod preisgibt. "Ich gehe zum Schwimmbecken hinunter, und vielleicht ist überhaupt kein Wasser drin. Doch könnte es zum Beispiel geschehen, dass ich bis an den Rand trete, vielleicht nur, um auf den Grund zu schauen, und meine Schwester kommt hinter mir her und stößt mich hinein: dann könnte ich mir den Schädel brechen und würde auf der Stelle sterben. Meine Schwester ist erst sechs, uns sie hat noch nicht sehr viele Leben als menschliches Wesen verbracht, und sie liebt mich nicht besonders."
Wie unmenschlich scheint plötzlich die Erleuchtung, wie sicher und bequem das von Holden so verachtete entfremdete Leben. "Teddy" beschließt Salingers eigentliches Hauptwerk, den Erzählband Neun Geschichten, in dem er die Grundlinien eines Familienepos der Geschwister Glass umreißt, deren ältester, Seymour, einen eigentümlich heiteren Selbstmord begeht und deren zweitältester, Buddy, einen Erfolgsroman über einen voll Weltekel durch New York irrenden Jugendlichen schreibt. Es ist wohl nicht falsch, diese Eingliederung des Fänger im Roggen in den Glass-Kosmos als partielle Rücknahme zu verstehen, - ebenso wie es richtig ist, Salingers Verweigerung einer Buchpublikation seiner letzten Erzählung "Hapworth 16, 1924" als Ablehnung nicht des Schreibens, aber des Publizierens überhaupt zu begreifen.

Mag auch seither jedes programmatische Verstummen eines Schriftstellers schon etwas Epigonales haben, so liegt der Fall bei Salinger selbst doch anders. Das Verlogene im Dasein des souveränen, Perfektion anstrebenden Künstlers war von Anfang an ein Hauptthema dieses perfekten Artisten; nicht umsonst graut es Holden vor Laurence Olivier, vor guten Jazzpianisten und brillanten Drehbuchautoren, also vor allem selbstbewussten Virtuosentum. "Und ich bin heute abend überzeugt", lässt er Seymour Glass zu Buddy sagen, "dass alle ‚guten' literarischen Ratschläge so sind, als wünschten Louis Bouilhet und Maxime Du Camp Flaubert die Madame Bovary auf den Hals. Jaja, diese beiden mit ihrem ausgezeichneten Geschmack haben ihn dazu gebracht, ein Meisterwerk zu schreiben. Und er starb als eine Weltberühmtheit, und das war das einzige, was er nicht war."
Auch Salinger, der Weltberühmte, entschied sich mit Kierkegaardscher Konsequenz gegen die Spaltung zwischen Werk und Existenz und wurde einer der einflussreichsten Schriftsteller seiner Zeit - sowohl durch seine vier Bücher als auch durch sein Schweigen danach. Fänger im Roggen liegt jetzt in einer sehr guten Neuübersetzung vor.

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Fänger im Roggen von Jerome D. Salinger, 2003, KiWi2.)

Fänger im Roggen.
Roman von Jerome D. Salinger (2003, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Michael Schmitt in Neue Zürcher Zeitung vom 3.01.2004:

Befreit von Staub und Brillantine
Salingers «Fänger im Roggen» - gegenwartsnah übertragen

«Ich bin der irrsinnigste Lügner», «ich bin sehr schwach», «ich bin ein ziemlich nervöser Typ» - was auch immer Holden Caulfield über sich selbst erklärt, gilt in dem Moment, da er es niederschreibt, absolut; ist dem Augenblick geschuldet, aber im nächsten Moment womöglich auch schon überholt. Konstant ist nur sein Ekel vor der heuchlerischen Welt der Erwachsenen, seiner Lehrer, seiner eitlen oder pickligen Mitschüler. Konstant ist die unglaubliche Überreiztheit, mit der Holden auf Dinge reagiert, die ihm nicht gefallen - also eigentlich auf seine gesamte Umgebung, wie ihm irgendwann von seiner Schwester Phoebe bescheinigt wird.

Alles das sprudelt aus Holden heraus, weil er nach einem Zusammenbruch auf Anraten des Psychiaters aufschreiben soll, wie es zu seiner Einweisung ins Sanatorium kam und warum man ihn dort darauf vorbereiten will, einen weiteren Anlauf zu einer ordentlichen Schullaufbahn zu unternehmen. Sechsmal ist er schon von Schulen verwiesen worden, zuletzt von der teuren Pencey Prep; die Umstände, unter denen er unmittelbar vor Weihnachten dieses steife, altmodische Institut verlässt, und die folgenden Tage, in denen er ziellos durch New York treibt, weil er nicht vor dem offiziellen Schuljahresende vor seine Eltern treten will - das ist jene Geschichte vom «Fänger im Roggen», die seit 1951 unendlich viele Schüler zwangsweise beschäftigt hat, die aber nicht nur deshalb weltweit in zweistelliger Millionenzahl verkauft worden ist.

IDEALE IDENTIFIKATIONSFIGUR

J. D. Salinger hat sich stets einer Verfilmung seines Romans widersetzt - Holden Caulfield lebt also ausschliesslich im Reich des gedruckten Wortes und ist trotzdem tiefer im kulturellen Gedächtnis verankert als alle nachgeborenen Charaktere, die nur zu gerne in seine Fussspuren gesetzt worden sind. Holden Caulfield bietet nahezu jedem eine Möglichkeit zur Identifikation, zum Wiedererkennen des eigenen Widerwillens gegen die «Welt-wie-sie-ist» und zum Revitalisieren des kleinen Restbestandes an rebellischem Potenzial. Holden ist ein verstörter Idealist, schnurstracks auf dem Weg zur Selbstzerstörung, aber seine Motive dafür sind allemal überzeugend. Er trägt seine rote Jägermütze am liebsten verkehrt herum, nimmt kein Blatt vor den Mund, moralisiert im übelsten Slang und neigt zu einer gewissen, oftmals ästhetisch begründeten Überheblichkeit.

Er ist durchaus das Kind einer verflossenen Zeit und Kultur, wenn man genauer hinschaut, denn J. D. Salinger hat ihm neben einer religiösen und ethischen Seite auch viel traditionelle Bildung mit auf den Weg gegeben. Da sind etwa Holdens Liebe für «Out of Africa» und einige andere klassische Romane und sein Wunsch, die Verfasser am liebsten als Freunde in Reichweite zu haben. Da streift ein sechzehnjähriger Jugendlicher meist mit Anzug und Krawatte durch Manhattan, schimpft auf das Kino, weil es nur die billigen Gefühle bedient, und zieht daher für sich selbst Bühnenshows nach klassischem Broadway-Muster vor, wenn er ein Mädchen ausführt. Holden Caulfield ist tief in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts verankert, auf eine pubertäre Weise ist er fast schon wertkonservativ. Aufgewachsen in einer Zeit ohne ständige Fernsehberieselung, ohne Music-Clips, ohne Internet; in einer Welt, die also recht grau erscheinen könnte, wenn sie nicht anderweitig so reich mit den Zutaten des Grossstadtlebens bestückt wäre: mit den Bars von Manhattan, mit Taxifahrern und Nonnen, Nutten und Zuhältern, mit der Sorge um das Überleben der Enten im Central Park. Mit dem ganzen Spektrum des Lebens eines Jungen aus gutem Hause, dem durchaus Möglichkeiten offen stehen, seine Hormonschübe auszuleben, der aber noch ohne jene jugendkulturellen Freiräume auskommen muss, die in späteren Jahrzehnten erst erobert wurden.

Dass «Der Fänger im Roggen» allerdings auf eine problematische Weise tradiert worden ist, hat sich seit langem herumgesprochen. Die amerikanische Originalfassung wird schon in England von Hamish Fulton nur in entschärfter Form aufgelegt; diese Version wird aber als Penguin-Classics-Ausgabe quasi kanonisch und deshalb auch zur Grundlage der verrufenen Übersetzung, die 1954 von Irene Muehlon vorgelegt und 1962 von Heinrich Böll nur sanft revidiert wird. Sie spiegelt wenig von dem virtuosen Gestus des Originals. Stattdessen regiert ein gepflegtes Deutsch sowohl Syntax wie Wortwahl - und wenn es mal derber zugeht, klingt ein neckischer Unterton mit, man denkt dann an Vespas und an Peter Kraus; man sieht ein, dass es seinerzeit wohl nicht anders sein konnte, aber man ahnt auch, was damit verschenkt werden musste.

ZURÜCK IN DIE GEGENWART

Nun - endlich - ist es mit diesem Elend vorbei, denn Eike Schönfeld hat auf der Basis der 1995 erschienenen, rekonstruierten Originalfassung den Roman komplett neu übersetzt. Man könnte auch sagen, er hat ihn sprachlich so in die Gegenwart zurückgeholt, dass man endlich erkennen kann, wie vital dieser Junge geblieben ist. Wo immer man das Buch aufschlägt: Eike Schönfelds Übersetzung ist fast ausnahmslos laxer und knapper im Satzbau, lakonischer und souveräner im Umgang mit dem beschränkteren Wortschatz, den das Deutsche bereithält. Und was wohl noch entscheidender ist - seine Fassung wirkt nicht bemüht, biedert sich keiner künstlichen Jugendsprache an. So resümiert er beispielsweise Holdens sentimentale Rückschau auf das Verhältnis zu seiner besten Freundin Jane: «Man wusste bloss eines, man war glücklich. Wirklich.» Bei Muehlon/Böll dagegen wird diese Passage ausgewalzt zu: «Man wusste nur, dass man glücklich war. Und mit ihr war man tatsächlich glücklich.» Und anderswo macht Schönfeld aus Holdens prägnantem «You give me a royal pain in the ass» ein krasses «Du gehst mir gewaltig auf den Sack» und trifft es auch damit gewiss genauer als seine beiden Vorgänger mit dem gezierten «Von dir bekomme ich Bauchkrämpfe»... Fortsetzung

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