Fado Alexandrino von Antonio Lobo Antunes, 2002, Luchterhand1.) - 2.)

Fado Alexandrino.
Roman von Antonio Lobo Antunes (2002, Luchterhand - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Käthe Trettin in der Frankfurter Rundschau, 10.4.2002:

Ohne Radiergummi leben
António Lobo Antunes las aus "Fado Alexandrino"

"Was Sie heute Abend hören werden, ist Weltliteratur", verkündete Maria Gazzetti, Chefin des Frankfurter Literaturhauses - wodurch die ohnehin hohe Erwartung des zahlreich dort erschienenen Publikums noch mal gesteigert wurde. Der so angekündigte Stargast António Lobo Antunes wirkte auf dem Podium indessen trotz seiner kantigen körperlichen Präsenz eigentümlich zurückgenommen. Mit leiser, fast tonloser Stimme las er. Es hörte sich an wie eine weiche portugiesische Liturgie. Dass dieser Autor aus einem zornigen Furor heraus schreibt, wurde erst deutlich, als Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann die deutsche Version mit Bravour und Gusto präsentierte.

António Lobo Antunes, 1942 in Lissabon geboren, war zunächst Militärarzt in Angola und später Psychiater, bevor er mit dem Schreiben begann. Mittlerweile kann er vierzehn Romane vorweisen, von denen in den vergangenen Jahren einige auf deutsch erschienen sind, und jetzt auch, mit zwanzig Jahren Verspätung, sein mutmaßliches Meisterwerk Fado Alexandrino.

Wer je die portugiesische Nelkenrevolution von 1974 romantisierte, wird durch diesen 800-Seiten-Roman desillusioniert. "Portugal ist zum Kotzen", und zwar vor der Revolution, während der Revolution und nach der Revolution - so die drei Teile des Buches, die jeweils in zwölf Kapitel unterteilt sind, in Analogie zum zwölfsilbigen Versmaß des Alexandriners. Ein Treffen von fünf Kriegsveteranen ist nur der äußerliche Anlass, um einen epischen Gesang, eine Polyphonie der Stimmen zu entfalten, wie Wolfram Schütte in seiner Einführung erläuterte.

Bei Lobo Antunes gibt es keinen Erzähler, kein Zentrum der Handlung, keine Chronologie. Mehrstimmig wird aus dem sozialen Gedächtnis ohne Angst vor Tabus alles herausgeholt, vor allem der Zorn, die (sexuelle) Aggression und der Hass sowie das Leiden an diesen starken Gefühlen. Besonders eindruckvoll ist die Intonierung des Hasses im großen Monolog der Esmeralda, die sich ihrer Kindheit auf dem Land erinnert. Aber der Fado, das portugiesische Volkslied, des Lobo Antunes kennt auch skurrile, surreale Situationen, wie den aberwitzigen Versuch eines Banküberfalls mit einer Plastik-Maschinenpistole - just einen Tag nachdem die Bank zwecks Verstaatlichung durch das Revolutionskommando geschlossen wurde.

In der anschließenden Diskussion wirkte der Autor wie befreit. Bereitwillig und geistreich beantwortete er Fragen. Fado Alexandrino sei ein unfertiges Buch, "wie alle Bücher", manchmal werde er von den Figuren wie von Gespenstern geplagt. Wann solle einer, der Schriftsteller werden will, anfangen mit dem Schreiben? Man müsse vorher gelebt haben, also nicht vor dreißig. Erfahrung sei wichtig. "Wir erfinden nichts." Und, scheinbar unvermeidlich: Warum schreiben Sie? Lobo Antunes: "Weil ich nicht so tanzen kann wie Fred Astaire." Das schönste Bonmot zum Schluss: Obwohl das Schreiben eine harte Arbeit sei, wenn man nicht "den Topf auskratzen", also sich selbst wiederholen wolle, sei es gleichwohl nicht so schwierig wie das Leben, denn "Leben ist Schreiben ohne Radiergummi".

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Fado Alexandrino von Antonio Lobo Antunes, 2002, Luchterhand2.)

Fado Alexandrino.
Roman von Antonio Lobo Antunes (2002, Luchterhand - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Martin Luchsinger in der Frankfurter Rundschau, 31.8.2002:

Wenn sogar die Orgien misslingen
Auf der Klaviatur der Variationen: António Lobo Antunes Meisterwerk "Fado Alexandrino"

António Lobo Antunes, an diesem Wochenende sechzig Jahre alt, ist einer der produktivsten und einer der bekanntesten Autoren der Gegenwart. Zweimal wurde er bisher für den Nobelpreis vorgeschlagen. Seit 1985 widmet sich der frühere Arzt und Psychiater ganz seinem literarischen Werk, das in einer vielfach variierten, unverwechselbaren, von Faulkner inspirierten Suada Portugals geringen Glanz und großes Elend zum Thema hat. 1997 wurde Lobo Antunes mit seinem Handbuch der Inquisitoren auch in Deutschland einem breiten Publikum bekannt. Seither erscheint jedes Jahr ein neuer Lobo Antunes in der allseits gelobten Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann, zuletzt Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht, ein sechshundert Seiten schwerer Roman, der im letzten Jahr von der Kritik fast einstimmig gelobt und sogar als Krönung des bisherigen Werks etikettiert wurde.

Dennoch geht der Luchterhand Literaturverlag kein Wagnis ein, wenn er mit Fado Alexandrino nun einen fast zwanzig Jahre alten Roman endlich auf Deutsch herausbringt. Wer die Reise durch diesen mit knapp achthundert Seiten umfangreichsten Text von Lobo Antunes wagt, wird kein leichtfertiges Urteil mehr über die Entwicklungslinien seines Schreibens äußern. Literatur sei der Weg ins Innere der Menschen, hat Lobo Antunes in einem Interview einmal gesagt. Fado Alexandrino ist voller äußerer Ereignisse im Großen und im Kleinen und folgt dieser Poetik der Seelenerkundung dennoch hartnäckig und schonungslos. Kapitale Einschnitte der jüngeren portugiesischen Geschichte, verdrängte wie die Kolonialkriege und mythisierte wie die Nelkenrevolution von 1974, sind die politisch-sozialen Bezugspunkte des Textes. Eine Welt im Kleinen, eine Art Klassenzusammenkunft, bildet den erzählerischen Rahmen: Fünf ehemalige Mitglieder einer militärischen Einheit in Mosambik treffen sich zehn Jahre nach Ende der Dienstzeit zu einem Nachtessen in einem Restaurant im Lissabon der frühen achtziger Jahre. Ihr berufliches und privates Schicksal könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch wird im Verlaufe der Nacht - einer hört zu und vier erzählen - überdeutlich, dass sie allesamt gescheiterte Existenzen sind, betrogene Betrüger auf dem Felde der Liebe und des Berufs: Oberstleutnant Artur Esteves, mittlerweile ein vorzeitig in den Ruhestand versetzter General, hält sich als Schmuggler über Wasser und wird von Ehefrau und Geliebter gleichermaßen hintergangen. Leutnant Jorge aus der Provinz ist Bankangestellter, hat reich geheiratet, musste während der Revolution mit Schwiegereltern, lesbischer Ehefrau und Tochter nach Brasilien flüchten und wird jetzt von einer zwergwüchsigen Gynäkologin tyrannisiert. Soldat Abílio, im Bordell seiner Großmutter aufgewachsen, fristet ein trostloses Dasein als Umzugsarbeiter und Gelegenheitsstricher. Die Ehe mit seiner Cousine ist schon vor dem frühen Tod des gemeinsamen Sohnes hoffnungslos gescheitert, am unüberbrückbaren Bildungsgefälle und, wie sich im Verlauf des Abends herausstellt, am Doppelleben seiner Frau als Maoistin. Sie war in derselben Splittergruppe wie der vierte im Bunde, der ehemalige Funkoffizier Pires, ein Waisenkind, das bei seiner Patentante aufwuchs, sein politisches Engagement mit einem Jahr Folter und Gefängnis büßte, daraufhin der Maoistin ebenso wie aller Politik abschwor und zur Zeit ein Verhältnis mit einer älteren Frau unterhält. Es handelt sich, wie sich ebenfalls erst im Verlauf des Abends herausstellt, um die ehemalige Putz- und heutige Ehefrau seines einstigen Oberstleutnants.

Der geballten Trostlosigkeit der erzählten Lebensgeschichten entspricht der Verlauf des gemeinsamen Abends. "Nach den Reden zu den Huren": Die Männer wechseln nach einiger Zeit das Domizil, schleppen aus einer Bar fünf Prostituierte in die Wohnung des Leutnants und versuchen "wie früher" eine Orgie zustande zu kriegen. Während sie ständig weiterreden, ersticht der Soldat in einem Anfall betrunkener Rache-, Mord- und Bestrafungslust den Funker; er selbst wird noch am selben Tag bei einem Verkehrsunfall zu Tode kommen. Die ebenso banale wie kolportagehaft-dramatische Handlung vermag in nichts den Reiz des Romans zu erklären. Wie immer bei Lobo Antunes liegt dieser in der Art und Weise, wie die Gegenwart und die Vergangenheit, die Geschehnisse und die Erinnerungen, die Orte und die Schicksale miteinander verknüpft werden, durch eine vielstimmige Erzählweise. Ihr auffälligstes Merkmal, der häufige, oft von Satz zu Satz erfolgende oder gar Sätze halbierende Perspektivenwechsel, ist zugleich der Schlüssel ihrer faszinierenden Wirkung, mit einem Höchstmaß an komplexer Künstlichkeit einen Zugang zum Inneren der Menschen zu eröffnen.

"Werden wir in zehn Jahren auch so sein? fragte ich mich, werden wir genauso tot sein wie jetzt, genauso endgültig und unwiderruflich tot sein wie jetzt?" - Wie der fünfte im Bunde, ein meist stummer, nur zuhörender Hauptmann in einem seiner seltenen Kommentare unmissverständlich deutlich macht, ist es eine erloschene Seelenlandschaft, die sich hinter allem Reden, Fressen, Saufen und Huren abzeichnet. Der Krieg hat die Männer verroht, die desolaten Zustände bei ihrer Rückkehr wirkten alles andere als besänftigend oder gar heilend und selbst die gelungene Revolution erscheint abgesehen von einigen Monaten des Aufbruchs folgenlos: Unerbittlich streut Lobo Antunes in die Lebensberichte der Heimkehrer bitterböse Satiren auf die schlecht funktionierende Infrastruktur des modernen Portugals. Die desillusionierte Sicht auf die eigene Existenz - "ein dermaßen idiotisches Leben" - spiegelt sich in der Wahrnehmung der Außenwelt, deren Hässlichkeit bei Licht besehen unfassbar scheint: "So am Tag, wenn die Sonne grausam das Geflickte, den Schmutz, den fehlenden Anstrich und die Wunden des Elends darbot, (...) erschien alles kleiner, hässlicher, wahnsinnig deprimierend und trostlos arm."

Lichtblicke gibt es keine, dennoch aber Hoffnungsfunken, keine sichtbaren, aber hörbare. Nicht jeder Fado ist traurig, und Lobo Antunes Fado Alexandrino hat aller Düsternis zum Trotz auch warme Klänge. Anders als der Titel es vermuten lässt, ist er nicht nach dem klassischen Versmaß rhythmisiert, vielmehr gestaltet er zu den Hauptstimmen kontrapunktisch Gegenstimmen. Fulminant im vorletzten Kapitel, in dem unvermittelt die Bedienstete des ermordeten Funkers zu Wort kommt und in Form eines seitenlangen, ununterbrochenen inneren Monologs ein Gegengewicht zur männlichen Stimmenvorherrschaft hergestellt wird. Subtil über den ganzen Roman verstreut sind in diesem vielstimmigen Chor außerdem dialogische Fragmente einer nicht erlöschenden Liebessehnsucht zu vernehmen, Wiedergänger inmitten erstorbener Seelen.

Jedes Buch sei die Korrektur aller früheren, hat Lobo Antunes einmal behauptet. Fado Alexandrino zeigt, dass er bereits 1983 ein Niveau existenz- und weltumspannenden Schreibens erreicht hat, auf dem nur noch Variationen möglich sind.

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