Exzentrische
Existenzen.
Erzählungen und Reportagen von Hermann
Bang (2007, Insel - Übertragung Ulrich Sonnenberg)
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Frankfurter Rundschau, 18.4.2007:
Die große Kunst der Andeutung
Der dänische Schriftsteller Herman Bang
sollte anlässlich seines 150. Geburtstags neu gelesen und entdeckt werden
Glückliche Kindheit
Herman Joachim Bang wurde 1857 in Asserballe auf
der dänischen Insel Alsen im kleinen Belt als Sohn eines Pfarrers geboren.
Seine Kindheit voller Geborgenheit schildert er in Das weiße Haus. Im
Zentrum dieses Romans, dessen Handlung ein Jahr unbeschwerten Lebens auf dem
Land umschließt, steht die heitere und liebende Mutter inmitten ihrer Kinder.
Wie seine großen Vorbilder - Jens Peter Jacobsen,
Iwan Turgenjew und der
norwegische Dichter Jonas Lie - besticht Bang
durch stimmungsvolle Landschaftsschilderungen und einfühlsame Frauenporträts. Der Roman ist nun
zusammen mit seinem Gegenstück, dem an einem trüben Großstadt-Wintertag
spielenden Roman Das graue Haus, in der kongenialen Übersetzung von
Walter Boehlich als Insel-Taschenbuch wiederaufgelegt worden.
Nach dem frühen Tod der Eltern ging der Achtzehnjährige zu seinem Großvater
nach Kopenhagen. Auf dessen Wunsch hin studierte er zunächst
Staatswissenschaften. Doch nach dem Tod des Großvaters wandte er sich der
Schriftstellerei und dem Theater zu. Da er die Schauspielprüfung nicht bestand,
wurde er Journalist.
Als er trotz seiner durch Eleganz und Prägnanz Aufsehen erregenden Feuilletons
bei der Zeitung rausgeworfen wurde, ging er auf Tournee, um mit
Rezitationsabenden seinen Unterhalt zu verdienen. Die Stationen waren zunächst
Norwegen, dann Berlin. Dort wurde er 1886 wegen Majestätsbeleidigung
ausgewiesen. Über Meiningen reiste er nach Wien, wo er unter großen
finanziellen Schwierigkeiten den Kurzroman Am Weg schrieb (der letztes
Jahr in der Neuübersetzung von I. und A. Keel auf Deutsch erschien). Nach wie
vor gilt die so unspektakuläre wie anrührende Geschichte der scheuen Katinka
Bai aus der dänischen Provinz, deren Sehnsucht nach Liebe und Glück unerfüllt
blieb, als die schönste Erzählung des dänischen Impressionismus. Von Wien
ging Bang nach Prag, später lebte er längere Zeit in Paris. Es war ein
unstetes, skandalumwittertes, von der Geheimpolizei wegen des Verdachts auf
sozialistische Agitation bespitzeltes Reiseleben mit wiederholten Stationen in
Kopenhagen. Bang starb schließlich sehr einsam auf einer Lesereise in den USA,
zu der er 1911 aufgebrochen war.
Einsame, tapfere Gestalten
Der 54jährige hinterließ ein umfangreiches Œuvre:
zehn Romane, eine Vielzahl von Erzählungen, Reportagen und Feuilletons, Dramen
und Gedichte. Hesse, Rilke
und Thomas Mann
kannten und bewunderten sein von Samuel Fischer verlegtes Werk. 1902 schrieb
Mann einem Freund, er lese "beständig" Herman Bang, dem er sich
"tief verwandt fühle". Und kurz vor seinem Tod bekannte er,
"alles" von ihm gelesen und "viel gelernt" zu haben.
Der Zauber von Bangs stimmungsvollen Milieuschilderungen und sensiblen
Charakterzeichnungen begegnet dem Leser nun aufs Neue in all seinem Glanz in
siebzehn von Ulrich Sonnenberg übersetzten Erzählungen und Reportagen,
vereinigt unter dem Titel Exzentrische Existenzen, und drei von I. und A.
Keel übersetzten Erzählungen, präsentiert als Sommerfreuden. Ergänzt
werden die gleichermaßen gelungenen Übersetzungen durch kenntnisreiche
Nachworte der Übersetzer.
Im Zentrum von Bangs Geschichten stehen zumeist
die Schwachen und Stillen, deren Traum von ein wenig Glück, deren Sehnsucht
nach Liebe am Kältestrom einer nach Wohlstand und Prestige strebenden
Gesellschaft zerbricht. Doch so verletzt und einsam viele der Bangschen
Gestalten sind, sie kämpfen tapfer weiter, ohne dass auch nur eine Klage über
das Ungemach ihres Schicksals, die Aussichtslosigkeit ihrer Lage über ihre
Lippen käme.
Es ist das Ungesagte und Verschwiegene, das nur gestisch Angedeutete, das beim
Lesen tiefste Wirkung erzielt: die Hände, mit denen die überforderte Frau
Brasen "wieder und wieder über die Schürze streicht"; die Augen,
"schwarz, so schwarz wie die Glut der Sonne", mit denen Fräulein
Ingeborg in Erinnerung an eine Zeit, in der das ganze Leben noch glückverheißend
vor ihr zu liegen schien, "lange über das grüne Feld und den Strand
schaut"; die zitternde Hand der jungen Pernille, die den Brief fallen lässt
- "ein grauer Fleck in all dem Schwarz"-, in dem als Spaß bezeichnet
wird, was sie für Liebe hielt.
Der impressionistische Stil, so Bang einmal, gründe in der Tiefe alles dessen,
was ungesagt bleibe. Es gibt bei ihm keine Erklärungen, kein Werten, kein
Psychologisieren. Er überlässt seinen Figuren das Feld und dem Leser die
Leerstellen zum Weiterdichten. So tragisch - von trauriger Wahrheit erfüllt -
seine Geschichten oft sind, so liegt über dem Erzählten doch der Schimmer
eines Lächelns, keines zuversichtlichen, wohl aber eines von Verstehen und
Zuneigung zeugenden Lächelns. Bangs immer wieder aufblitzender Humor, seine
satirischen Einsprengsel, sein Sinn fürs Komische, Burleske, Groteske legen
sich gleichsam begütigend auf die Bitternis und den Schmerz des Lebens.
[...diese und weitere Besprechungen
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