1.) - 5).

Exit.Vienna.
Roman von Günther Geiger (1998, Löcker).
Besprechung von Alexander Kugler aus Rezensionen-online *LuK*:

"Was Miller in Paris, bin ich in Wien"
Günther Geigers Romane "Exit. Vienna" und "Ulica Marata"

Wiens selbsternannter Henry Miller ist in die Jahre gekommen. Miller trägt jetzt ein Kopftuch, um die Glatze zu verbergen, die wilden Sextouren sind vergleichsweise zahmen Abenteuern gewichen, und die Rebellion des Außenseiters gegen die technokratische und inhumane Sterilität der zeitgenössischen Zivilisation wirkt schon ein wenig verstaubt.

Der autobiographische Roman »Exit Vienna« ist der Bericht einer literarischen Untergrundexistenz, ein Konglomerat aus Anekdoten, philosophischen Behelligungen und aversiven Reflexionen. Günther Geiger schildert sich als ewiger Außenseiter, der in Wien zu Hause ist und zwischen trendigen Künstlercafés, billigen Vorstadtbeisln, Würstelständen und diversen Wohnungen sein brachiales Leben inszeniert. Umgeben von gescheiterten Existenzen, Alkohol, Sex und sozialer Ungerechtigkeit, torkelt der Erzähler durch die dunklen Gassen der Stadt, bewohnt von einer degenerierten Endzeitgesellschaft. Was im Café Alt-Wien, »mitten im verkrusteten Herz der Donaumetropole«, als Angriff auf die Literaten beginnt, endet 19 Kapitel später im vergammelten Gürtellokal Haluks mit einer Tirade gegen die amerikanische Golfkriegspolitik.

In seiner ressentimentgeladenen Selbstinszenierung nimmt Geigers Monomanie alles gefangen, wird zur Obsession und enthüllt schließlich aus der Sicht des schonungslosen Provokateurs den perspektivlosen Anti-Helden, der sich auf der Suche nach dem intensiven Leben wie ein romantischer Anarchist gebärdet, indem er nach Belieben allseits bekannte und abgenützte revolutionäre Klischees wiederkäut oder aber auch diese in seiner Ich-scheiss-auf-alles-Manier ablehnt. Seine Aversion kennt keine Einschränkungen und richtet sich schlichtweg gegen alles, von Autos über Krebsverursacher bis hin zu Zubetonierern.

Diese Rebellion gegen das Literarische verläuft in vergleichsweise konventioneller Form und unter Verwendung von viel rhetorischem Ballast, der die Lebenserfahrungen des Außenseiters wohl zu einer literarischen Existenz stilisieren soll. Aber in Geigers Ehrfurchtslosigkeit liegt nie die verachtende Kraft eines Céline, nie wird die Respektlosigkeit vollständig zum Gestaltungsprinzip, nie bekommt der Autor seine Wirklichkeit und damit seinen Roman in den Griff. Immer wieder bricht der kitschige Pathos und der moralisierende Aufruf durch und zerstört so die Wirkung (»wir müssen mehr tun als schreiben, vorträge halten, in lokalrunden das maul aufreißen«, »ein bekenntnis der ganzen menschheit zur einbremsung des industriewahns ist vonnöten« etc.). Da, wo Céline das Leiden seiner Figuren durch raffinierte Überzeichnung und Übertreibung des Trivialen und Vulgär-Obszönen ins Irreale, Tragisch-Komische und Groteske rückt, wagt Geiger, ständig schwankend zwischen Zynismus und Sentimentalität, eine gefährliche Gratwanderung. Sein ernster und übertriebener Realismus verzichtet auf jegliche Kompromisse und beschränkt sich auf die grobe Zurschaustellung seiner vielfältigen Vorurteile als stilistische Methode.

Der Beschreibung von Häßlichkeit und Brutalität dieser erbärmlichen, zum Untergang verdammten Welt fehlt aber auch die Zärtlichkeit des Details. Die starke, bisweilen obszön-emotive Sprache weiß nichts von der Barmherzigkeit, die darin liegt, sich beobachtend und benennend über die Dinge zu beugen, ihnen die Rohheit und das Derbe durch die Genauigkeit und Wohltat der Beschreibung vor Augen zu führen.

Seinem Wunsch zu schockieren, seiner Attitüde des rebellischen Anarchisten, die er bei jeder erkennbaren Drehung und Wendung um jeden Preis herauskehrt, haftet ein pubertärer Zug an. Aber ohne die nötige Konsequenz innerhalb der unpathetischen und unsentimentalen Impulse sinkt die Sprache leicht zum stänkernden Getöse eines Halbstarken herab.

Schade eigentlich, dass Geiger so deutlich über das Ziel hinausschießt, steckt doch in seinem schnellen, bildhaft assoziativen Erzählstil, der eine eigentümliche Dynamik und Rhythmik besitzt, ohne Zweifel sein größtes Talent. Das Erzählte wird dem Leser zur beschrifteten Bilderfolge, und entsprechend dem anekdotenhaften Aufbau entbehren die Charaktere der Vergangenheit, Zukunft und Tiefe, sie wirbeln durcheinander in einem rasanten Rhythmus zwischen Gesprächen über Politik und Kunst, Sex, Alkohol und Gewalt. Aber was ein moderner österreichischer Roman der Neunziger Jahre hätte werden können, fällt durch Geigers unzeitgemäß verklärte Story leider rasch dem schon beinahe zum Charakteristikum moderner österreichischer Literatur gewordenen Anachronismus zum Opfer. Zwar ist »Exit Vienna« nicht völlig zeitlos, aber der Roman könnte genau so gut in den Siebziger Jahren spielen. Fast scheint einem, Geiger projiziere seine literarische Ignoranz auf die Leser, die aber kennen Miller, Céline und auch die Protestschreiber der amerikanischen Beat-Generation und ihre Nachfolger und Nachahmer – und denken, da ist wieder mal einer zu spät oder hat nicht aufgepasst.

Man könnte auch sagen, Geiger hat seine Form entdeckt, leider fehlt ihm die Stimme, um sein Lied zu singen. Sein vermeintlicher Anarchismus bleibt in den fest strukturierten Verständnisschichten des Erzählers verankert, das ständige wehleidige Lamento über die Ungerechtigkeiten des offiziellen Kunstbetriebes gegenüber dem Undergroundkünstler wird zur unbeabsichtigten Selbstironisierung Geigers und seiner Rolle als Prediger eines neuen Lebensgefühls, das so neu und antireaktionär nicht mehr ist. Sein Stolz und die gleichzeitige Eitelkeit vom »echten« Leben im Scheißsystem wirkt martial opportunistisch und langweilt.

Geiger ähnelt Henry Miller, wenn er glaubt, seine geistige Haltung bestünde darin, die intuitive Erkenntnis einer zum Untergang verdammten Zivilisation in exzessiver Bejahung individueller Ekstase zu überwinden. Aber anders als der echte Poet Miller schafft der »Miller Made in Vienna« es nicht, das obszöne, physiologische Detail als Sprungbrett zu metaphysischen Spekulationen zu nützen. Selbst im Exzess bleibt er bieder und ernst, nie werden seine narzistischen Beichten zur Selbstpersiflage, und selten wirken seine kritischen Beschimpfungen, schwankend zwischen linksverklärter Ideologie und anarchistischer Pfeifdrauf-Romantik, geistreich und witzig. Stolz und unverletzlich schreitet hier ein unbelehrbarer Held durch eine engstirnige Welt. Es wirkt, als ob der Realismus eigentlich des Autors eigene Entfremdung offenbare, die sich für das Glück nie selbst genügt, sondern ständig, wie von Zwang getrieben, sich den Spiegel der kaputten, angepassten bürgerlich kapitalistischen Welt (von gestern) vorhalten muss, um sich dann als strahlender Antipol selbst identifizieren zu können.

In seinem Solipsismus zeichnet der Erzähler außer sich selbst fast alle sonstigen sporadisch auftauchenden Charaktere nur in Bezug auf seine eigenen Empfindungen. Dabei macht sich Geigers autobiographische Wahrheit nicht die Mühe einer künstlerischen Stilisierung. Die Hauptfiguren werden namentlich kenntlich gemacht, an den Anfang des Buches gestellt, erlangen aber kaum je Eigenleben, verkümmern zu Metaphern oder Flüchtigkeiten. Zu sehr ist der Autor damit beschäftigt, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Die Nebenfiguren sollen ihm einen Kranz zu Füßen legen, ganz wie es sich gehört. Dementsprechend konzentriert sich der Roman auch nicht auf chronologische Abläufe, er beschreibt einen Zustand: jenen des Mit-sich-einig-Seins in der grimmigen Erkenntnis, dass die Welt auf ewig von Liebe, Ungerechtigkeit und Tod beherrscht sein wird. Und darauf wartet das Eigenbaudenkmal Geiger weiter auf seinem brüchigem Podest.

»Ulica Marata« erzählt von drei Reisen des Autors nach Moskau und St. Petersburg in den Jahren 1993 bis 1996 und sein Zusammentreffen mit Literaten und Künstlern des russischen Untergrundes. Elf Episoden schildern das düstere Angesicht der russischen Wirklichkeit nach dem Fall der Sowjetunion, wo sich das zivile Leben im Schatten einer Invasion der freien Marktwirtschaft langsam zersetzt. Zwischen den Alkoholexzessen das Übliche: brav eingefangene Erinnerungsfotos, Frauenbekanntschaften, Zugfahrten oder der Ärger über zu teuer gekaufte Socken.

»Ulica Marata« ist ein nettes, aber etwas belangloses Reisetagebuch. Immerhin, die Angst vor dem wilden Osten und der nostalgische Respekt des Autors vor »Mütterchen Russland« lassen den sonst so goscherten Geiger ein wenig kürzer treten, und das tut gut, auch wenn das ständige Hervorkehren des antibürgerlichen Intellektuellen enervierend wirkt und der Autor durch die ermüdenden und sich wiederholenden Beschreibungen der Gefahren diverser Zugfahrten wohl selbst zu ahnen scheint, dass der Bericht einer ziemlich konventionellen Reise wohl ein bisschen zu wenig ist, und so eben künstlich versucht, Spannung zu erzeugen. »Das wäre jetzt der geeignete Ort für einen Überfall« – »Das war der von den Westlern gefürchtetste Abschnitt« usw. Aber die herbeigesehnten Attacken bleiben aus, Geiger wird nicht abgestochen, Limonov ruft doch nicht an und die Erinnerungsfotos können getrost im sicheren Wiener Vorstadtheim ins Album geklebt werden.

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2.)

Exit.Vienna.
Roman von Günther Geiger (1998, Löcker).
Besprechung von Heinrich Christian Otto im FREIBORD:

Dass Günther Geiger zu den anspruchsvollsten österreichischen Prosaschriftstellern zählt, hat er bereits in „Ausbrüche + Einbrüche von Meroni & Co.“ (1987) und Transit-Exit (1989) unter Beweis gestellt - dass erst 1998 weitere Abschnitte seines umfangreichen Ouvres gedruckt wurden, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich, denn es ist typisch für den Umgang mit kontemporärer Literatur, die das Epitheton „avantgardistisch“ verdient; politisch korrekte Sprachspiele, wie sie in den Sandkästen diverser Wortklauber praktiziert werden, sind Günther Geiger ebenso fremd wie Agitprop-Aufrufe zur stalinistischen Anarchie. Auch den übrigen Modeströmungen postmoderner Sprachveredelung hat er nichts zu verdanken, seine Prosa ist nämlich durchaus barbarisch: Der archaische Umgang zu erzählen (eigene und fremde Existenz in Worten zu konservieren) gewinnt in seinem literarischen Schaffen Gestalt. Alle seine Werke sind autobiographisch, sind große Selbstlebensbeschreibungen in der Art Casanovas oder Millers. Günther Geigers Protagonisten torkeln betrunken durch ein Nichts aus Gesprächen über Kunst oder Politik und Frauen und Unterleib...Die world of arts des biederen Intellektuellen wird hintergründig - zynisch als Scheinrealität entlarvt...Die dauernden Lamentationen über die materielle Unsicherheit des Künstlerlebens karikieren sich selbst...Man könnte meinen, Günther Geiger schriebe eine Monografie über Kaffeehausliteraten, um die Jahrtausendwende oder eine Geldstudie über das Paarungsverhalten von Pseudokünstlern, wäre da nicht dieser plastische, scharfe Kontraste schaffende Erzählstil, der Personen, Orte, Handlungen usw. aus ständig wechselnden Perspektiven erfasst. Es ist gewiss kein Zufall, dass dieser Stil

besonders geeignet ist, die Nachtaspekte des menschlichen Lebens abzuspiegeln, sind diese dunklen Stunden doch Günther Geigers ureigenstes Thema: Ohne falsche Rücksichtsnahme schildert er Kriminalität und Gewalt, Alkohol. und Drogenmissbrauch, sexuelle Praktiken etc. etc.

Der im Frühjahr 1998 bei Löcker erschienene Roman „exit vienna“ ist exemplarisch für diese abgründige Sicht der Dinge: 7, nach tatsächlich lebenden Personen gestaltete Bohemiens vermitteln dem Leser das allzumenschliche im allzu künstlichen Alltag der Wiener Szene - diese Hauptfiguren kontrastieren untereinander aufs schärfste, denn Günther Geiger beabsichtigte einen repräsentativen Querschnitt durch österreichische Kultur und Subkultur. Auch die Dynamik der Handlung entsteht aus dem Aufeinanderprallen dieser unterschiedlichen Charaktere und man hat das Gefühl, dass sie einander wechselseitig kurzschließen; dieser Roman demonstriert eindrucksvoll, dass sich gerade menschliche Elende auf ironische Art und Weise schildern lassen.

„Ulica Marata“ (Triton, 1998) legt Zeugnis von Günther Geigers Beschäftigung mit Osteuropa ab - nach dem Zusammenbruch des Kommunismus führten ihn einige Studienreisen nach Russland, vornehmlich nach Moskau, ins Zentrum der Intelligentia. Naturgemäß treten dort einige Charakteristika des Künstlerlebens, wie Armut und Hoffnungslosigkeit schärfer hervor und Günther Geiger nützt diese Tatsache, um seinen Erzählstil noch pointierter, noch klarer zu gestalten; was in „exit vienna“ schon angedeutet wurde, wird hier zum Mittelpunkt des Geschehens: Politik und Kunst vereinigen sich zu einem circulus vitiosus der Missverständnisse.

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3.)

Exit.Vienna.
Roman von Günther Geiger (1998, Löcker).
Besprechung von Horst Steinfelt:

GROSSTADTDSCHUNGEL ODER WILD HEART

Also, zum Schluß was aus Europa. In der Schule habe ich gelernt, Österreich ist das Herz Europas. Geographisch. Damals war das auch politisch gemeint. Und diese Meinung hat sich nach 1945 in diesem Land festgemacht wie ein Kaugummi im Spannteppich. Nicht mehr rauszukriegen. Fragen Sie auch nicht, warum. Vielleicht kriegen Sie was Kleines mit, wenn Sie Günther Geigers EXIT VIENNA lesen. Im Vergleich mit den zwei anderen Büchern (Buddy Giovinazzo POESIE DER HÖLLE und Andrés Calcedos SALSAVIDA) habe ich mir dabei ziemlich mehr antun müssen. Weil Geiger nicht so witzig ist wie Calcedo und Giovinazzo. Geiger fährt drüber mit dem schweren Panzer in einem ununterbrochenen Monolog, wie ich ihn nur kenne nach schweren Katerzuständen. Und mit einer Wut, daß es nur so kracht. Die Wut kenne ich, ich lebe ja auch in Wien.

Nur kenne ich nicht so viele Insider wie Geiger, der sie alle auf die Seife steigen läßt, und kein Haar ungekrümmt. Warum nimmt er nicht auch einmal die öffentlichen Verkehrsbetriebe her oder die schleimigen Sonderangebote beim Billa? Ich meine, die Billa-Sackerl sind okay, aber die Besitzer haben sich hochweis verabschiedet. Hätte ich auch mal gerne.

Wenn Geigers Wut was bewirkt, zumindest bei meinesgleichen, ist schon was passiert. Soll sein. Vielleicht habe ich nur deswegen mehr Schwierigkeiten mit dem Buch, weil ich auch in Wien lebe und nicht in New York oder in Cali. Weil ich eben den Scheiß hier genau kenne, und noch mehr solche Bücher wünschte. Und nicht so was Niedliches wie OPERNBALL, filmreif, also nicht jugendgefährdend.

Jugendgefährdend ist bloß die Lüge, und die drei Bücher lügen nicht. Haben Sie das wirklich verstanden? So oder so, lassen Sie mich in Ruhe, Sie checken sowieso nur Rekorde und Jahreszahlen. Falls Sie irgendwann einmal Narben kriegen, nehmen Sie Ihren Kindern solche „Schundler“ niemals weg.

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4).

Exit.Vienna.
Roman von Günther Geiger (1998, Löcker).
Besprechung von Colette M. Schmidt:

VON BESSEREN UND SCHLECHTEREN SÄTZEN
neues aus österreichischen kleinverlagen

„alkpoeten geifern herum, oder pennen. 10 krügel hintereinander der kopf auf den tisch. einsamkeit, trauer, depression in der übervollen gaststätte. fertig, aus, keine unterhaltung mehr möglich, nur gelalle.“

Diese Zitat aus Günther Geigers Roman Exit Vienna als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen österreichischen Literatur einzusetzen wäre, wie sich zeigen wird, unangemessen. Vielmehr ist es der erste von fünf atmosphärischen Schanppschüssen am Beginn einer Reise, die in verschiedene Gebiete frisch publizierter Literatur führt.

Beginnen wir diese Reise ausnahmsweise mit einem Ausgang, den man anders verstanden in diesem Fall zum Ausgangspunkt machen kann: Exit Vienna vom gebürtigen Grazer und Wahlwiener Günther Geiger hält nur die Hälfte von dem, was sein Titel verspricht. Richtig: Schauplatz des Geschehens ist die österreichische Bundeshauptstadt, ein Ausweg aus den Tiefen der Wiener „Szene“ in einen lesenswerten Roman findet sich allerdings nicht. Exit Vienna ist vordergründig ein kritsches Gesellschaftsporträt, das zynisch und (wort)witzig zu

sein versucht. Statt dessen häufen sich kapitelweise Überlegungen und Beobachtungen voller Fadesse, die Geiger abwechselnd mit aufwendigen wie sinnlosen Sprachsalti und protokollhaften Passagen aufzufrischen versucht. Anfangs schon, wenn der Erzähler verschiedener Gschichterln sich im Alt-Wien als Voyeur getarnt daranmacht, die hiesigen „... literaten, papiertiger, papierakrobaten ...“ beim abendlichen Umtrunk zu skizzieren, mißlingt jeder Zynismus, fällt sofort der ständigen Selbstbezogenheit des Autors zum Opfer. Nun ist es ja nicht so, daß Autobiographie und Gesellschaftskritik sich ausschließen müssen, doch wird hier die Leserschaft ständig wieder dazu gezwungen, den Beobachter selbst zu beobachten, und das durch einen scheinbar vom Rausch verlangsamten Blick. Ein Effekt, den man ausreichenden Alkoholkonsum leicht selbst erzielen kann. Abstand und ein Mindestmaß an Objektivität, die jeder Story nützen, findet hier keinen Platz.

Kapitel um Kapitel wird so - zugegebenermaßen recht flüssig und im wahrsten Sinne frei von der Leber weg -, parliert, doch weder Niveau noch Unterhaltungswert oder Tiefgang nehmen im Laufe der 230 Seiten zu. Das vorletzte Kapitel mit dem bezeichneten Titel Alk Liebe Alk verrät uns wenigstens dermatologisch Wissenswertes. Wird doch beantwortet, was bei Milbenbefall mit einhergehendem starken Hautjucken wirklich hilft. Ansonsten verrät uns Günther Geiger viel über sein Liebesleben, über Sehnsüchte und gescheiterte Vorhaben von Menschen, die ihm über den Lebensweg gestolpert sind. Dichter, Maler, Gitarristen, Kindergärtnerinnen, die eigentlich Schauspielerinnen werden wollten, und sogennannte Kunstdenker bevölkern die vielleicht den Tagebüchern des Autors entrissenen Seiten, auf denen die achtziger und neunziger Jahre aufgearbeitet wurden

Nicht gerade einfühlsam, aber mit teils hemmungslosem Hang zum Detail. Weniger wäre mehr: weniger abenteuerliche Neologismen zugunsten von mehr erzählerischer Substanz und sprachlicher Präzision.

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5).

Exit.Vienna.
Roman von Günther Geiger (1998, Löcker).
Besprechung von Petra Nachbaur:

Zugegeben, gerade als (wenn auch im Fall des Autors phasenweise) Vorarlberger fühlt man den Druck besonders groß, sich in Wien und im „Alt-Wien“ als nicht-kleingeistig, nicht-konservativ, nicht-erfolgsorientiert zu präsentieren und zu profilieren. Wobei anstelle von „nicht“ eigentlich „anti“ zu stehen hätte. Daß die vorliegenden sprachlichen Manifestationen dieses Undergroundtums irgendjemanden außer den Verfasser und seinen von ihm verewigten Freundeskreis interessieren, also ein  Lesepublikum finden sollten, ist freilich eine gewagte und bemerkenswerte Hoffnung des Verlages, welcher Geigers neuen längeren Prosatext „exit vienna“ publiziert hat.

Auf 232 Seiten, in 19 Kapiteln, zeichnet Günther Geiger Episoden seines mäßig spannenden Lebens als Verfechter und Praktiker antibürgerlicher Subkultur auf. Daß dieser Text Ende der neunziger Jahre erscheint - erinnert an das ferne 1970 als Erscheinungsjahr von Elfriede Jelineks „wir sind lockvögel baby“ -, kann nur der bibliographischen angabe und manchen eingestreuten tagespolitischen Aktualitäten entommen werden, keineswegs jedoch seiner Struktur, seiner Sprache oder seinem Inhalt.

Erstaunlich gestrige, selbstverständlich heterosexuelle Bettgeschichten, weniger erstaunlich klischeehafte Frauentaxierungen, jede Menge Sauftouren, Joints, WG-Szenen, das Ganze gewürzt mit bier (wein-, schnaps-, kiff-) ernstem Lamentieren über den herrschenden, institutionalisierten Kultur-, insbesondere Literaturbetrieb prägen den pseudoradikalen Plot. Freudscher Vertipper der Rezensentin „pseudokadikal“ statt „-radikal“; ein wesentliches Unlustmoment in der Lektüre ist das humor- und witzlos wirkende, jegliche Ironie, Satire oder Leichtigkeit entbehrende „Richten“ und Urteilen des Autors über Literatur, Frauen und die Gesellschaft.

Hochgehalten werden wenige Heroen wie der legendäre Literat Hermann Schürrer, der ja inzwischen nicht mehr nur von Insidern vereinnahmt werden darf, sondern genauso in Margit Schreiners „Nackte Väter“ auftritt, einem ebenfalls kürzlich erschienenen Text, wo auf subtile Weise so viel mehr an Tabuverletzung anzutrefffen ist als in Geigers zumindest – was den Antikapitalismus betrifft – politisch korrektem Szenejournal.

Der Verdacht drängt sich auf, daß Günther Geiger gerne schriebe wie der „der hyperintelligente doppeldoktor max von riccabona“ S 36). Verständlich, immerhin ein Vorarlberger, dem es in der Tat gelungen ist, die Provinz abzustreifen, abzuwerfen in seinem  Leben wie in seinem Schreiben, was Günther Geiger in einem sehr persönlichen und liebevollen Nachruf in der Zeitschrift „wienzeile“ auch darzustellen vermochte. Was Geiger und die unermüdliche Beschreibung seiner subversiven Existenz als Mann und Autor betrifft, drängt sich ein Satz von Sissi Tax auf: „provinz ist, wo ich bin.“

„die mädchen nerven unsere wortgaben.“ (S 178). Einer der wenigen durch und durch nachvollziehbaren Sätze des Bandes. Schon möglich, daß Leserinnen noch mehr als Leser genervt sind von Geigers selbstverliebter Larmoyanz. Schon möglich, daß manche, die nicht Riccabona kennen, nie Bukowski gelesen oder noch nie ein Buch in Kleinschreibung gesehen haben, sprich: pubertierende Vorarlberger bzw. sehr sporadische und wenn, dann Robert Schneider- bzw. Arno statt Günther Leser, sprich: Vorarlberger „exit vienna“ als Bereicherung ihrer bisherigen Lektüren betrachten können. Den meisten BesitzerInnen dieses Bandes wird es genügen, das sehr schön aufgemachte Buch, dessen buntes Cover ein Wandbild aus dem Szenelokal „Flex“ ziert, wieder zuzumachen und wohl nur in den wenigsten Fällen ausgelesen; lässig dekorativ herumliegen zu lassen:

Leseprobe I Buchbestellung I home 0910 LYRIKwelt © Petra Nachbaur/G.G: