Die verborgene Existenz des William Shakespeare,
Dichter und Rebell im katholischen Untergrund.

Dokumentation von Hildegard Hammerschmidt-Hummel (2001, Herder).
Besprechung von Sylvia Staude aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Shfordus, ganz geheim in Rom
War William Shakespeare ein "Dichter und Rebell im katholischen Untergrund"?

Es lässt sich wunderbar spekulieren über einen, der zwar ein unglaubliches Werk geschaffen hat, von dem sonst aber herzlich wenig bekannt ist: William Shakespeare hat Generationen von Anglisten (und Nicht-Anglisten) zu teilweise haarsträubenden Mutmaßungen und Behauptungen veranlasst. Bis hin zu der gewagten Theorie, die berühmten Stücke seien gar nicht von ihm, sondern, wahlweise, von Francis Bacon, dem Adeligen Edward de Vere, Earl of Oxford, oder diversen Dramatiker-Kollegen. Warum aber jemand wie Ben Jonson, der ja ohne Scheu unter eigenem Namen schrieb, plötzlich unter Pseudonym veröffentlicht haben sollte - oder gar unter dem Namen einer anderen tatsächlich existierenden Person - ist schwer einsichtig zu machen.

Die "Beweise" für derlei sind fast immer äußerst dünn. Gründlicher recherchiert als viele Kollegen, die sich an Shakespeares Lebenslauf versuchten, hat nun Hildegard Hammerschmidt-Hummel, Professorin in Mainz. Sogar in alte Namenslisten des Collegium Anglicum in Rom vertiefte sie sich, um Belege für ihre These zu finden, William Shakespeare sei nicht nur Katholik gewesen, sondern habe sich sogar unter großem persönlichem Risiko als Beschützer katholischer Geistlicher betätigt. Das Ergebnis der Hammerschmidt-Hummelschen Recherche ist nun erschienen, wurde im Frankfurter Literaturhaus vorgestellt und trägt den Titel Die verborgene Existenz des William Shakespeare, Dichter und Rebell im katholischen Untergrund.

Juristen würden vermutlich von einem Indizienprozess sprechen. Mit Indizien freilich, die zu keiner Verurteilung führen könnten. Denn was, zum Beispiel, kann man daraus schließen, dass ein bekanntes Shakespeare-Porträt über ein Marienbildnis gemalt wurde, wie eine röntgenologische Untersuchung ergab? Dass der Dichter die Jungfrau verehrte und das Bild auf diese Weise bewahren wollte? Oder nicht vielleicht doch, dass man das Marienbild für überflüssig hielt und die Leinwand anderweitig nutzen wollte? Eine derartige Wiederverwertung war nicht unüblich.

Unbestritten ist, dass der Katholizismus in England damals einen schweren Stand hatte, dass seine Anhänger mit Verfolgung rechnen mussten. Doch darin, wie gefährlich Katholiken tatsächlich lebten, widerspricht sich die Autorin: Einerseits versichert sie, wer dem protestantischen Gottesdienst fernblieb, konnte sich durch Zahlung von 20 Pfund im Jahr sozusagen freikaufen, erzählt auch, dass in den Listen des katholischen Collegium Anglicum in Rom viele Zeitgenossen Shakespeares unter ihrem richtigen Namen stehen. Andererseits möchte sie, dass der Leser als Tatsache akzeptiert, dass sich hinter Eintragungen wie "Shfordus" Shakespeare verbirgt - ein Pseudonym fabriziert aus Shakespeare und Stratfordus (Stratford).

Keinesfalls ist Die verborgene Existenz (erschienen im Herder-Verlag) das Ende einer Debatte. Denn manches könnte durchaus so gewesen sein, wie Hammerschmidt-Hummel behauptet. Oder auch ganz anders.

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